Fettes Brot sind wieder da!

Was machen Helden der Jugendkultur, wenn sie so langsam graue Haare bekommen? Eine Frage, mit der sich auch die Hiphop-Band Fettes Brot beschäftigen muss. Ein Porträt über drei Mittdreißiger zwischen rotem Teppich und Abendbrottisch

Reife Helden

Älterwerden ist schon irgendwie blöd. "Die Wahrheit ist", schrieb einst der österreichische Essayist Jean Améry, "dass man vernünftigerweise nicht gegen die Zeit stehen kann, ihr nicht nachjagen darf, aber auch nicht den Ausweg hat, sich aus dem Zeitlauf herauszunehmen." Soll heißen: Älter wird man, die Zeit verrinnt, und wenn du dich noch so wehrst - machen kannste dagegen einfach nix. Tatsächlich? Nicht mal, wenn man im Grunde sein ganzes Leben damit verbracht hat, jung zu sein? Oder zumindest ein wichtiger Teil der Jugendkultur? Nicht einmal dann, wenn man Fettes Brot ist? Seit 15 Jahren machen die drei Herren aus dem Hamburger Umland Hiphop. Mehr noch: König Boris, Doktor Renz und Björn Beton, so zur Zeit ihre Bühnennamen, gehören zu den wichtigsten Vertretern dieser Gattung Musik in Deutschland. Mit "Nordisch By Nature" hatten sie ihren ersten großen Hit. Damals waren sie knapp über 20, seitdem spielen sie ihre Konzerte in großen Hallen, und in den ersten Reihen stehen immer noch Menschen, die am nächsten Morgen wieder zur Schule müssen. Jubeln Männern zu, von denen sie sich verstanden, denen sie sich seelenverwandt fühlen - und die heute ungefähr doppelt so alt sind wie sie selbst.

Wie die Jahresringe eines Baumes

"Es ist besonders schön zu wissen, dass es Leute gibt, die mit uns in ihre Musikhörerkarriere einsteigen - die erste CD, das erste Konzert vergisst man ja nie, die behalten einen Platz im Herzen", sagt Björn Warns, mit 34 ein gutes Jahr älter als die anderen beiden. Ein paar seiner dunklen Haare sind an der Seite schon ergraut. Das hat er gemeinsam mit einem guten Teil der Fans von Fettes Brot, sagt Boris Lauterbach: "Es gibt Zuhörer, die mit uns aufgewachsen sind und langsam mit uns alt werden - da waren vor 15 Jahren schon Leute im Publikum, die jetzt mit ihren Kindern kommen". Die Zuschauerstruktur bei Brote-Konzerten hat etwas von den Jahresringen eines Baumes: Von der Bühne nach außen nimmt das Alter der Besucher kontinuierlich zu, nicht wenige Menschen um die 60 stehen ganz hinten und wippen milde bei "Jein" und "Emanuela" mit.

Und das liegt durchaus auch daran, dass sich die Herren entwickelt haben in dieser langen Zeit. Früher galt Fettes Brot als pure Spaß- und Partyband. Vorbei, sagt Martin Vandreier: "Mittlerweile haben wir einen Einblick in diffizilere Ausdrucksformen bekommen, unsere Platten sind breiter angelegt". Tatsächlich: Soul, Jazz und Pop haben die Herren in ihr Repertoire integriert, dazu gibt es Texte auf sprachlich hohem Niveau - mal selbstironisch, mal gesellschaftskritisch, selten belanglos. Auch damit grenzen sie sich ab von vielen anderen, die in Deutschland im Hiphop aktiv sind. Predigen keinen Hass wie Bushido oder Sido, sind fröhlicher als die verkopften Fantasischen Vier und felsenfest verankert im Business, im Norden Deutschlands sind die Brote die Hiphop-Combo Nummer eins. "Wir sind als Band mittlerweile im Mainstream angekommen", sagt Boris, "und umso mehr daran interessiert, Erwartungen nicht zu erfüllen."

Lieber verbrennen als erfrieren

Auch mit der neuen CD. Vor drei Jahren hatte die Band ihre letzte Platte auf den Markt gebracht. Martin und Björn waren in den Jahren davor Väter geworden und hatten plötzlich einen anderen Blick auf die Welt - es fand sich ein Lied aus der Sicht einer alleinerziehenden Mutter auf dem Album, eines über die Ängste in einer unberechenbaren Gesellschaft, die ganze CD hatte die familiäre Anmutung eines Kaffeekränzchens am Sonntagnachmittag. "Danach wurde uns eine gewisse Erwachsenheit bescheinigt", sagt Martin. Diesmal liegt der Fall anders: Das neue Album "Strom und Drang" (erscheint am 17. März) beginnt mit der Zeile "Wir sind jung, wir sind frei, das ist unsere Stadt". "Lieber verbrennen als erfrieren" heißt dieses erste Stück, und es steht über der CD wie ein Mantra: Sie ist laut, druckvoll, tanzbar und streckenweise pubertär, zumindest auf den ersten Blick.

Die erste Single "Bettina, zieh dir bitte etwas an" hat ordentlich Furore gemacht, weil es um Sex geht, und der verkauft immer; das Techno-angehauchte Stück ("Bettina, pack deine Brüste ein") ist der Renner in den Discos und an Après-Ski-Buden. Und so etwas wie ein trojanisches Pferd: Dass es sich um Kritik an einer übersexualisierten Welt handelt, überhört man ziemlich leicht am Anfang. "Wir wollten ja auch zum Tanzen und Durchdrehen anregen", sagt Martin, "aber dabei über etwas singen, was uns drei umtreibt: Dass unsere Gesellschaft mit pornografischen Bildern das kapitalistische System anfeuert. Die unmöglichsten Sachen von Handy bis Schokoriegeln werden mit lustverzerrten Gesichtern verkauft, und das hat mit der eigentlichen Sinnlichkeit von Sexualität nichts zu tun. Vielleicht führt das sogar dazu, dass das Hirn mit diesen Bildern so verklebt ist, dass man gar nicht mehr mit der realen Begegnung zurecht kommt".

Nicht mehr ganz so unsterblich

So reden die Herren Brote. Sind klug, eloquent, reflektiert, Mittelschichtkinder aus der Vorstadt mit Abitur, auch das unterscheidet sie von vielen Rappern in diesem Land. Und jetzt, wenn man die neue CD so hört, sind sie plötzlich auch noch jünger geworden. "Wir haben den 17-Jährigen in uns wieder zum Leuchten gebracht", sagt Boris, "und das war eine tolle Erkenntnis: Dass man das, was man war, auch immer ein Stück weit" - wirklich: er sagt "ein Stück weit" - "bleibt". Sie haben diesmal Musik gemacht wie zu Beginn ihrer Karriere, "wie früher, einfach los gelegt. Es war uns angenehm egal, was am Ende dabei heraus kommt", sagt Martin. Klingt irgendwie wie eine Trotzreaktion, als ob sie einfach ihre eigenen Lebenswirklichkeiten ignorieren, wenn sie von Mädchen singen, die nach Shampoo und Kaugummi riechen, und von erster richtiger Liebe, ein echtes Highlight ist das verstörende "Ich lass dich nicht los" aus der Sicht eines Stalkers, gefolgt von "Hörst du mich?", einer Referenz an Marvin Gaye und Sophie Scholl. Darin geht es um die Sehnsucht nach Menschen, die Größe verkörpern und etwas hinterlassen, das die Zeit überdauert. "Liegt wohl in der Biologie der Sache, dass man mit Mitte 30 anders über Vergänglichkeit denkt als mit 17. Da hält man sich für unsterblich, und die Konsequenzen sind einem scheißegal, wenn man besoffen vom Dach eines Bushaltestellenhäuschens springt. Das ist es heute nicht mehr", sagt Björn.

Zweimal Leben

Denn zu Hause warten Kinder. Zwei hat Björn, Martin auch, die beiden sind verheiratet und besitzen Wohneigentum. "Popstar und Familie vereinbaren die zwei radikalsten Anforderungen, die an einen Mann gestellt werden können", sagt Martin. Auf Tour sind sie in einer künstlichen Welt, und zwar zu 100 Prozent, abgekoppelt von allem, was in Hamburg und Pinneberg, dem Wohnort von Björn Warns, passiert. "Wenn dein Kind zu Hause mit 39,5 Grad Fieber im Bett liegt und du auf der Bühne darüber nachdenkst, wirst du keiner der Anforderungen gerecht", sagt Martin Vandreier. Zwei parallele Leben, zweimal ganz oder gar nicht.

Kein Fünf-Jahresplan in der Hinterhand

Wie lange kann man so weitermachen? Wie oft noch werden Fans nachwachsen, werden neue 16-Jährige in der ersten Reihe stehen und mitwippen? Das weiß keiner, die Brote schon gar nicht. Björn sagt: "Wir haben keinen Fünf-Jahres-Plan. Wir wissen nicht, was wir als nächstes tun." Boris sagt: "Das Alter spielt eine geringe Rolle bei der Frage, wie lange man Musik macht. Die Frage ist eher: Was habe ich den Leuten noch zu erzählen?" Martin sagt: "Wir vergleichen uns mit einer Beziehung, in der man auch nie weiß, wie lange es trägt." Aber schließlich hätten sie eine Aufgabe, sagt er: "Wir wollen der Finger im Po der Zeit sein. Und auf das Jucken hinweisen, an das man nicht herankommt und das man nicht wegkratzen kann". Keiner von ihnen hat sich bisher Gedanken um einen Riester-Plan zur Altersvorsorge gemacht wie so viele andere in ihrer Altersklasse, in der es so viele "Kopfrentner gibt, die vor der Zeit gealtert sind", sagt Björn. "Aber wir haben einen Beruf, der dazu einlädt, die revolutionäre Kraft eines 17-Jährigen immer wieder zu suchen". Vielleicht ist das das Privileg, wenn man Fettes Brot ist: Man darf jung alt werden.

Text: Stephan Bartels/Jan Gritz

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