Gomorrha - Reise ins Reich der Camorra

Mafiafilm einmal anders: Ungeschönt zeigt Matteo Garrones Verfilmung des Doku-Romans "Gomorrha" die Machenschaften der süditalienischen Mafia. Und führt dem Zuschauer eine Realität vor Augen, die manch einer für einen Mythos gehalten hat

Gleißend helles Licht, surrende Motoren, Männer in Unterhose in einer Sonnenbankkabine. Im Hintergrund neapolitanischer Kitsch-Pop. Schüsse fallen, leblose Körper sacken in sich zusammen und hinterlassen Blutspuren an den weißen Wänden. Die Musik dudelt weiter: Willkommen im Reich der Camorra.

Totò ist dreizehn, sein Vater sitzt im Gefängnis. Zusammen mit seiner Mutter lebt er in Neapels sozialem Brennpunktviertel Scampìa, in dem sich zwei Camorra-Clans bis auf's Blut bekriegen. Das Überleben der Familie sichert ihr Clan, doch Totò läuft zum Gegner über: Er träumt von einer großen Karriere als Camorrista und merkt nicht, wie er zwischen die Fronten des Bandenkriegs gerät.

Szenenwechsel: Eine Grube, so tief, dass die Kamera sekundenlang über ihre Mauern streift, bis sie den Boden einfängt. Dem Giftmüll-Händler Franco stehen bei diesem natürlichen Lagerraum die Dollarzeichen in den Augen. Da wird ein Arbeiter, der sich beim Transport der giftigen Ware schwere Verbrennungen zuzieht, schnell mal zur Nebensache. Sein Zögling Roberto scheint zunächst nicht verstehen zu wollen, womit sein Chef da eigentlich sein Geld verdient.

Don Ciro ist ein Buchhalter der ganz besonderen Art und das nicht nur, weil er eine kugelsichere Weste trägt: Er arbeitet für einen der Mafia-Clans und zahlt den Angehörigen toter oder inhaftierter Mitglieder eine Art Gehalt aus. Schon lange wünscht er sich nichts sehnlicher, als den Job zu wechseln, denn er fürchtet um sein Leben.

In einer lauten Autobahnraststätte starrt der neapolitanische Schneider Pasquale entgeistert auf den Fernseher. Scarlett Johansson schreitet in einer weißen Robe, die Pasquale selbst entworfen hat, über den roten Teppich. Er wird jedoch nie auch nur einen Cent der tausenden von Dollars sehen, die für dieses Kleid bezahlt wurden. Daran kann sein lebensgefährlicher Deal mit der chinesischen Mafia auch nichts ändern.

Und dann sind da noch Marco und Ciro, mit denen alles endet. Die beiden Teenager sorgen für einige Unruhe in Scampìa, denn sie haben den aberwitzigen Plan gefasst, sich keinem der beiden Clan-Bosse zu unterwerfen. Gemeinsam träumen sie ihren Traum vom eigenen Clan, gemeinsam entdecken sie ein geheimes Waffenlager der Camorristi, gemeinsam werden sie verwarnt und gemeinsam müssen sie am Ende für ihr Aufbegehren büßen.

>>Auf der nächsten Seite: Die neapolitanische Realität - eiskalt und erschreckend wahr

Mit kaltem Blick

Regisseur und Kameramann Matteo Garrone fängt mit kaltem Blick die neapolitanische Realität ein und erspart dem Zuschauer kein Leid. Dadurch erzeugt er ein so großes Maß an Authentizität, dass wir uns ein um das andere Mal erschüttert in unseren Kinosesseln zurücklehnen.

Da ist kein Pate, der wie in Coppolas großer Mafia-Trilogie beschützend seine Hände über das Schicksal seiner Familie zu halten versucht, und da ist auch kein steil aufsteigender, narbenzerfurchter Al Pacino, der im Luxus schwelgt und mit ihm untergeht.

Was wir sehen, ist ebenso erschreckend wie wahr. Der Film wurde an realen Schauplätzen gedreht und die Schauspieler sind zum Teil vor Ort gecastet und engagiert worden. Wahr ist auch, dass der Autor Roberto Saviano seit dem 13. Oktober 2006, dem Tag, an dem er seinen Millionen-Bestseller veröffentlichte, unter strengstem Polizeischutz leben muss.

Die Reise, auf die uns Saviano und Garrone mitnehmen, hat mit unseren mythisch-verklärten Vorstellungen der Mafia nichts gemein. Im Gegenteil: Wir werden Zeuge einer europäischen Realität, die optisch nicht eindrucksvoller hätte eingefangen werden können.

Gomorrha ist trotz der einen oder anderen erzählerischen Schwäche, die den Zuschauer manchmal Zusammenhänge nicht sofort verstehen lässt, ein wirklich sehenswerter Film. Durch die glückliche Zusammenarbeit mit den Jungs von Massive Attack, die eigens einen Song für den Film komponierten, kann er auch musikalisch mit einigem aufwarten. Unbedingt anschauen!

Fotos 20th Century Fox
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