Im Kino: Egoiste - Lotti Latrous

Sie hatte alles: eine Luxusvilla mit Pool, einen Koch, einen Diener und einen Chauffeur. Sie hat der großen Liebe ihres Lebens drei Kinder geboren und die halbe Welt bereist. Doch das Leben in Glück und Wohlstand ist nicht ihre Bestimmung: Im Jahr 1999 eröffnete Lotti Latrous in Abidjan (Elfenbeinküste) ein Ambulatorium und Sterbehospiz für aidskranke Menschen. Stephan Anspichler bringt ihr bewegtes Leben als Dokumentation auf die Kinoleinwand

Zwei von unzähligen Schicksalen

Als der kleine Junior zu Lotti Latrous ins Ambulatorium gebracht wird, wiegt er nur noch 6,3 Kilo. Junior hat Aids. Seine Mutter ist dem tödlichen Virus erlegen, und sein Vater, ein reicher Geschäftsmann, kann sich nicht um seinen Sohn kümmern. Madame Lotti streichelt dem Kleinen übers Gesicht, liest ihm Geschichten vor. Neben seinem Bett stehen Weihnachtsgeschenke. Junior wacht am Weihnachtsmorgen nicht auf.

Florence ist 23 Jahre alt und wird den nächsten Tag nicht mehr erleben. Ihre zitternden Hände verraten ihre Angst vor dem Tod, der sie seit Tagen nicht erlösen will. Ihre Atmung ist flach, ihre Augen blicken erschöpft auf Lotti, die ihr zur Seite steht und in den letzten Stunden nicht von der Seite weicht.

Madame Lotti, so wird Lotti Latrous mit Liebe und Respekt von den Sterbenskranken genannt, hat schon hunderte Menschen in den Tod begleitet. Sie opfert sich für ihre Arbeit auf und bezeichnet sich doch als "größten Egoisten" der Welt. Wie kann das sein?

Der egoistischste Mensch der Welt?

Der Grund hierfür ist an ihrer Biographie abzulesen: Die 1953 geborene Schweizerin lernt ihren tunesischen Mann Aziz in Genf kennen, wo er als Direktor von Nestlé arbeitet. Lotti und ihre mittlerweile drei Kindern folgen Aziz bei seinen zahlreichen Versetzungen durch halb Afrika, bis sie sich schließlich in Abidjan (Elfenbeinküste) für zwei Jahre niederlassen.

Dort findet die in Wohlstand lebende Lotti ihre wahre Bestimmung, ihre "Berufung", wie sie es nennt: Sie eröffnet das Ambulatorium. Und nimmt das Risiko auf sich, dass ihre Familie an ihrer Arbeit zerbricht. Als ihr Mann nach Kairo versetzt wird, geht sie nicht mit. Sie kann die bis zu 120 Menschen, die täglich ihre Hilfe benötigen, nicht allein lassen. Sie kann nicht und vor allem: sie will nicht.

Ihr Sohn Selim, der heute stolz auf seine Mutter ist, bricht für zwei Jahre den Kontakt zu ihr ab. Aziz unterstützt sie. Seine Liebe zu ihr ist größer als jeder Anspruch auf Präsenz seiner Frau, den er erheben könnte. Sein "Hauptziel", so sagt er, sei immer die "Familie" gewesen. "Eine Scheidung" kam nie in Frage. Lotti Latrous hält sich für die größte Egoistin der Welt, weil sie sich nimmt, was sie will, ohne dabei Rücksicht auf ihre Familie zu nehmen. Im Laufe ihres Selbstfindungsprozesses hat sie festgestellt, dass allein ihre Arbeit in Abidjan sie glücklich machen kann. Und ihr persönliches Glück stellt sie - man mag das egoistisch nennen - über alles.

Zwischen Ablehnung und Bewunderung

Der junge Filmemacher und Regisseur Stephan Anspichler (27) begann seine Arbeit an "Egoiste" bereits im Jahr 2005. Er wollte einen authentischen Film über die 'Schweizerin des Jahres 2004' drehen, ohne dabei politisch zu werden oder zu werten. "Die Emotionen stehen im Vordergrund". So weit ist ihm das auch gelungen.

Was diesen Dokumentar-Film dennoch schwierig macht, ist seine Hauptdarstellerin. Einerseits bewundern wir sie absolut für all das, was sie in Abidjan leistet. Wir staunen über ihre Willensstärke und vor allem über ihre Kraft, mit der sie die ernüchternde und erschütternde Realität in ihrem "Zentrum der Hoffnung" meistert. Die Art und Weise, wie sie mit ihrer Familie umgeht, können wir verurteilen oder als ihre persönliche Entscheidung akzeptieren. Doch obwohl wir mit eigenen Augen sehen, wie liebevoll sich Madame Lotti um die Kranken kümmert, wird sie uns doch nie wirklich sympathisch.

Vielleicht liegt das an ihrem dominanten Auftreten. Vielleicht sind wir auch von ihren Tränen in den Augen genervt, mit denen sie ihre Familie um Verzeihung bittet. Vielleicht empfinden wir ihre Aussage, sie sei "der größte Egoist der Welt" auch als zu plakativ, so als würde sie damit nur Aufmerksamkeit erhaschen wollen.

Vielleicht sind wir tief in unserem Inneren aber auch ein bisschen neidisch, weil diese Frau ihren Weg gefunden hat und ein freies und selbstbestimmtes Leben führt. Weil sie macht, wovon viele nur träumen: Sie verwirklich ihren Traum und somit auch sich selbst. Vielleicht sollten wir aufhören, hinter einem Menschen, der so viel Gutes bewirkt, das Perfekte zu suchen. Und sie einfach für das, was sie durch ihre Arbeit täglich leistet, anerkennen. Denn was wirklich zählt, sind die Menschen, denen sie hilft. Alles andere ist nebensächlich.

Bilder York Street Productions International
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Sie hatte alles: eine Luxusvilla mit Pool, einen Koch, einen Diener und einen Chauffeur. Sie hat der großen Liebe ihres Lebens drei Kinder geboren und die halbe Welt bereist. Doch das Leben in Glück und Wohlstand ist nicht ihre Bestimmung: Im Jahr 1999 eröffnete Lotti Latrous in Abidjan (Elfenbeinküste) ein Ambulatorium und Sterbehospiz für aidskranke Menschen. Stephan Anspichler bringt ihr bewegtes Leben als Dokumentation auf die Kinoleinwand

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