Im Kino: Ein Leben für ein Leben

"Ein Leben für ein Leben" ist ein Film über Unmenschlichkeit. Ein Film über die kranke Idee eines SS-Mannes, sich einen deportierten Juden als Hund zu halten

Der SS-Mann Klein kommt in "Ein Leben für ein Leben" auf die perverse Idee, sich einen Häftling als Hund zu halten

Glück und Erfolg in der Weimarer Republik

Zu Beginn der 1930er Jahre liegt die Weimarer Republik in ihren letzten Zügen. Und ihre unbändige Theater- und Kabarett-Szene geht ebenfalls langsam zugrunde. Doch Adam Stein (Oscar-verdächtig gespielt von Jeff Goldblum), Kabarett-Künstler und Clown, verlässt die Bühne nicht. Abend für Abend unterhält er sein Publikum, unter das sich inzwischen auch die Nationalsozialisten gemischt haben, mit immer neuen verblüffenden Tricks. Seine Familie ist - ob im Rampenlicht oder hinterm Vorhang - immer dabei. Für Adam sind seine Frau und seine Töchter das größte Glück.

Im Kino: Ein Leben für ein Leben

Die Deportation

Doch dieses Glück wird ihm jäh entrissen. Gemeinsam mit anderen Berliner Juden werden Adam und seine Familie in ein KZ deportiert. Lagerkommandant Klein erkennt den berühmtesten Clown Berlins wieder - für Adam ist das eine fatale Begegnung, die ihm jedoch das Leben schenken wird. Stein fasst den grausamen Plan, seinen Gefangenen wie einen Hund zu halten: Er muss mit Schäferhund Rex in einem Zwinger schlafen, darf sich nur noch auf allen Vieren fortbewegen, muss unterwürfig und seinem Herrchen stets zu Diensten sein. Als Adam nach einem Jahr seine Freiheit geschenkt wird, ist er mehr Tier als Mensch. Seine Familie, bis auf eine Tochter, ist in der Gaskammer ums Leben gekommen.

Adams übersinnliche Fähigkeiten

Als Adam seiner Tochter, die mittlerweile in Israel lebt, einen Besuch abstatten will, wird er mit der schrecklichen Nachricht ihres Todes konfrontiert. Israel wird zum Mittelpunkt von Adams Leben: Inmitten der großen israelischen Wüste lebt er mit seinen Leidensgenossen in einem Sanatorium für Überlebende des Holocausts. Dem Zuschauer, der mit dieser Szenerie zu Beginn des Films konfrontiert wird, ist schnell klar: Adam hat etwas Übersinnliches an sich. Die anderen Patienten verehren ihn, sehen ihn als eine Art spirituellen Führer. Den ehemaligen Clown scheint noch immer eine Aura zu umgeben, die ihm auf der Bühne zu riesigem Erfolg gebracht hat und die es ihm ermöglicht, sich vor jedem, ob Mensch oder Tier, Gehör zu verschaffen.

Lest auf der nächsten Seite, welch folgenreiche Entdeckung Adam in "Ein Leben für ein Leben" macht

Adam ist fasziniert von dem kleinen Davey, der sich für einen Hund hält

Eine seltsame Entdeckung

Dank dieses Talents gelingt es Adam, sich dem neuen Patienten des Sanatoriums zu nähern: Ein kleiner Junge wird von einem Tuch verdeckt in einem Raum versteckt gehalten. Er hält sich für einen Hund. Als Adam den Raum betritt und seine Hand nach dem kläffenden Ding ausstreckt, beißt der Junge ihm in die Hand. Von dem Tag an setzt der traurige Clown mit den übersinnlichen Fähigkeiten alles daran, den Jungen zurück in ein normales Leben zu führen. Und so auch sein eigenes Leben zurück zu gewinnen.

Eine ganz neue Art von Film über den Holocaust

Fasziniert lauschen die anderen Patienten Adams Worten

"Ein Leben für ein Leben" ist der neue Film des Meisteregisseurs Paul Schrader. Ihm gelingt es, eine Geschichte über den Holocaust zu erzählen, die etwas völlig Neues macht: Er beschäftigt sich mit den Traumata der Überlebenden und zeigt lediglich in der Retrospektive die schrecklichen Dinge, die der von Jeff Goldlum sensationell gespielte Adam Stein im KZ über sich ergehen lassen musste. Dabei ist ein Film herausgekommen, der den Zuschauer auf vielen Ebenen schockiert. Zum einen sind wir entsetzt von den schier unbegrenzten Ausmaßen menschlicher Bosheit. Und zum anderen blicken wir mit weit aufgerissenen Augen auf Jeff Goldblum, der die Figur Adam Stein zwischen verzweifelter Boshaftigkeit, Aggression, Machtbesessenheit, großer Verletzlichkeit und noch größerer Traurigkeit schillern lässt. Dieser Film ist so eigenartig anders als alle anderen Kino- oder TV-Produktionen über den Holocaust, dass man ihn einfach selbst anschauen muss. Und selbst erleben muss, welch seltsam-übersinnliche Aura den schwer traumatisierten Adam Stein umgibt. Für "Ein Leben für ein Leben" standen zum ersten Mal deutsche und jüdische Schauspieler gemeinsam vor der Kamera. Dieser Film ist absolut sehenwert!

Text Julia Windhövel
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