Im Kino: O'Horten

Glaubt man Udo Jürgens, fängt das Leben mit 66 Jahren an. Für Odd Horten scheint es mit 67 schon wieder vorbei zu sein: Seit mehr als 40 Jahren steigt der hagere Norweger tagtäglich in seine Lok, um Passagiere von Oslo nach Bergen und wieder zurück zu fahren. Morgen ist sein letzter Arbeitstag. Und dann geschieht etwas Unglaubliches: Horten verschläft

Ein Zug gleitet durch eine verschneite Landschaft. Alles ist still. Nur das gleichmäßige Rattern der Räder auf den Schienen ist zu vernehmen. In der Führerkabine sitzt Odd Horten mit einer Pfeife im Mundwinkel, neben ihm hockt ein Kollege: sein Nachfolger. Alles scheint seinen gewohnten Gang zu nehmen. Nach Dienstschluss trifft man sich in einer Kneipe und spielt "Züge an ihren Geräuschen erkennen".

Horten hat keine Freude an diesen Spielen, er ist lieber allein zu Hause. Wenn er nicht gerade seine Wellensittiche pflegt, dann kümmert er sich um seine demente Mutter Vera, eine Ex-Skispringerin, die im Altenheim lebt. Ein einziges Mal lässt sich Horten überreden, mit seinen Kollegen zu feiern, schließlich ist er soeben pensioniert worden. Ein verhängnisvoller Fehler?

Sein Leben ist auf jeden Fall von dem Tag an nicht mehr das alte: An seinem letzten Arbeitstag verschläft er und verpasst seinen Zug. Man könnte vielleicht meinen, dass Horten nun völlig verzweifelt. Doch weit gefehlt: Er beginnt ein neues, ungewollt aufregenderes Leben und stolpert von einer seltsamen Situation in die nächste. So kommt es, dass er eines abends in roten Stöckelschuhen durch die eisigen Straßen schlittert und den Diplomaten und Afrika-/Indochina-Experten Sissener kennenlernt, der blind Auto fahren kann. Beflügelt durch Sisseners Unbeschwertheit setzt Horten, dem immer der Mut zum Skispringen fehlte, zum Sprung seines Lebens an. Ob ihm die Landung wohl gelingt?

"O'Horten" ist der neue Film des norwegischen Filmemachers Bent Hamer, der schon mit "Kitchen Stories" (2003) einen ganz eigenen Ton angeschlagen hat. Seine Charaktere sind Menschen, die allein sind und ein Leben führen, das uns oftmals langweilig erscheint. Doch sie kennen es nicht anders und wollen es vielleicht auch gar nicht anders. Bis das Schicksal in Form eines unerwarteten Ereignisses an die Tür klopft und sie einfach mitnimmt.

Mit wundervoll poetischen Bildern gewährt uns Bent Hamer Einblick in das Leben Odd Hortens und schafft so eine lakonische Erzählung über die verschlungenen Wege, die das Schicksal nimmt. Auf dem Filmfest in Cannes 2008 war "O'Horten' in der Sektion "Un certain Regard" einer der Publikumslieblinge. Alle Fans skandinavischer Filme und deren ganz besonderer Art von Humor sollten sich "O'Horten" auf keinen Fall entgehen lassen!

Bilder Prokino Deutschland
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