Jan Delay: "Kleine Sünden sind o.k."

Jan Delay ist einer, der zu allem was zu sagen hat, egal ob Wirtschaftskrise oder Öko-Terroristen, anstrengende Frauen oder sein neues Album "Wir Kinder vom Bahnhof Soul". Ein Gespräch auf dem Sonnendeck

Seine Musik ist tanzbar, seine Meinungen streitbar, sein Style stets tadellos: Das stellt Jan Delay, der Dandy unter den deutschen Hip-Hoppern, auf seinem neuen Album "Wir Kinder vom Bahnhof Soul" wieder einmal unter Beweis. Zum Interview auf einer Terasse im Hamburger Stadtteil Ottensen knallt die Sonne vom Himmel, Jan baut sich eine ziemlich große Zigarette und spricht über uncoole Buchhaltung und gute Musik. Dabei fällt er einem gerne mal ins Wort. Er hat eben zu allem was zu sagen.

Brigitte Young Miss: Gleich im ersten Song auf deinem neuen Album sagst du: "Es ist hart, so hammerhart im Showgeschäft." Hat dich die Krise schon erreicht?

Jan Delay: Es gab sogar noch eine andere Line, die irgendwann rausgeflogen ist: "Sie sagen Wirtschaftskrise, alles kaputt - ich sag 'Hallo, ich bin Musiker, willkommen im Club'." Die Krise, die jetzt alle ereilt, ereilt uns im Musik- und Showgeschäft schon seit 2000. Insofern kommen wir damit viel besser zurecht als andere.

Brigitte Young Miss: Du hattest auch mal ein eigenes Label, das 2003 Insolvenz anmelden musste.

Jan Delay: Stimmt. Aber die Insolvenz war nicht unbedingt auf die Krise oder das Internet zurückzuführen, sondern auf bescheuertes Management und fehlende Buchhaltung...

Brigitte Young Miss: Ich habe gehört, dass du drei Tage lang VWL studiert hast.

Jan Delay: Das zeigt ungefähr, wie viel Begeisterung ich für so etwas an den Tag lege. Das ist einfach nicht meine Welt. Ich hatte Bock auf diese Labelsache, um etwas zurückzugeben. Aber aus dem Tagesgeschäft habe ich mich komplett rausgehalten.

Brigitte Young Miss: Was hast du aus der Insolvenz damals gelernt?

Jan Delay: Dass ich nicht der richtige Mann bin, um eine Firma zu leiten, in der es um etwas anderes geht als meine eigene Musik. Und dann, wie wichtig es ist, wirtschaftlich zu denken und zu arbeiten. Du musst dich eben auch um so uncoole Dinge wie Buchhaltung kümmern.

Brigitte Young Miss: Glaubst du, Deutschland verändert sich durch die Krise? Beim diesjährigen Schanzenfest in Hamburg zum Beispiel kam es zu heftigen Krawallen zwischen der Polizei und autonomen Demonstranten.

Jan Delay: Wieso, die gibt es doch jedes Jahr. Meinst du, wenn zehn Polizisten mehr als sonst einen auf den Deckel kriegen, hat das was mit der Krise zu tun?

Brigitte Young Miss: Das könnte man vermuten...

Jan Delay: Nein, so etwas war immer da und wird auch immer bleiben. Mit der Krise hat das nichts zu tun. Vor zehn Jahren ging es allen gut und trotzdem gab es Krawalle beim Schanzenfest.

Auf der nächsten Seite: Heute so und morgen anders

Jan Delay: Heute so und morgen anders

Brigitte Young Miss: In einem der neuen Songs erklärst du, worum es bei dir geht: "Schwarze Musik, schwarzer Block, schwarzer Humor und schwarze Zahlen". Ein ziemlicher weiter Bogen, den du das spannst. Wie passt das zusammen?

Jan Delay: Eigentlich passt es nicht zusammen, aber bei Jan Delay passt es eben doch. Ich finde, es ist eine kongeniale, sehr humoristische Beschreibung meiner Person und meiner Kunst.

Brigitte Young Miss: Aber genau für diese Kombination aus Kommerz und Protesthaltung wirst du immer wieder kritisiert.

Jan Delay: Das ist mir scheißegal. Genau das mag ich an mir, dass ich heute so bin und morgen so.

Brigitte Young Miss: Du trittst auf einer kommerziellen Schiffstaufe auf und in wetterst in deinen Liedern gegen die Kommerzialisierung unserer Städte...

Jan Delay: Ich schreie auch, dass alle Öko-Stalinisten sich verpissen sollen, und trotzdem gehe ich zum Biomarkt. Genau darum geht es bei "Oh Jonny". Wenn du versuchst, alle Regeln der Political Correctness und des Gutmenschentums einzuhalten, wirst du irgendwann als spaßfreier, vertrockneter Taliban in einer Höhle enden. Ich finde, so lange man ein Gewissen hat, darf man sich kleine Sünden erlauben. Nobody's perfect, heißt es doch so schön.

Brigitte Young Miss: Irgendwie kann ich mir nicht vorstellen, dass du dir beim Öko-Bauern eine Gemüsekiste bestellst.

Jan Delay: Dann kennst du mich schlecht. Ich habe mir vorhin noch eine Tüte voll Zeug aus dem Bioladen besorgen lassen.

Brigitte Young Miss: Du achtest auf gesunde Ernährung?

Jan Delay: Klar, besonders, wenn ich von morgens bis abends unterwegs bin. Sonst würde ich irgendwann zusammenklappen. Insofern hat es nichts mit Idealen oder einer bestimmten Haltung zu tun, dass ich im Biomarkt einkaufe. Ich will mich einfach ordentlich ernähren.

Auf der nächsten Seite: Warum Jan Delay ein guter Koch ist

Brigitte Young Miss: Kannst du auch kochen?

Jan Delay: Ja.

Brigitte Young Miss: Was denn besonders gut?

Jan Delay: Alles. Ich bin ein guter Koch. Das habe ich von meinem Papa gelernt. Ich glaube sogar, dass alle kreativen Menschen gute Köche sind. Kochen ist wie Musikmachen, du nimmst verschiedene Zutaten, packst sie zusammen und kreierst daraus etwas Neues mit deiner ganz persönlichen Note. Genauso mache ich Musik.

Brigitte Young Miss: Deine Musik klingt inzwischen nach Disco und Funk, Samy Deluxe singt, dein Beginner-Kollege Dennis Lisk hat eine Singer-Songwriter-Platte herausgebracht: Ist man irgendwann zu alt fürs Rappen?

Jan Delay: Naja, jenseits der 40 kommt das schon ein bisschen bemüht und unsouverän rüber. Rap ist nun mal eine junge Musik. Wenn du älter wirst, kommt dir vieles in der Hip-Hop-Welt vor wie ein großer Kindergarten. Dann fängst du an, dich musikalisch mit anderen Sachen zu beschäftigen. Allerdings würde ich bei Dennis und Sam und auch bei mir nicht ausschließen, dass wir in drei, vier Jahren Bock haben, krasse Rap-Alben zu machen. Wir Hamburger Rapper waren immer schon offen für alles.

Brigitte Young Miss: Kannst du mit deutschem Rap momentan überhaupt etwas anfangen?

Jan Delay: Auf jeden Fall. Diese ganze Gangster-Rap-Sache hat sich ziemlich erledigt. Jetzt geht es wieder darum, einen eigenen Stil zu haben. Ich höre zum Beispiel gerne einen Typen namens Materia. K.I.Z. aus Berlin und Huss & Hodn aus Köln finde ich auch lustig.

Brigitte Young Miss: Zum Schluss noch eine Frage zu deinem Song "Little Miss Anstrengend". Was findest du an uns Frauen denn richtig nervig?

Jan Delay: Dieses Irrationale, Wolkenhüpfige kann einen schon auf die Palme bringen. Egal, ob es darum geht, was ihr Frauen unter Termineinhaltung versteht und wie dehnbar diese Begriffe bei euch sind. Oder was ihr euch an einem Tag alles vornehmt, auch wenn klar ist, dass das niemals zu schaffen sein wird. Aber im Endeffekt fasziniert uns all das, was uns nervt, auch irgendwie. Weil es der komplette Gegensatz zu uns ist.

Interview: Julia Müller

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