Kino-Tipp: "No Country for Old Men"

Vier Oscars haben die Coen-Brüder für "No Country for Old Men" bekommen - zu Recht: Selten war es so unterhaltsam, einen Psychopathen wie Anton Chigurh alias Javier Bardem beim Morden zu erleben -

"Würden Sie still halten", bittet dieser seltsame Typ mit der kinnlangen 70er-Jahre-Bata-Ilic-Frisur den Autofahrer, den er soeben auf dem Highway angehalten hat. Versonnen lächelnd hält er im nächsten Moment ein Bolzenschussgerät an die Stirn des vollkommen verwirrten Autofahrers. Klick - ein kurzes metallisches Geräusch, dann spritzt Blut aus seinem Hinterkopf.

Blutbad in der Wüste

Was ist nur los in Texas? Vorbei sind die Zeiten, in denen sich Cowboys noch mit Colts duellierten. Vorbei die Zeiten, in denen man sich noch mit "Ma ?am" und "Sir" ansprach. Vorbei die Zeiten, in denen der Sheriff für Ordnung unter den Pferdedieben und Saufbolden sorgte. Stattdessen Mord und Drogendealerein an allen Ecken. Erst erschießt dieser durchgeknallte Typ mit dem Bolzenschussgerät einen unschuldigen Autofahrer und dann ist da auch noch diese unglaubliche Sauerei mitten in der Wüste: Ein Pickup-Truck, eingekesselt von mindestens fünf weiteren und am Boden dazwischen von Kugeln durchsiebte Männer.

Als Llewellyn Moss (Josh Brolin) auf dieses Zeugnis eines geplatzten Drogendeals stößt, scheint ihn das nicht mehr aus der Bahn zu werfen, als hätte er gerade zwei Halbstarke beim Ladendiebstahl erwischt. Der Vietnam-Veteran geht die Sache in alter Soldaten-Manier an. In Deckung gehen, vorrücken, wieder in Deckung gehen, weiter vorrücken und am Ende feststellen, dass alle tot oder so gut wie tot sind - und dass die Toten eine Ladefläche voller Heroin und einen Koffer mit zwei Millionen Dollar zurückgelassen haben. Eine satte Summe für jemanden, der mit seiner Frau in einem Trailerpark wohnt. Moss greift zu, nimmt das Geld mit nach Hause. Ein folgenschwerer Fehler, denn der Killer Anton Chigurh (Javier Bardem) heftet sich per Peilsender an seine Versen und tötet jeden mit seinem Bolzschussgerät, der seinen Weg kreuzt.

Psychopath aus dem Bilderbuch

Chigurh ist ein echter Psychopath. Seine Lieblingsbeschäftigung: Menschen mit einer Münze um ihr Leben spielen lassen. Seine Lieblingswaffe: ein Bolzenschussgerät. Das silberne Ding, das aussieht wie ein Feuerlöscher, ist immer dabei, wenn Chigurh Moss quer durch Texas verfolgt und eine Blutspur hinter sich herzieht, die selbst den alten Sheriff Bell (Tommy Lee Jones) fassungslos macht.

Bell nimmt aus der Ferne an der Jagd teil. Er ist hinter beiden her: hinter Moss, um ihn zu schützen, hinter Chigurh, um ihn zu schnappen. Bell ist ein Texaner der alten Schule, einer der noch die guten Zeiten miterlebt hat. Doch als ob er bereits ahnt, dass der Kampf zwischen Gut und Böse schon längst besiegelt ist, lässt er seine Ermittlungen langsam angehen, tritt die Arbeit an seinen jungen, übermotivierten Kollegen ab. Und Bell soll Recht behalten: Das Böse ist nicht mehr aufzuhalten, sucht sich immer einen Weg am Gesetz vorbei. Sein Land, sein Texas ist nichts mehr für alte Männer wie ihn.

Gewalt in allen Formen

"Im Film geht es um die Sicht eines Mannes auf den Lauf der Zeit, das Älterwerden und die Veränderungen.", sagen die Coen-Brüder Joel und Ethan über ihr oscargekröntes Werk "No Country for Old Men". Ja, stimmt, darum geht es auch. Doch Hauptakteur ist die Gewalt, mal in Form wilder Schießereien, mal als absurde weil derartig kaltblütige Hinrichtung per Bolzenschuss. Und es geht um ihre Ausprägungen: um die selbstverteidigende Gewalt des Llewellyn Moss, die berechnende der Drogendealer und die kaltblütige, psychopathische des Anton Chigurh.

Allein wegen Javier Bardems Darstellung des Serienkillers Chigurh ist "No Country for Old Men" sehenswert. Wer also auf psychopathische Bösewichte steht, schon lange nicht mehr einen gutgemachten, blutstrotzenden Action-Thriller gesehen hat und Tommy Lee Jones als desillusionierten, Sprüche klopfenden Sheriff erleben möchte, sollte sich "No Country for Old Men" unbedingt anschauen

Fazit

"No Country for Old Men" ist das Gegenteil des Hollywood-Mainstreams und absolut empfehlenswert. Ein echtes Coen-Werk eben.

Themen in diesem Artikel

Unsere Empfehlungen

Brigitte-Newsletter

Lieblingsartikel direkt in dein Postfach

Melde dich jetzt kostenlos an!