"Anonyma": Nina Hoss in einer schwierigen Rolle

Am 10. und 12. Mai zeigt das ZDF den Kinofilm "Anonyma - Eine Frau in Berlin" in einer zweiteiligen Fernsehfassung (jeweils um 20.15 Uhr). Das Drama erzählt von den Vergewaltigungen nach Kriegsende 1945. Wie kann ein Film diesem Thema gerecht werden? BRIGITTE-Autorin Andrea Benda hat damals die Dreharbeiten besucht und mit Hauptdarstellerin Nina Hoss gesprochen.

Die Dreharbeiten

Nina Hoss mit Juliane Köhler

Dass die Russen noch mal einmarschieren würden, hier im polnischen Legnica, und dann auch noch in eine Straße, die nach einem amerikanischen Präsidenten benannt ist - das hätten sich die Bewohner der "Franklina Roosevelta" auch nicht träumen lassen. Vorher waren ja schon die Deutschen da und haben alles sorgfältig in Schutt und Asche gelegt. Jetzt sind die Fenster mit Brettern verrammelt, an den Straßenrändern stapeln sich Glas, Holz, Ziegelsteine und kaputte Möbel zu meterhohen Barrieren. Am schlimmsten aber ist der feine weiße Staub, der durch alle Ritzen dringt, sich auf Haaren, Schuhen, Kleidern und Lungenflügeln niederlässt. Und der in regelmäßigen Abständen auch noch von einer Windmaschine aufgewirbelt wird.

Die Bewohner der Franklina Roosevelta lassen sich verbarrikadieren und Theaterstaub um die Ohren blasen, weil ihre Straße später im Kino zu sehen sein wird. Auch wenn die Zuschauer denken werden, auf das zerbombte Berlin zu blicken. Der Film, der hier gedreht wird, heißt "Anonyma - Eine Frau in Berlin". Er basiert auf dem Tagebuch einer jungen Deutschen, die zwischen April und Juni 1945 zwei Monate ihres Lebens beschrieben hat. Das Buch hat schon bei seinem ersten Erscheinen in den 50er Jahren großes Aufsehen verursacht: Es ist die erste zeitgenössische Aufzeichnung, die ausführlich beschreibt, dass es systematische Vergewaltigungen gegeben hat, nachdem die russische Armee Berlin erobert hatte. Erstaunlich sachlich schildert die anonyme Autorin das Grauen jenes Sommers, in dem keine Frau sicher sein konnte und doch irgendwie überleben musste.

Als "Anonyma" kämpft Nina Hoss darum, in extremer Gefahr ihre Würde zu waren

Während der gesamten Dreharbeiten in dieser Straße in Legnica, immerhin drei Wochen, bleiben die Menschen in ihren Häusern wohnen. Wenn gerade nicht gefilmt wird, lugen sie zwischen den Fensterbrettern aus ihren modernen Wohnungen des Jahres 2007 auf die Straßen des Jahres 1945. Dort sitzen die russischen Schauspieler, als Rotarmisten verkleidet. In den Drehpausen dösen sie auf den Trümmerhaufen oder stehen Schlange vor den Mobil-Klos, die in dieser Umgebung aussehen wie die Überbleibsel eines missglückten Zeitreise-Experiments. Keiner tut etwas Beunruhigendes - und dennoch wirkt schon die schiere Masse an Uniformen bedrohlich.

Es ist nur ein Film, aber alle Beteiligten werden hier mit ihrem Teil der Geschichte konfrontiert: Die Polen mit der Erinnerung an die deutsche Besatzung und mit ihrem angespannten Verhältnis zu Russland. Die Russen mit einem dunklen Kapitel, das weitgehend totgeschwiegen wurde. Und die Deutschen mit einer Geschichte, die in vielen Familien ihre Spuren hinterlassen hat und doch lange ein Tabu war. Wenn das hier gelingen soll, müssen alle zusammenarbeiten. "Achtung, wir drehen!", ruft der Aufnahmeleiter, sein Ruf wird auf Polnisch und Russisch wiederholt. Die deutschen Schauspielerinnen spannen sich an, die russischen Soldaten ziehen ihre Uniformen zurecht, die Polen ducken sich hinter ihre verbarrikadierten Fenster, bis sie das erlösende "Danke" am Ende der Aufnahme hören.

Die Hauptdarstellerin

Nina Hoss, 33, eine der vielseitigsten Schauspielerinnen Deutschlands

Ein Jahr später sitzt Nina Hoss in einer Hotelsuite in Berlin. Wenn sie an die Dreharbeiten in Polen zurückdenkt, sagt sie: "Diese drei Monate haben mich sehr viel Kraft und Energie gekostet." Und: "Ich war schon nicht unfroh, als es vorbei war." Selten hat die 33-Jährige einen so intensiven Film gedreht, der sie nicht losließ in seinem Spannungsfeld zwischen Ohnmacht und Selbstkontrolle, Todesangst und Galgenhumor. Die Anonyma ist eine belesene Frau, die ein schreckliches Schicksal mit den anderen Frauen des Viertels teilt: Kriegsbeute zu sein für die russischen Soldaten, denen man das reiche Deutschland als Entschädigung für ihr eigenes erlittenes Leid versprochen hatte; von den 55 Millionen Kriegstoten stammten etwa 26 Millionen aus der Sowjetunion.

Trotz des unfassbaren Zustandes, überall und zu jeder Zeit ihren Körper zur Verfügung stellen zu müssen, schafft es Anonyma, über ihr Schicksal zu reflektieren. Und es sogar in Ansätzen wieder selbst in die Hand zu nehmen: Sie beschließt, sich einen hochrangigen Offizier zu suchen, der sie vor der Willkür der anderen Soldaten beschützt. Eine solche Rolle lässt sich nicht glaubwürdig spielen, ohne dass auch der eigene innere Schutzpanzer ein paar Risse bekommt.

Dabei gehört Nina Hoss eigentlich nicht zu den Schauspielerinnen, die während eines Drehs überhaupt nicht mehr aus der Haut ihrer Figur können, nicht mal abends und zu Hause. Dafür ist die Schwäbin dann doch einfach zu bodenständig. Trotzdem saß sie nach Drehschluss mit den Kolleginnen zusammen, mit Jördis Triebel, Rosalie Thomass, Juliane Köhler, und analysierte: Was ist Todesangst? Wo kommt sie her, wie äußert sie sich? "Jeden Tag habe ich überprüft, ob ich da irgendwas verpasst habe." Zumal eine so große und teure Filmproduktion nur wenig Zeit lässt für Fehler. "Da muss man sich schon wirklich sehr gut vorbereiten, um all das herauszuarbeiten, was man der Figur mitgeben will."

Dabei ist ihr klar geworden, dass Todesangst kein Zustand ist, in dem man dauerhaft existieren kann. Der Mensch sei schließlich ein Mutant, der sich an die meisten Lebensumstände anpassen könne, um seine Seele zu befreien, sagt sie. Das fand sie interessant: diese Momente, in denen das Grauen in Galgenhumor umschlägt. Sie bewundert die Stärke dieser Frauen, die versuchen, trotzdem einen Rest Würde für sich zu bewahren. Es sind die Männer, die damit nicht klarkommen. Als die Schauspielerin ihre "Anonyma" entwickelte, hörte sie von Männern: "Sie hätte sich ja auch umbringen können." Das machte sie jedes Mal wütend: "Das ist unfassbar! Die Frauen sollen sich umbringen, um den Männern die Scham zu ersparen. Wir sind wohl doch noch nicht so weit, wie wir dachten." Nina Hoss weiß, dass dies ein schwieriges Thema fürs Kino ist. "Was soll man machen. Es ist ja passiert, und es passiert vor allem immer wieder. Davon muss man erzählen", sagt sie.

Der Film

Günter Rohrbach, der "Anonyma"- Produzent, ist selbst ein Stück Filmgeschichte. Seine größten Erfolge: "Berlin Alexanderplatz", "Das Boot" und "Schtonk". Rohrbach ist sozusagen gelebtes deutsches Hochglanzkino, das nun mal in erster Linie aus historischen Stoffen besteht. Allen voran Geschichten aus der Nazizeit. Es ist eine merkwürdige Fußnote der Geschichte, dass das Dritte Reich sich zwar glücklicherweise nicht in der Gesellschaft verankern konnte, dafür aber seinen festen Platz im deutschen Kino gefunden hat. Filme über diese Zeit bedienen bis auf wenige Ausnahmen immer die gleichen Bilder des kollektiven Bewusstseins: zerbombte Städte, eingefallene Gesichter in den Bunkern, die Uniformen der Männer, die langen Mäntel der Frauen.

Auch "Anonyma" (Regie: Max Färberböck) sieht so aus, dennoch ist der Film etwas Besonderes: Er erzählt keine grobkantige Täter-Opfer-Geschichte und hält auf diesem sehr schmalen Grat die emotionale Balance, ohne zu entschuldigen oder zu beschönigen. Die russischen Soldaten sind keine eindimensionalen Bestien. Die Vergewaltigungsszenen sind schwer zu ertragen, werden aber durch den starken Lebenswillen der Frauen kontrastiert: Einmal sitzen die Nachbarinnen beisammen, sie essen Kuchen und scherzen über ihr Los. Man würde ihnen den Schrecken kaum anmerken, wenn sie sich zur Begrüßung nicht gegenseitig fragen würden: "Wie oft?"

Das ist die große Stärke des Films, er setzt die Buchvorlage, die nie Mitleid heischend ist, nachvollziehbar um. Selbst als er über die literarische Vorlage hinausgeht: als Anonyma ihren Major findet und sich plötzlich zwei Feinde auf eine Weise berühren, die fast an Liebe grenzt. Fast. "Krieg verändert die Leute", sagt die Anonyma. "Liebe ist nicht mehr das, was es war."

Der Trailer zum Film

Kino: Trailer: Anonyma
Text: Andrea Benda Fotos: Constantin
Themen in diesem Artikel

Unsere Empfehlungen

Brigitte-Newsletter

Lieblingsartikel direkt in dein Postfach

Melde dich jetzt kostenlos an!