"Die zweite Frau": Wiedersehen mit Monica Bleibtreu

Monica Bleibtreu und Matthias Brandt brillieren in einem Drama über die einengende Liebe einer Mutter - und der Notwendigkeit, mit fast 40 endlich erwachsen zu werden.

So einen wie Erwin (Matthias Brandt) wollen Frauen eigentlich nicht. Mit fast 40 lebt er noch immer bei seiner Mutter und betreibt mir ihr eine Tankstelle irgendwo im Nirgendwo. Erwins Mutter (Monica Bleibtreu in einer ihrer letzten Rollen, sie starb am 13. Mai 2009) schrubbt ihrem Sohnemann den Rücken in der Badewanne, gießt ihm reichlich Sauce über seine Knödel und weiß stets ein "Ich bin Deine Mutter" entgegen zu setzen, wenn ihr die fürsorgliche Dominanz zu entgleiten droht.

Erwin und Mutter Kobarek haben sich eingerichtet in ihrem geruhsamen Leben auf der Tankstelle. Sie geht ihren häuslichen Pflichten nach. Er kümmert sich um Biene, Kurt, Kenny und Leo, seine Tropenfische, die er beneidet, weil auch er am liebsten abtauchen und in der Stille des Wassers die Welt um sich herum vergessen würde. Die Abende verbringen Mutter und Sohn in trauter Zweisamkeit vor dem Fernseher mit Volksmusikparaden.

Trotzdem ist sich das eingespielte Paar einig, dass eine Frau für Erwin her muss. So macht er sich in Krawatte und feinstem Anzug auf nach Rumänien - im Gepäck einen Katalog mit rumänischen Damen und die Hoffnung, die Frau fürs Leben zu finden.

Fünf Dates erwarten Erwin in Rumänien und für jedes hat er genau eine Stunde Zeit. Plump und unbeholfen sitzt Erwin im Café, verteilt Geschenkboxen mit Schokolade, Schwarzwälderschinken und Kosmetika, weil er und seine Mutter dachten, dass man "so was" in Rumänien nicht kriegen kann. Doch weder die Orchestermusikerin aus Tiflis, die gerne "alles macht, was Spaß macht", noch die geschiedene Tatjana, die Sonnenuntergänge liebt und möglichst ganz schnell Kinder möchte, können das Herz des verklemmten Muttersöhnchens erobern. Bis Irina (Maria Popistasu) ins Cafe geschwebt kommt: Laut Katalog ist sie 31 Jahre alt, spricht "etwas Deutsch", liest gern Krimis und macht häufig Gartenarbeit. Nicht im Katalog steht, dass sie entwaffnend lächeln kann und trotz ihres Namens, der Friede bedeutet, nach eigenen Angaben "gar nicht friedlich" ist.

"Sie sind jetzt dran", meint Erwins rumänische Heiratsvermittlerin - und die lebenslustige Krankenschwester und der in sich gekehrte Tankstellenbesitzer beschließen, es mal miteinander zu versuchen. Für drei Wochen, in Deutschland, auf der Tankstelle. Eine Liebe auf Probe, die sich vor allem gegenüber der Liebe der Mutter zu ihrem Sohn behaupten muss.

Regisseur Hans Sebastian Steinbichler nimmt sich Zeit, die Geschichte über die Entwicklung einer ehrlichen Liebe und das Erwachsenwerden eines fast 40-Jährigen zu erzählen. Selten sind Szenen mit Musik unterlegt, vielmehr ist es der Zeiger der Küchenuhr, der in der Stille des Films ständig so laut und eindringlich tickt, dass man auch Erwins innere Uhr zu hören glaubt, die permanent flüstert: "Komm schon, trau Dich, emanzipier Dich, verliebe Dich".

Erwin verliebt sich und traut sich doch lange nicht, sich aus der Umklammerung seiner Mutter zu lösen. "Wer Angst hat vor Menschen und vor Hundescheiße, der hat Angst vorm Leben", wirft Irina ihm vor, als er sich weigert, die triste Einöde zu verlassen und die nächst größere Stadt zu besuchen. Am Ende wird es neben Irinas Beharrlichkeit und Lebensmut auch das Schicksal sein, dass Erwin zum eigenständigen Mann werden lässt.

Monica Bleibtreu spielt Mutter Kobarek verbittert und zärtlich, ernsthaft, manchmal albern und unter der harten Schale sehr verletzlich. Auf beeindruckende Weise stellt sie eine Frau dar, die spürt, wie das Leben sie langsam verlässt, und doch hin- und hergerissen ist zwischen den Eifersuchtsgefühlen gegenüber der jüngeren Frau und dem Bestreben, "nur das Beste" für ihren Sohn zu wollen.

Vor allem ist es aber Matthias Brandt ("Contergan"), der diesen Fernsehfilm zum Erlebnis macht. In jeder Sekunde nimmt man ihm die zwar langsame, aber stetige Verwandlung vom töffeligen Mamasöhnchen zum selbstbewussten Mann ab, der für seine Liebe kämpft. Und endlich aus der Unterwasserwelt an der Oberfläche auftaucht.

Sybille Warnking Fotos: WDR/Kerstin Stelter
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