"Frauen suchen immer noch das Alphatier"

Nina Hoss und Nicolette Krebitz exklusiv im Doppelinterview - über ihren gemeinsamen Film "Das Herz ist ein dunkler Wald".

Interview: Javier Bardem

Nicolette Krebitz hat nach ihrem Regiedebüt "Jeans" ihren zweiten Langfilm vorgelegt. "Das Herz ist ein dunkler Wald" erzählt die Geschichte eines Mannes (Devid Striesow), der ein Doppelleben führt, und einer Frau (Nina Hoss), die daran zerbricht, als sie davon erfährt.

Thomas hat nicht einfach eine Geliebte, mit der er gelegentlich heimlich in einem Hotel absteigt. Sondern er führt das gleiche Leben, das er mit Marie führt, noch einmal in Kopie – mit einer anderen Frau (Franziska Petri) und einem anderen Kind. Als das auffliegt, beginnt sich alles aufzulösen und endet so brutal, dass es die perfekte Schlagzeile für die Boulevardpresse liefern würde.

Brigitte.de-Mitarbeiterin Monika Wesseling sprach mit Nicolette Krebitz und Nina Hoss anlässlich der Filmpremiere über männliche Alphatiere, Doppelleben und den Stand der Frau in unserer Gesellschaft.

Nicolette Krebitz (35) ist selbst Mutter eines Sohnes und führt mit ihrem Freund, dem Journalisten Moritz von Uslar, eine Wochenend- Pendelbeziehung. Nina Hoss ist aktuell mit dem britischen Musikproduzenten Alex Silva (42) zusammen, der in London lebt, jetzt aber Berlin zu seinem ersten Wohnsitz machen will und mit Nina Hoss ein Dachgeschoss in Prenzlauer Berg umbaut.

Brigitte.de: Warum haben Sie so tief in die Tragödienkiste gegriffen, Frau Krebitz?

Nicolette Krebitz: Ich hatte diese Geschichte im Kopf: Eine Geschichte, in der plötzlich alles anders ist, als man immer glaubte und die das ganze Leben durcheinander bringt. Natürlich ist dieses Doppelleben eine auf die Spitze getriebene Albtraumsituation. Es geht eigentlich um Austauschbarkeit. Eine Frau kann ja gleichzeitig gar keine zweite Familie haben. Das fängt schon mit der nicht zu verheimlichenden Schwangerschaft an. Das ist ein handfester Unterschied zwischen Mann und Frau. Dieser Unterschied ist zum Beispiel auch verantwortlich dafür, dass Frauen mit einem ganz anderen Anspruch eine Familie gründen als Männer. Sie können das nicht unendlich oft wiederholen.

Brigitte.de: Warum sollte sich ein Mann ein zweites, fast identisches Familienleben aufbauen? Manche Männer sind mit einem schon überfordert.

Nicolette Krebitz: Das ist ihm passiert. Er hatte eine Geliebte, schläft mit ihr, sie wird schwanger. Dann hat er einmal ein schönes Bücherregal gebaut, es ist gut geworden, da baut er es eben nochmal. Bei meiner Recherche habe ich herausgefunden, dass sich die Familien von Männern, die Doppelleben führen, oft sehr gleichen. Es ist nicht so, dass sie da eine große blonde Frau haben und hier eine kleine Brünette, sondern es sind oft sehr ähnliche Konstellationen. Sie versuchen nicht das Defizit, das sie bei der einen haben, bei der anderen auszugleichen. Sie brauchen einfach nur mehr Liebe.

Brigitte.de: Frau Hoss, wie reagiert Marie, als sie vom Doppelleben ihres Mannes erfährt?

Nina Hoss: Sie fragt sich: Woher kommt das eigentlich? Und dann begegnet sie ihrem Vater und man kriegt mit, dass er eigentlich derjenige ist, an dem sie sich abarbeitet. Ich kenne unglaublich viele Frauen, denen das so geht. Die in Schemata reinfallen, weil sie eigentlich noch etwas mit ihrem Vater klären müssen. Die sich Männer aussuchen, die so wie ihre Väter sind. Wir erziehen die Männer ja auch zu bestimmten Verhaltensweisen. Oder man ist zu schwach, um dem etwas entgegen zu setzen.

Brigitte.de: Kinder und Familienglück werden zurzeit in vielen Büchern (Eva Herman, Frank Schirrmacher) verherrlicht. Der Staat wünscht sich mehr Kinder. Kann man den Film als Gegenposition dazu verstehen?

Nina Hoss: Wenn man die Dreißig erreicht hat, ist Muttersein eine Frage, an der man nicht mehr vorbei kommt. Als Frau musst du dann sehen, wie du das unter einen Hut bekommst mit deinen Plänen und der Karriere. Dieser Frage stellt sich auch der Film. Es gibt Frauen, die ein schrecklich schlechtes Gewissen haben, weil sie arbeiten. Marie dagegen gibt alles auf für die Familie.

Brigitte.de: Finden Sie das altmodisch?

Nina Hoss: Maries Fehler ist, dass sie das, wofür sie sich selbst entschieden hat, ihrem Mann zum Vorwurf macht. Dann sollte man als Frau doch lieber sagen: „Übernimm’ die Kinder, ich schaffe das nicht alleine. Ich brauche Unterstützung.“ Frauen tendieren dazu zu sagen: „Ich mach’ schon.“ Sie müssten viel öfter sagen: „Mach’ mal!“

Brigitte.de: Ist Marie also selbst Schuld an ihrer Misere?

Nina Hoss: Sie hat insofern Schuld, weil es immer zwei sind, die sich in so eine Situation bringen. Sie hat sich für dieses Leben entschieden, vielleicht auch nur, um diesen wandelnden Vorwurf darstellen zu können. Es ist so praktisch, wenn man sagen kann: „Ich musste ja meinen Beruf aufgeben.“ Aber vielleicht hatte sie auch Angst vor ihrer beruflichen Laufbahn.

Brigitte.de: Frau Krebitz, sehen Sie Marie als Opfer von egoistischen Männern?

Nicolette Krebitz: Ich habe immer versucht zu sagen: Es ist ihr Leben, es ist ihre Wahl, ihr Chaos. Sie hat das am Ende selbst gebastelt. Es ist ja oft viel schwieriger sich selbst zu verzeihen als irgendeinem Schwachkopf.

Brigitte.de: Welche Mitschuld trifft Marie aus Ihrer Sicht?

Nicolette Krebitz: Marie hat sich ihren Mann unter dem Aspekt ausgesucht: „Du bist toll, du wirst jetzt der Vater meiner Kinder.“ Seinen Signalen zu diesem Thema hat sie keine besondere Aufmerksamkeit geschenkt oder diese sogar brutal übersehen. Viele Frauen empfinden ab Dreißig plötzlich einen wahnsinnigen Zeitdruck, doch noch Kinder kriegen zu müssen. Da bleiben die Feinheiten auf der Strecke.

Brigitte.de: Frau Hoss, der Film gewährt intensive Einblicke in das Muttersein. Wie hat sich für Sie bemerkbar gemacht, dass eine Frau Regie führt?

Nina Hoss: Ich habe regelrecht geübt, wie ich ein Kind richtig hochnehme, wie ich es richtig aus der Schaukel nehme. Das habe ich zuerst ganz vorsichtig gemacht, habe dann aber gelernt, dass man - zack - zugreifen muss, weil man als Mutter keine Zeit hat. Man muss viel erledigen: Jetzt mach ich den Brei, dann die Windeln, dann dies und das, und das habe ich geübt, bis es die entsprechende Selbstverständlichkeit hatte. Ob ein männlicher Regisseur das auch von mir so verlangt hätte, weiß ich nicht. Es gibt ja auch phänomenale Frauenversteher unter den Regisseuren. Die ganze Geschichte ist schon so erzählt, dass sie eine Frauenhandschrift trägt. Es ist sehr genau beschrieben, womit sich Frauen auseinandersetzen müssen, wenn sie sich auf Familie einlassen. Mit welchen Zwängen und Missverständnissen sie zu kämpfen haben. Auch die Isolation, unter der Marie leidet.

Brigitte.de: Rechnet der Film mit den heutigen Männern ab?

Nina Hoss: Ich würde den Film nicht als Männeranklage verstehen wollen. Wenn eine Frau wie Marie als wandelnde Anklage herumläuft, dann schaukeln sich Dinge hoch. Thomas und sie kommen da gar nicht mehr raus, weil es keine Kommunikation zwischen ihnen gibt. Der Boden ist ja schon weg, weil es nur noch Vorwürfe gibt in der Beziehung. Also haut der eine ab, der andere zieht sich zurück, bis ein Ereignis alles zusammenbrechen lässt.

Brigitte.de: Stehen Frauen wirklich immer noch auf so egoistische Männer wie Thomas?

Nicolette Krebitz: Frauen halten immer noch nach dem Mann Ausschau, der die Wölfe verjagen kann. Dabei hat sich unsere Lebenssituation in den letzten fünfzig Jahren vollkommen verändert. Frauen stehen voll im Beruf und tragen meist die Hälfte zum Lebensunterhalt bei. Das wird auch von Seiten des Staates erwartet. Kaum eine Familie kann es sich leisten, nur von dem Geld, das der Mann verdient, zu leben. Abgesehen davon, dass die meisten Paare so ein Leben auch gar nicht wollen. Parallel zum Beruf muss die Frau Haushalt und Kinder bewältigen. Während sich der Anspruch an die Frauen radikal verändert hat, ist ihr "Beuteschema" aber gleich geblieben. Viele Frauen schauen bei der Männerwahl nicht: Was brauche ich für einen Mann für mein Leben? Sie halten instinktiv immer noch Ausschau nach dem Anführer und nicht nach dem, der sie in dem unterstützt, was von ihnen heute verlangt wird.

Brigitte.de: Frauen bevorzugen Ihrer Meinung nach also das Auslaufmodell Alphatier. Aber gibt es die zeitgemäßen Männer überhaupt?

Nicolette Krebitz: Klar gibt es die. Nicht so viele vielleicht. Sie führen eine verantwortliche Beziehung. Alles wird "fifty-fifty" geteilt und beide sind gleich viel glücklich oder überfordert. Frauen müssen ihren Blick für diese Qualifizierten schärfen und sich für sie entscheiden. Es ist interessant, warum sich evolutionstechnisch das Verlangen der Frauen nicht anpasst an ihre heutigen Bedürfnisse. Wenn Frauen selbst Kämpferinnen geworden sind, warum suchen sie sich dann für zuhause nicht einen Mann, der sie auch umsorgen kann?

Brigitte.de: Frau Hoss, Marie wird am Ende des Films zur Medea. Ist das nicht schrecklich sinnlos?

Nina Hoss: Indem sie ihre Kinder tötet, nimmt sie dem Vater der Kinder alles, und macht dadurch auf ihren Wert als Mutter aufmerksam. Denn Kinder kann der Mann nur durch die Frau bekommen. Wenn sie ihm die Kinder nimmt, dann ist sein ganzes Glück, seine Familie, seine Fortpflanzung dahin. Sogar seine Zukunft ist ihm genommen. Sie wird aber auch zur Medea, weil sie das, was von ihr verlangt wird, nämlich das Durchhalten und Weitermachen, einfach nicht schafft.

Brigitte.de: Jetzt sind Sie blond. Warum tragen Sie als Marie die Haare brünett?

Nina Hoss: Manchmal steht einem blond im Weg, weil es mehr ist als eine Haarfarbe. Schon für „Yella“ habe ich mir die Haare gefärbt. Du kannst nicht in Büroräumen in einer Bank sitzen und blond sein. Dann kommst du gleich in diese Pin-Up-Schublade. Bei einer Brünetten hat das eine ganz andere Ernsthaftigkeit. Sie wird auch schneller übersehen. Bei blond funktioniert das nicht. Blond ist nie weg, weil es so strahlt. Dadurch, dass Marie brünett ist, lenkt einfach nichts ab. Sie ist einfach eine Frau, die zuhause ist wie viele andere auch. Nicht besonders schön, nicht besonders strahlend. Einfach ungeschminkt, ganz real und normal.

Brigitte.de: Was für einen Einfluss hatte die Geburt Ihres Kindes auf die Machart des Filmes, Frau Krebitz?

Nicolette Krebitz: Mein Blick auf Kinder, meine Liebe zu ihnen ist durch mein eigenes Kind viel größer geworden. Ich hätte die Szenen mit den Kindern im Film ohne meine eigenen Erfahrungen niemals so inszeniert und hätte auch nicht so einen Spaß daran gehabt.

Brigitte.de: Wie kommen Sie mit der Doppelbelastung Kind und Karriere zurecht?

Nicolette Krebitz: Da möchte ich Susan Sarandon zitieren: „Ich bin immer müde!“ Wenn man Kinder hat und trotzdem arbeitet, muss man manchmal einfach gucken, dass man die Arbeit macht, wenn das Kind im Bett oder im Kindergarten ist. Aber mein Sohn ist jetzt vier. Je älter er wird, desto einfacher wird es.

Brigitte.de: Klappt die Arbeitsteilung mit ihrem Freund?

Nicolette Krebitz: Ja, ganz gut. Wir arbeiten daran.

Brigitte.de: Frau Hoss, Sie sind jetzt Anfang dreißig. Planen Sie auch Kinder?

Nina Hoss: Ich möchte Kinder haben. Aber ich plane nicht und lasse mich auch nicht unter Druck setzen. Ich lasse die Entscheidung auf mich zukommen.

Zur Kinokritik von "Das Herz ist ein dunkler Wald".

Interview: Monika Wesseling Fotos: Verleih
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