Eine schnarchlangweilige Musikshow ganz ohne Wettbewerb - will man das sehen? Ja!

Wie kann man einen Reality-Show-Muffel davon überzeugen, sich freiwillig eine Show wie "Sing meinen Song" anzugucken? Mit einem banal einfachen Konzept, glaubt Redakteurin Insa Winter.

Wettbewerb. Immer und überall. Im realen Leben. Und im Fernsehen. Wir hören ständig, dass Wettbewerb richtig und wichtig ist. Weil er die Qualität unter Wettbewerbern steigern soll, wenn sich jeder anstrengt, sein Bestes zu geben. Weil man erst so zu Höchstleistungen gelangt. Weil so eben die Marktwirtschaft funktioniert. Ich hasse Wettbewerb. Stattdessen sollten wir uns öfter mal entspannen und uns ein Beispiel an der Musikshow "Sing meinen Song" nehmen. Denn die ist in ihrer Einstellung zum Thema "Wettbewerb" einfach genial wettbewerbslos. Ich liebe diese Show! Weil sie genau das liefert, was sich eine harmoniebedürftige Waage, wie ich es bin, sich wünscht: Frieden und Einigkeit. Am Abend. Sogar im Privatfernsehen. Nach einem langen Tag. Herrlichst!

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Ein Fest der Freundlichkeiten

Kurze Zusammenfassung, für alle, die dieses Format noch nicht kennen: Man schickt sieben Sänger/Bands nach Südafrika, lässt sie Songs vom jeweils anderen singen und sich unterhalten und filmt die ganze Truppe dabei. In jeder Sendung steht ein anderer Musiker im Mittelpunkt, der sich natürlich gerührt davon zeigt, wie die anderen SEINE Songs interpretieren - und weil es nicht ohne Promotion geht, darf der Sänger oder die Sängerin dann auch noch seinen oder ihren neuen Song singen. In der zweiten Staffel der Show, die heute zu Ende geht, sind diese Musiker dabei: Christina Stürmer, Daniel Wirtz, Die Prinzen (zumindest zwei von ihnen), Hartmut Engler, Yvonne Catterfeld, Andreas Bourani und Xavier Naidoo.

Die Show fährt regelmäßig super Einschaltquoten ein. Vorher kaum bekannte Musiker wie Daniel Wirtz kennen nun viele. Aber auch wenn die Sendung bei der Masse gut ankommt und für unbekanntere Künstler ein Sprungbrett ist, gibt es auch viel Kritik: Die Sendung gaukele eine heile Welt vor und sei auch nicht besser als die Schlagerparade. Unrecht haben die Kritiker sicherlich nicht. Denn so genial auf der einen Seite das Konzept wegen seiner Einfachheit ist, so banal ist es auch. Aber kann man wirklich etwas gegen ein bisschen Friede, Freude, Seeligkeit im Fernsehen haben?

Hartmut Engler, der Sänger der Band "Pur", hat sich schnell als derjenige herausgestellt, der seinen Emotionen hemmungslos freien Lauf lässt und nicht selten eine Träne vergießt - und die anderen lieben ihn dafür! Wie passend, dass Yvonne Catterfeld dann in der "Pur"-Folge den Klassiker "Geweint vor Glück" sang. Da bleibt kein Auge trocken! Xavier Naidoo fühlt sich geehrt, als Engler den Song "Freiheit" der Söhne Mannheims (zu denen Naidoo gehört) singt und Engler setzt mir "Das könnte auch ein Pur-Song sein" noch einen drauf. Solche Nettigkeiten werden dort am laufenden Band ausgetauscht. Es ist ein Fest der Freundlichkeiten!

Friede, Freude, "Sing meinen Song": In der aktuellen Staffel singen (v.l.n.r.) Xavier Naidoo, Hartmut Engler, Yvonne Catterfeld, Andreas Bourani, Christina Stürmer, Sebastian Krumbiegel und Tobias KÜnzel ("Die Prinzen") und Daniel Wirtz.

In der Langeweile liegt die Stärke

Klingt langweilig? Ja, vielleicht, aber in der vermeintlichen Langeweile dieser Show liegt auch ihre Stärke. Bei "Sing meinen Song" gibt es eigentlich keine Verlier, sondern nur Gewinner. Sowas gab es bisher nur in der "Mini Playback Show", wobei Moderatorin Marijke Amado am Ende doch pro forma einen Sieger gekürt hat.

Wenn ich "Sing meinen Song" gucke, muss ich immer an das Schlusslied der "Mini Playback Show" denken, denn dort haben immer alle gemeinsam gesungen: "Alle waren Sieger auch wenn einer nur gewinnen kann. Hallo aber hallo, hier kommt jeder, der was kann, auch ran!" Denn bei "Sing meinen Song" darf jeder singen, es wird nicht oder nur selten gemeckert, stattdessen gibt es Emotionen, Songs, die jeder kennt und mitsingen kann - und am Ende haben sich immer noch alle lieb. Ich bin begeistert!

"Sing meinen Song" ist quasi die Waldorfschule unter den Musikshows. Keiner muss sich total verausgaben, weil am Ende niemand Noten bekommt oder mangels schlechter Leistung sitzenzubleiben droht - aber alle strengen sich trotzdem an, weil sie einfach Spaß haben wollen. Und für die zwei besten Auftritte des Abends verteilt der Besungene rote Rosen. So ganz ohne Wettbewerb geht es denn doch nicht.

"Sing meinen Song", Vox, 7. Juli, 20.15 Uhr

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