Cannes 2007: Death Proof

Zuviel ist zuviel. Das gilt auch für Vintage. Seinem Image als Filme machender Langweiler treu, bietet uns Tarantino eine andere Variation seiner Liebe für das Trashkino, ziemlich amüsant und abgedreht, damit Mängel nicht so auffallen.

Inhalt: Bei Einbruch der Dunkelheit hat Jungle Julia, die sexyste DJ-Frau von Austin, endlich Zeit, sich mit ihren beiden besten Freundinnen, Shanna und Arlene, etwas zu erholen. Dieses teuflische Trio, das die Nacht zum Tag macht, zieht in allen Bars und Tanzlokalen die Blicke auf sich. Aber hinter dieser auf die drei Frauen gerichteten Aufmerksamkeit steckt mehr. So ist zum Beispiel Mike, ein Stuntman mit einem Furcht erregenden, von Schmissen übersäten Gesicht, ihnen in seinem unzerstörbaren Auto auf der Spur. Während Julia und ihre Freundinnen ihr Bier schlürfen, lässt Mike den Motor seines bedrohlichen Rennwagens aufheulen ...

Kritik: Go, Johnny, go. Bei "Death Proof" fallen einem nur Sprüche ein, die über das kitschige und abgedrehte Niveau des Drehbuchs nicht hinausgehen. 1994 hat Quentin sich zwar mit "Pulp Fiction" die goldene Palme geangelt, aber dieses Jahr wird wohl keiner auch nur im Traum daran denken, auf ihn zu setzen. Aber das ist kein Grund, sich den Spaß verderben zu lassen: so banal und unmoralisch das auch sein mag; auch die Leidenschaft für den Film hat ihre verborgenen Mängel. Eigentlich ist dieser amüsante Film die perfekte filmische Entsprechung eines Vintage-T-Shirts: eine coole Klamotte, unerlässlich in jeder angesagten Garderobe, etwas rückschrittlich, zweitklassig und so klischeehaft, dass es an sich schon wieder witzig ist. Dieser Grindhouse-Film, eigentlich drei in einem, gibt einem das unerschütterliche Gefühl, eine Tüte Popcorn, ein gutes Bier und einen Riesenjoint bereits in der Hand zu halten.

Alles an diesem Film ist Vintage. Die Soulmusik mischt sich mit einem englischen Remake von "Laisse tomber les Filles" (Serge Gainsbourg Jahrgang France Gall), gesungen von April March. In eng anliegenden Minishorts und T-Shirt geben sich die Mädels in Bars von 1971 ihren Ausschweifungen hin. Kurzum: Das Augenzwinkern herrscht in dieser Polaroidwelt vor und geht soweit, dass auch die filmischen Mittel seiner Vorgängerwerke zum Einsatz kommen. Ein Handyklingelton lässt die Melodie von "Kill Bill" ertönen, dessen Signalfarben gelb und schwarz einen Ford Mustang zieren. Aber der Film ist trotz allem doch eher den abgründigen Spielereien eines Pennälers als einer eitlen Selbstdarstellung zuzuordnen. Das ist nicht Tarantinos Art. Er treibt seinen Fetischismus als Filmemacher nur ins Extreme. Zum ersten Mal ist er auch Chefkameramann und spielt wie ein Kind mit der grenzwertigen Ästhetik eines Kinostreifen, der durch Dutzende Vorführungen völlig verschlissen ist, eines Spulenwechsels mit Tonsprüngen, grüner Streifen auf einem schmutzigen Bild, als wäre Sonnenlicht daran gekommen, und nicht zuletzt farbiger Typografien und kitschiger Logos nicht existenter Produktionsunternehmen.

Kurzum, in jeder Einstellung spürt man die Achtung und Liebe für den guten alten Trashfilm, dem man auf Teufel komm raus einen Kultstatus verleihen will. Auch vor Fetischen aus Blech - zum ersten Mal mit dem Dodge Challenger von 1970 des ersten Autofilms "Point Limite Zero" von Richard Sarrafian als Guest Star -, oder Fetischen aus Fleisch und Blut - Kurt Russell als Mike der Stuntman alias Snake Plissken aus "New York 1997" von John Carpenter - wird nicht Halt gemacht. Mit mehreren Eisen der Filmkunst im Feuer zappt "Death Proof" von einem Genre zum nächsten, dennoch bleiben die billigen Trashfilme der 70iger Jahre der Eckpfeiler, Filme, die im Doppelpack in den Grindhouse-Kinos gezeigt wurden, diese Schundfilme à la Roger Corman, die man an einem Wochenende drehte, ohne Drehbuch, ohne Geld, aber mit heißen Bräuten im BH. Aber auch andere Subgenre sind vertreten: vor allen der Slasher-Movie, diese Art von Horrorfilm, wo ein psychopathischer Mörder bis zum endgültigen "game over" so viele Tussis wie möglich abschlachtet, unter Anwendung wenig orthodoxer Methoden, aber doch in jeder Hinsicht blutrünstig und erfolgversprechend, der aber sicher nie eine normale Knarre verwendet, da viel zu gewöhnlich.

Tarantino nimmt sich auch an seinem perversen älteren Kollegen Russ Meyer ein Beispiel, mit Schauspielerinnen à la Plastikpop, lasziv und spärlich bekleidet, aber trotzdem doch der Inbegriff von "Girl Power". Die Lap Dance- bzw. "Bauchtanz"-Szene, die in der US-Fassung des Films zensiert worden ist, zeigt uns eine Vanessa Ferlito in Flip-Flops und Mini-Mini-Shorts, Brüste und Hintern herausgestreckt, aufgenommen in höchst wirkungsvoller Froschperspektive. In der doch etwas männlicheren Gegeneinstellung zu diesen drallen Pussycats sorgen Verfolgungsjagden im Auto, gedreht nach Art der "Car Chase Movies" der 70iger Jahre, dafür, dass man - mit Vollgas sozusagen - in die Handlung einsteigt. Bei der letzten Verfolgungsjagd spielt Zoé Bell, Stuntfrau von Beruf, praktisch sich selbst und ihr gelingt dabei eine ziemlich unvergessliche Performance wie in alten Zeiten. "Wie in alten Zeiten" - das ist vielleicht der Kern des Problems des Grindhouse-Projekts, das im amerikanischen Box Office einen totalen Reinfall erlebt hat. "Kill Bill" mag die Zuschauer ohne Zweifel noch an "Matrix" erinnert haben, aber das Opakino von "Death Proof" spricht diese neue Generation von Studenten und Jugendlichen nicht mehr an. Sie haben Drive-in-Kinos und kleine schäbige Kinosäle nicht mehr erlebt, die mittlerweile von den sterilen Multiplexen ganz ersetzt worden sind. Und plötzlich sieht es so aus, als wäre Q. T. - wie ein alter Opa, nicht mehr ganz auf der Höhe seiner Zeit - fast der einzige, bei dem dieser im Untergang begriffene "Death Proof" noch Begeisterung auslöst, dieses letzte nostalgische Missgeschick einer vergangenen Ära der Filmgeschichte.

Delphine Valloire/ARTE

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