Cannes 2007: No Country For Old Men

Mit einem Humor schwärzer als schwarz schwankt dieser texanische Krimi der Brüder Coen zwischen reiner Metaphysik und schonungslosem chirurgischem Einblick und veranschaulicht mit Perfektion, was es heißt, "kaltblütig" zu sein. Der Tod im Vormarsch mit der Sauerstoffflasche in der Hand lässt im Geist eine unauslöschliche Spur zurück. Meisterhaft.

Inhalt: An der Grenze zwischen Texas und Mexiko haben die Drogenhändler schon lange die Viehdiebe ersetzt. Als Llewelyn Moss auf verlassene Lieferwagen umgeben von blutverschmierten Leichen stößt, hat er keine Ahnung, wie es zu diesem Drama gekommen ist. Als er die am Ort des Geschehens befindlichen zwei Millionen Dollar mitnimmt, hat er keinen blassen Schimmer, was er damit auslösen wird. Moss ruft eine Kettenreaktion ungekannter Gewalt hervor, die der Sheriff, ein alternder illusionsloser Mann, nicht einzudämmen weiß ...

Kritik: "No Country for Old Men", zweifellos der Furcht erregendste Krimi aller schwarzen Werke der Brüder Coen-Filmographie mit "Miller's Crossing", "Blood Simple" oder "Fargo", hinterlässt schon beim ersten Mal eine unauslöschliche Erinnerung. Und selbst der Titel deutet kaum auf den Ausbruch unfassbarer Gewalt, die Angst und die existentiellen Abgründe hin, die diesen Film brandmarken. Die hier hinterlassenen Wunden verheilen nur langsam. Nach der Vorführung gingen die Leute verstört, verängstigt und fasziniert hinaus, eine schlaflose Nacht voller unbeantworteter Fragen über das Gute und das Böse vor sich. Sie hatten den Tod im Vormarsch gesehen. Schwarz gekleidet, mit bodenlosem Blick und etwas lächerlich schreitet er ruhig voran, eine Flasche Druckluft in der Hand. Als Bearbeitung eines Romans von Cormac McCarthy stellt dieser Film das perfekte Zusammenspiel eines der größten amerikanischen Schriftsteller unserer Zeit und der zwei begnadetsten Filmemacher ihrer Generation dar. Und selten ist die Gleichung zwischen zwei Universen so perfekt, so brillant aufgegangen. Gleich zu Beginn ist das zu spüren, als das Voice Over des Sprechers, ein weiser Erzähler wie in "Big Lebowski", von seinen Vorfahren spricht, zu Bildern der Wüste, einer Westernlandschaft.

Der alte Mann, ein Sheriff, ist fest in der alten Welt verankert, in starken Werten - Moral, Respekt, einem gewisser Ehrenkodex - die angesichts der neuen Regeln der Modernität und des Fortschritts von keiner Bedeutung mehr zu sein scheinen, in einer Welt, in der Geld allmächtig und der Drogenhandel ein Geschäft wie jedes andere ist. Tommy Lee Jones verleiht dieser fantastischen Figur all ihre Komplexität, ein Philosoph mit trockenem Humor, wie man ihn in der Mythologie des amerikanischen Westens findet, wie z. B. in den Meisterwerken von John Ford. Aber gleichzeitig zeigen die Coen-Brüder ganz klar und spöttisch die Grenzen logischer Argumentation (und die des Alters!) auf, anhand einer urkomischen Unterhaltung zwischen Sheriffs, die immer noch dem verstaubten Diskurs treu bleiben, der ewigen Leier der guten alten Zeit, dieser verrückten Jugend, "alles geht den Bach runter, mein Alter...". Der kaltblütige Humor der Brüder Coen erreicht sein volle Tragweite in einem Schwall unvergesslicher Erwiderungen, wo Syllogismus und Absurdes vorherrschen. Aber genau das braucht es, um die grauenhaften, extrem blutigen Bilder rohen Fleisches oder die sehr grenzwertige Perversität einer langen Zoomaufnahme eines zerfetzten Beins erträglich zu machen.

Im eisigen Zentrum des Geschehens steht ein Rätsel: Ein Mörder und Psychopath durch und durch, den es so noch nie im Kino gab, wo man doch schon so einiges gesehen hat. Chigurh ( "Sugar", wenn man es falsch versteht!) macht einen etwas verlorenen Eindruck und hat einen ziemlich hässlichen Topfschnitt, aber sein starrer Blick, die Ringe unter den Augen, in denen der Wahnsinn zu sehen ist, verwandelt das verfrühte Lächeln der Zuschauer in totales Entsetzen. Nach einer Handvoll willkürlicher Morde, zeigt Chigurh, was er wirklich ist: Der Tod in Person, ein Ghost Rider, ein kaltblütiger Vampir, dessen Gehirn nur ein Ziel kennt. Sein geniales fast übernatürliches Talent, mit dem er die Leute aufspürt, gleicht dem des Motorradfahrers der Apokalypse von "Arizona Junior". Neben dem wunderschönen Hang zur Selbstoperation ist das kennzeichnende Merkmal dieses Mörders eine Druckluftpistole (keine Spuren): Es läuft einem kalt den Rücken runter, und zwar im wahrsten Sinne des Wortes. Javier Bardem verkörpert mit hoher Intensität diesen Nosferatu made in America, der alles bis zur Sinnlosigkeit hinerfragt und dessen Philosophie unerwartet wegen einer unscheinbaren Frau und einer roten Ampel ins Wanken gerät.

In der Rolle des Opfers spielt Josh Brolin Moss, ein robuster Schweißer mit einem Schnurrbart wie Charles Bronson, Veteran des Vietnamkriegs (die Handlung spielt 1982 mitten in der Reagan-Ära), der dank seiner bescheidenen Jagdkenntnisse überlebt. Allgegenwärtig sind übrigens die Tiere, albtraumhafte Wachhunde, Katzen usw., welche die Metapher der Treibjagd weiter hervorheben, das praktisch Unvermeidliche, das eintritt, wenn ein Raubtier auf seine Beute trifft (mit Ausnahme eines Rinds, das Glück hat). Zwar erfasst den Zuschauer bereits angesichts dieser zerstörten Schicksale ein metaphysischer Schwindel, doch gleichzeitig hinterfragt der Film durch einfaches Münzewerfen auch Schicksal, Gewissen, Gewalt und Tod. Wie ein schlechter, klebriger und gleichzeitig faszinierender Film nimmt einem "No Country for Old Men" die Luft zum Atmen, erstickt, schürt irrationale Ängste. Und auch am Ende hat der Albtraum das letzte Wort: Zurück bleibt ein vollkommen sprachloser Zuschauer, zitternd, mitgenommen und verfolgt von dem Bild des Flusses der Unterwelt, den es zu überqueren gilt.

Delphine Valloire/ARTE

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