Durchschlagend: "Allein" mit Lavinia Wilson

"Allein", der erste Spielfilm von Thomas Durchschlag, handelt von Maria, einer Studentin, die an einer Borderline-Störung leidet. Wir stellen Ihnen den außergewöhnlichen deutschen Film vor und haben einen Experten gefragt, wie nah sich Fiktion und Realität kommen.

Der Film

Maria ist Studentin. Jung. Intelligent. Hübsch. Und furchtbar einsam. Thomas Durchschlags Spielfilmdebüt "Allein" zeigt das eindrucksvolle, schnörkellose Porträt einer Frau, die nicht an die Liebe glauben kann.

Maria (Lavinia Wilson) ist gefangen in ihrer Welt. Ganz tief drinnen war sie schon immer anders als andere; sie hat etwas in sich, das sie von innen auffrisst. Das sagt sie selbst - und meint damit eine psychische Krankheit, die sie wie eine Marionette zwischen lustig und depressiv, sanft und aggressiv, naiv und verbittert hin- und herhasten lässt. Maria leidet an einer Borderline-Störung, ihre tiefe Einsamkeit und Depression betäubt sie mit Liebhaber Wolfgang (Richy Müller), wilden, aber kalten Küssen mit fremden Männern, Alkohol und Drogen. Um sich selbst zu spüren, verletzt sie sich, schneidet sich die Unterarme auf, schaut zu, wie Blut ins Waschbecken tropft.

Völlig unerwartet lernt Maria Jan (Maximilian Brückner) kennen, einen Studenten, der so ganz anders ist als die anderen Männer in ihrem Leben: Er hält sie in den Armen, kümmert sich um sie, will, dass es ihr gut geht. Maria ist verliebt, bis über beide Ohren.

Kein Grund zur Freude. Denn Maria macht das Kribbeln im Bauch Panik. Allzu schlimm ist die Angst vor dem Verlust. Als Jan für ein paar Tage nach Holland fährt, um dort ungestört zu forschen, bleibt Maria allein zurück und stürzt in ein tiefes Loch. Bald verfällt sie in alte Strukturen. Und setzt so alles aufs Spiel. Nicht nur die Liebe. Sondern auch ihr Leben.

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Jan (Maximilian Brückner) ist anders als die anderen

Mit seinem ersten Spielfilm greift der Oberhausener Regisseur Thomas Durchschlag, Absolvent der Kunsthochschule für Medien in Köln, ein sensibles Thema auf, ganz ohne kitschig zu werden. In klaren Bildern zeigt er uns das verwirrende Leben der Protagonistin, arbeitet gekonnt den Widerspruch zwischen dem Inneren und Äußeren seiner Hauptfigur heraus.

Als Drehort hat sich Durchschlag das Ruhrgebiet ausgesucht: In die Kulisse zwischen Autobahn A 40, Essener Halde Schurenbach, Gruga-Messe und Uni fügt sich Marias Leben, das schnell und ruhig, seriös und chaotisch zugleich ist, perfekt ein.

Beeindruckend die schauspielerische Leistung der jungen Lavinia Wilson, die für "Allein" den Max-Ophüls-Preis 2005 in der Kategorie "Beste Nachwuchsdarstellerin" erhielt. Zu Recht. Denn mit ihrer Mimik, Haltung und einer Stimme, die zwischen naiv-nörgelnd und aggressiv-fordernd schwankt, gelingt es Wilson perfekt, Marias seelischer Zerrissenheit eine Gestalt zu geben: Überzeugend, wenn ihr Gesicht in Momenten der inneren Leere zu einer tumben Maske einfriert. Herzergreifend, wenn sie sich in den Armen ihres Freundes Jan zusammenkuschelt und für einen kurzen, erlösenden Moment ganz hingibt.

Kein leichter Film für laue Sommerabende. Sondern einer, der sich eingräbt und festbohrt, den Zuschauer nicht mehr los lässt. Weil alles an ihm so wahr sein könnte. Und für viele Menschen die Wahrheit ist.

Interview mit Ewald Rahn, Psychiater und Experte für Borderline-Störungen

Fiktion oder Realität? Wie nah kommt der Kinofilm "Allein" dem Leben von Patienten mit einer Borderline-Störung? Das haben wir den Psychiater Ewald Rahn gefragt.

Brigitte.de: Herr Rahn, in dem Kinofilm "Allein" spielt Lavinia Wilson eine junge Frau, die am Borderline-Syndrom leidet. Sie schwankt zwischen den Gefühlen hin und her, ist mal verliebt, mal voller Hass. Typisch für Menschen mit dieser psychischen Störung?

Ewald Rahn: Auf jeden Fall. Borderline-Patienten sind emotional unstabil, es fällt ihnen schwer, in bestimmten Situationen angemessen zu reagieren. Nicht nur in Beziehungen und der Familie, sondern auch im Arbeitsleben.

Brigitte.de: Es gibt zum Beispiel eine Szene, in der Maria mit ihrem Freund Jan nach einer durchfeierten Nacht nach Hause kommt. Beide hatten einen wunderschönen Abend zusammen, doch dann kippt die Stimmung komplett, weil Jan so müde ist, dass er nur noch ins Bett gehen möchte.

Ewald Rahn: Eine Katastrophe für Borderline-Patienten. Sie können schlecht mit Widersprüchen umgehen. Der Partner möchte dringend ins Bett, das heißt für die Borderliner, er kann sie nicht mehr lieben. Denn ihnen fehlt in diesem Moment die ungeteilte Zuwendung. Borderliner denken häufig in Schwarz-Weiß-Kategorien. Sie sind auf klare, eindeutige emotionale Handlungen ihres Gegenübers angewiesen. Das ist natürlich schwierig.

Brigitte.de: Was macht einen Borderline-Patienten noch aus?

Ewald Rahn: Borderliner brauchen ständig die Anwesenheit anderer. Sie können schlecht allein sein, nicht mit leerer Zeit umgehen.

Brigitte.de: Maria füllt ihre leere Zeit, indem sie sich die Unterarme aufschneidet. Woher die Narben kommen, die beim Ritzen entstehen, will sie ihrem Freund Jan nicht sagen.

Ewald Rahn: Ja, das ist charakteristisch für diese Menschen. Die Selbstverletzung ist für sie wie ein Medikament, mit dem sie die innere Spannung aufheben können. Das Schmerzempfinden ist dabei ausgeschaltet, das Ritzen hat nichts Selbstquälerisches. Und wenn der Anfall vorüber ist, ist es den Borderlinern häufig peinlich. Viele lügen oder tragen lange Pullis, damit die anderen nichts merken.

Maria (Lavinia Wilson) mit ihrem Liebhaber (Richy Müller)

Brigitte.de: Nur Marias einzige Freundin scheint alles von ihr zu wissen.

Ewald Rahn: Borderlinern fällt es nicht schwer, Kontakte zu knüpfen. Aber es ist ihnen fast unmöglich, ein soziales Netz zu knüpfen, sich einen Freundeskreis aufzubauen, den man pflegt und ausweitet. Dass es nur eine gute Freundin gibt oder einen guten Freund, auf den oder auf die alles projiziert wird, ist für viele Borderline-Patienten ganz normal.

Brigitte.de: Im Film kommt nicht zur Sprache, warum sich die Störung bei Maria entwickelt hat. Welche Auslöser gibt es für diese Krankheit?

Ewald Rahn: Wie bei den meisten psychischen Krankheiten gibt es mehrere Faktoren, die solch eine Störung begünstigen können. Zunächst einmal die Veranlagung. Spätere Borderliner sind meist schon schwierige Kinder, bei denen eine gewisse emotionale Instabilität bereits angelegt ist. Wenn Eltern diesen Kindern nicht vermitteln können, wie man mit Gefühlen umgeht, und noch dazu aktuelle Probleme wie zum Beispiel das Erwachsenwerden hinzukommen, kann sich eine Borderline-Störung entwickeln.

Brigitte.de: Welche Anlaufstellen gibt es für Borderliner?

Ewald Rahn: Sie können sich zum Beispiel im Internet informieren, den Kontakt zu anderen Betroffenen suchen, sich Tipps geben lassen. Und sie sollten sich an einen Psychotherapeuten wenden und sich beraten lassen. Zudem gibt es Selbsthilfegruppen für Borderliner.


Ewald Rahn arbeitet als Psychiater auf einer Fachstation für Patienten mit Borderline-Störung an der Westfälischen Klinik Warstein.

Tina Halberschmidt
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