Fast wie im Kino: "Das Wunder von Berlin"

Nach "Krieg und Frieden" schon wieder ein TV-Ereignis der Superlative: Heino Ferch und Veronica Ferres erleben den Untergang der DDR.

"By the Sea": Exklusives Featurette zum neuen Film mit Angelina Jolie und Brad Pitt

Wir durften im Fernsehen schon das "Wunder von Bern" und das "Wunder von Lengede" erleben, jetzt also "Das Wunder von Berlin". Und dann noch mit Heino Ferch und Veronika Ferres. Den beiden Unvermeidlichen, wenn es um deutsche Fernseh-Großereignisse geht.

Kann das gut gehen? Kann das womöglich sogar überzeugen? Es kann. Denn Ferch-Ferres verschwinden dank Drehbuch und Ausstattung vollständig in ihren Figuren, der deutsche Bruce Willis und das Superweib - sie sind ausradiert. Heino Ferch trägt akkuraten Seitenscheitel und Kassengestell, Ferres Hausfrauenfrisur und viel muffiges Braun. Sie sind Herr und Frau Kaiser, wohnhaft 1989 in der DDR.

Er ein linientreues Stasi-Mitglied, sie eine liebe, aber immer mehr aufbegehrende Buchverkäuferin. Die Handlung voran aber treibt ihr Sohn, ein Ost-Punk, der auf seiner Lederjacke den Spruch "Du hast keine Chance, also nutz sie" spazieren trägt. Auf einem Punk-Konzert wird Marco (Kostja Ullmann) verhaftet, sein Vater haut ihn raus - um den Preis eines fatalen Deals: drei Jahre Militärdienst statt Stasi-Knast Bautzen. Marco fügt sich, nicht zuletzt aus romantischen Gründen.

Denn er hat sich gerade frisch verliebt, in die sonmersprossig-süße Waise Anja (wunderbar: Karoline Herfurth). Während Marco bei der NVA ruckzuck in einen "verantwortungsvollen Staatsdiener" umgedreht wird, übersiedelt Anja in sein altes Jugendzimmer. Gekonnt schneidet der Film die zwei DDR-Wirklichkeiten des Jahres 1989 gegeneinander: In der Kaserne steigert sich Soldat Marco immer mehr in die Aufgabe hinein, den bröckelnden sozialistischen Staat mit eigener Hand verteidigen zu müssen. In der bürgerlichen Villa der Kaisers reift dagegen die Erkenntnis, dass es nichts mehr zu verteidigen gibt.

Gleichheit und Wohlstand für alle? Nein, nur Privilegien für die Stasi-Angehörigen und akribisch geführte Aktendossiers für die Oppositionellen. Marcos Freundin und Marcos Mutter werden zum stillen Team. Sie treiben das Bröckeln des System noch ein bisschen weiter. Die Funktionärs-Gattin hat keine Lust mehr zu funktionieren und begehrt gegen ihren Mann und damit gegen alles DDRige auf.

Für das Drehbuch hat Thomas Kirchner, 46, seine eigene DDR-Erfahrung mit anderen typischen Biografien zu einem Lehrstück über das Zerbrechen von Idealen montiert. Jede Figur in diesem Film hat mal an etwas geglaubt und muss sich in den 100 Filmminuten neu ausrichten. Regisseur Roland Suso Richter zeichnet dabei die Verwirrung und Orientierungslosigkeit der Protagonisten so genau, dass man sich als Zuschauer ständig selbst fragt: Was hätte ich getan? Wäre ich so mutig gewesen wie Marcos Mutter? Oder so verzweifelt-verbissen wie sein Vater?

Zwar ist "Das Wunder von Berlin" längst nicht so originell erzählt wie der Wende-Kinohit "Goodbye, Lenin!" . Was Ausstattung und Besetzung angeht, hat diese TV-Produktion aber durchaus großes Leinwandformat. Von der klaustrophisch engen Küche der Kaisers bis zum Stasi-Büro mit Honecker-Porträt an der Wand entsteht ein bedrückend genaues Porträt jener Ära vor fast 20 Jahren, ohne dass die Ausstattung übertrieben ostalgisch wirkt.

Das eigentliche Highlight und die Seele des Films aber ist eine Randfigur: Michael Gwisdek als Opa Walter . Opa Walter ist so alt wie weise. Ein spleeniger Anarchist und Ex-Faschist, der aus dem Lehnstuhl heraus belustigt die verzweifelten Klassenkämpfe seiner Umgebung kommentiert. Und der zuletzt, wenn die Mauer sich öffnet, vom Krankenbett aus im Fernsehen erleben darf, wie sein Enkel und dessen Freundin sich wiedervereinigt an einem Berliner Grenzposten in die Arme fallen. Das ist dann freilich etwas kitschig. Aber verzeihlich, denn Schauspieler Michael Gwisdek kommentiert das mit einem so süffisanten Lächeln, als würde er sagen: "Sorry, aber soviel öffentlich-rechtliches Gefühl muss sein."

Andrea Huss Fotos: ZDF/Stephan Rabold Artikel vom 25.1.2008 Und was sagen Sie zum "Wunder von Berlin"? Schreiben Sie es uns in den Kommentaren!
Themen in diesem Artikel

Unsere Empfehlungen

Brigitte-Newsletter

Lieblingsartikel direkt in dein Postfach

Melde dich jetzt kostenlos an!