Heike Makatsch: "Ich bin nicht so getrieben wie die Knef"

Eine Frau wie Deutschland: Hildegard Knef. Ihre Höhen und Tiefen spiegeln unsere Geschichte. Sie war ein Weltstar, süchtig nach Öffentlichkeit. Im Kinofilm "Hilde" ist Heike Makatsch ihr zum Verwechseln ähnlich. Aber sie würde nie so leben wollen wie Hildegard Knef.

Die Beteiligten an diesem Film reden über die Produktion, als seien sie lange verreist gewesen, nicht auf dieser Welt. "Ich war sechs Monate im Hilde-Land", sagt die Drehbuchautorin Maria von Heland. "Teilweise habe ich drei Nächte hintereinander nicht geschlafen. Ich habe ihre Bücher gelesen, mir ihre Auftritte angeguckt, alle Interviews gelesen, Lieder gehört. In einem völlig überarbeiteten Moment habe ich mich sogar erschreckt, mein Gesicht statt dem von Hilde im Badezimmerspiegel zu sehen. Da wusste ich: Dieser Film ist der Wahnsinn."

Bis zu der Rolle war ich kein Fan von der Knef.

Heike Makatsch steckte mittendrin in diesem Wahnsinn. Als der Dreh begann, lag bereits ein Jahr Gesangsunterricht hinter ihr, sie hatte wie die Drehbuchautorin alles verfügbare Material verschlungen, vom Krieg angefangen bis hin zu Knefs Tod 2002. Makatsch redete mit Zeitzeugen, bevor sie merkte: "Ich muss für die Rolle meine eigene Hilde finden, keine rosarot gefärbte von Menschen, die sie liebten." Bilder zu Knef gab es viele: Die Frau, die sich im Krieg als Soldat verkleidete, um nicht von den Russen vergewaltigt zu werden. Das lebende Wirtschaftswunder, das sich nach dem Krieg vom Nichts zur gefeierten Schauspielerin hochkämpfte. Die erste Nackte in einem deutschen Film, die nach ihrem Auftritt in "Die Sünderin" auf der Straße bespuckt wurde. Die gefeierte Schauspielerin am New Yorker Broadway, ihr Drogenentzug, der singende Weltstar, ihr öffentlich verarbeitetes Krebsleiden, die extrovertierte alte Lady bei Fernsehauftritten. Und immer wieder: ihr Auferstehen aus Ruinen.

"Hilde"-Kinotrailer

Kino: Trailer: Hilde

In Talkshows der 50er und 60er Jahre studierte Makatsch die Haltung und Gesten der Knef. Sie hörte ihre Chansons, denn erst die Texte und das Gefühl, das Knef in ihre Stimme legen konnte, ließen sie die Künstlerin besser verstehen. "Bis zu der Rolle war ich kein Fan von ihr", so Makatsch. "Sie war für mich einfach keine relevante Größe." An ein Interview, das sie in den 90ern mit Hildegard Knef für Viva führte (Anlass: "Für mich soll's rote Rosen regnen" mit Extrabreit), kann sie sich nicht mal mehr erinnern. So egal war ihr die alte Dame mit der großen Sonnenbrille. Die Generation, die Knef verehrte und hasste, war die von Makatschs Großmutter. Die Rolle der extrovertierten Frau mit der Berliner Kodderschnauze wollte Makatsch trotzdem unbedingt spielen. Also verwandelte sie sich: mit grünen Kontaktlinsen und reichlich Make-up, mit Kunstwimpern, die Knef damals gern auch dreifach übereinanderklebte, mit sechs Perücken und der Mode einer anderen Zeit. Makatsch drehte 14 Stunden am Tag, 50 Drehtage lang. "Wenn man so lange in Kleidung steckt, die einen anders gehen lässt, wenn man im Spiegel in ein geschminktes Gesicht sieht, das einen anders blicken lässt, hinterlässt das Spuren", so die Schauspielerin. "Da kehrt man schon mal dem den Rücken, was man so bodenständig 'man selbst' nennt."

Leider sehe ich mich nicht als die talentierte Sängerin.

Auf der Leinwand ist gerade an Kleinigkeiten zu sehen, wie nah Makatsch an Knef herankommt: die Haltung des Unterkiefers zum Beispiel, diese Selbstsicherheit im Gesichtsausdruck, oder wie Makatsch sich nach einem Auftritt in der Berliner Philharmonie mit dem Oberkörper nach vorn wirft, wenn der Applaus vor ihr tobt. Wer sich im Vergleich dazu die Auftritte der Knef anschaut, findet keinen Unterschied. Abgesehen von der Stimme. Was Makatsch singt, klingt wirklich gut, aber ernsthaft vergleichbar ist es dann doch nicht. "Leider sehe ich mich nicht als die talentierte Sängerin", sagt sie. "Mir macht es Spaß. Als Job kommt das vielleicht in Frage, wenn ich mal alt bin und den Dreh raus habe." Fast amüsiert ist sie darüber, dass sie trotzdem alle Lieder im Film singen durfte und die auch noch als Soundtrack erscheinen.

Makatsch ist keine, die angibt. Sie macht sich eher kleiner, als sie ist. Sie gibt nicht gern Autogramme. "Wenn mir unterwegs jemand sagt, dass er meinen letzten Film gut fand, freue ich mich, aber gleich danach weiß ich nicht, was ich antworten soll. Mich verunsichert so was." Auffällig dünn sitzt sie beim Interview in dem großen Sessel eines Berliner Hotelzimmers, antwortet freundlich, aber immer kontrolliert. Sie haut keine Klopper von Sätzen raus wie Frau Knef, die sich in Interviews nie groß anstrengen musste - Knef hatte immer etwas zu sagen, und sie machte selbst aus Tiefschlägen noch einen Satz, über den ihr Publikum schmunzeln konnte. Nach einer misslungenen Schönheitsoperation etwa sagte sie: "Ich sehe inzwischen aus, als sei ein Bulldozer über mein Gesicht gefahren."

Knef litt zwar oft unter der Presse, verließ wegen der Anfeindungen sogar das Land, aber an sich genoss sie es, die Presse zu füttern. Knef suchte nie den Schatten, sie sprang jeden Tag ins Scheinwerferlicht. Makatsch macht das höchstens für einen neuen Film, wenn es unbedingt dazugehört. "Ich entscheide, wie viel ich von mir sezieren lasse", sagt sie entschieden. "Ich versuche, mit meiner Arbeit auch meine Öffentlichkeit zu beenden. Ich bin da nicht so getrieben, wie Hildegard Knef es gewesen ist. Von diesem Wunsch, gesehen zu werden. Das hat sie zwar ein Leben lang angespornt, aber es hat ihr auch nie Ruhe gelassen. Ich kann auch lange weg sein aus der Öffentlichkeit, ohne dass es mich bekümmert."

Makatsch redet nicht über Privates. Anders als bei der Knef, wo jede Trennung die Zeitungen füllte, weiß man bei Heike Makatsch zum Beispiel nicht, warum die Beziehung zum heutigen Bond-Darsteller Daniel Craig nach sieben Jahren zu Ende ging. Es gab die Nachricht und seitdem kein einziges Wort. Das ist eine Leistung für sich. Makatsch steckt Grenzen, bis heute: Als eine Zeitschrift nach der Geburt unerlaubt Babyfotos ihrer Tochter druckte, klagte sie gegen den Verlag. "Das ist auf jeden Fall eine Haltung, die man gleich mal nach außen kommunizieren muss. Ich erwarte einen gewissen Respekt."

Die wahre Achterbahn passiert im Herzen.

Einen ähnlichen Schritt ist Knef nie gegangen. Sie beschrieb sich gern als die ewig Suchende, und jeder sollte wissen, ob sie gerade ein Tief erlebte oder im Glück tanzte. All dieses Auf und Ab im Leben der Knef, die einen naiven Beobachter schnell beeindrucken, lassen Makatsch eher unberührt. "Bei einem Leben, das in der Öffentlichkeit stattfindet, schlägt der Pegel augenscheinlich stärker aus, weil Hilde in New York auftrat oder unter Blitzlichtgewitter in Berlin ankam. Trotzdem hat ein solches Leben für mich nicht mehr Qualität als das eines Menschen auf irgendeinem Dorf. Die Vorstellung, dass das Leben eines Menschen aufregender ist, weil er oft mit dem Flugzeug fliegt, teile ich nicht. Die wahre Achterbahn passiert im Herzen, und da steht Hilde nicht über anderen."

Makatsch kennt solches Auf und Ab. Als die 37-Jährige noch bei Daniel Craig in London lebte, fristete sie eher ein Hausfrauendasein und fühlte sich oft identitätslos. In Diskussionen eckte sie als Deutsche an. Und Craig hätte sich beschwert, wenn sie sich zum Frühstück eine Leberwurststulle geschmiert hätte, erzählte sie damals. Leicht war es nicht, aber Makatsch verzichtete aus Liebe darauf, ihre Karriere in Deutschland zielstrebig voranzutreiben.

Heute lebt sie in Berlin zusammen mit Max Schröder, dem Keyboarder der Band Tomte, Vater ihrer zweijährigen Tochter Mieke Ellen. Sie merkte erst nach ihrer Rückkehr aus London: "So einfach kann das Leben auch sein." Das sagt sie, obwohl sie im letzten halben Jahr keinen einzigen ihrer Freunde treffen und nie weggehen konnte. Während zweier heftiger Drehs hintereinander ("Hilde" und der ZDF-Zweiteiler "Hope") gab es für sie nur Arbeit und Kind. "Da Mieke in der Zeit trotzdem glücklich war, gut aufgehoben und letztlich bei mir, habe ich mich nie als Rabenmutter gefühlt", sagt sie. "Zunächst dachte ich, ich arbeite nie mehr, bekomme stattdessen noch ein paar Kinder. Aber gerade bei diesem Film habe ich gemerkt, wie glücklich mich auch Arbeit macht."

"Hilde", das Resultat dieser Arbeit, fasst die Jahre 1943 bis 1966 episodisch, kaleidoskopartig zusammen, bis zum Höhepunkt von Knefs künstlerischem Schaffen. Jede Szene ist pompös gedreht - man sieht, dass die Produktion etwa neun Millionen Euro gekostet hat. Um möglichst nah an das Original heranzukommen, redeten die Produzentin Judy Tossell und der Regisseur Kai Wessel vor dem Dreh jeweils mehrere Stunden mit allen drei Ehemännern von Hildegard Knef. Kurz vor dem Tod von Knefs erstem Ehemann, dem Amerikaner Kurt Hirsch, flog die Produzentin noch mit einer Filmkopie nach Amerika, guckte mit ihm die Bilder. Kurt Hirsch konnte nicht mehr viel sagen, aber wie gerührt er war, das konnte sie ihm ansehen. Vielleicht sind solche Momente das größte Lob für einen Film: Wenn Menschen, deren Leben darin gezeigt wird, einfach zustimmen.

Text: Andrea Hacke Ein Artikel aus der BRIGITTE 07/09
Themen in diesem Artikel

Unsere Empfehlungen

Brigitte-Newsletter

Lieblingsartikel direkt in dein Postfach

Melde dich jetzt kostenlos an!