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Heiß auf Weiß: Hochzeitsboom im Kino


Im Kino wird geheiratet wie nie. Ein schönes Programm für angehende Bräute? Im Gegenteil, findet BRIGITTE-Redakteurin Alena Schröder, selbst angehende Braut.

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Wonach sehnt sich der Mensch, wenn ihm globale Unsicherheit, steigende Ölpreise und wachsende Zukunftsangst auf den Magen schlagen? Nach Leichtverdaulichem, nach Liebe, Kitsch und Illusion. Hollywood hat diesem Bedürfnis gleich ein ganzes Filmgenre gewidmet: den Hochzeitsfilm. 2008 scheint ein Jahr besonderer Düsternis zu sein, denn im Kino werden uns die Jaworte nur so um die Ohren gehauen. Mit "27 Dresses" (Katherine Heigl als waidwunde Brautjungfer) wurde das Jahr diesbezüglich eingeläutet, und jetzt im Wonne- und Hochzeitsmonat starten "Blind Wedding" und "Verliebt in die Braut", Polen steuert die Komödie "Eine Hochzeit und andere Kuriositäten" bei, und das alles ist vom 1. Mai an im Kino zu sehen. Und natürlich wird in all diesen Filmen trotz maximaler Katastrophen im Vorfeld am Ende alles gut, und die richtigen Menschen bleiben bei- oder finden zueinander, bis dass der Tod sie scheidet.

Eigentlich ein geeignetes Beruhigungsprogramm für angehende Bräute, sollte man meinen. Aber nein, im Grunde machen Hochzeitsfilme genauso viel Lust aufs Heiraten, wie ein Dokumentarfilm über Sturzgeburten Lust aufs Kinderkriegen macht. Wer sich davon trotzdem nicht abschrecken lässt, kann immerhin einiges lernen. Folgende Lehren gibt der klassische Hochzeitsfilm der Braut in spe mit auf den Weg vor den Traualtar:

1. Kämpfen Sie um Ihre Würde!

Glaubt man den Drehbuchautoren von Hochzeitsfilmen, dann besteht die Welt in erster Linie aus Frauen, die seit ihrer Geburt nichts anderes ersehnen, als irgendwann von einem einigermaßen passablen Schnösel geheiratet zu werden. In "Blind Wedding" fragt "American Pie"-Star Jason Biggs eher zufällig und scherzhaft eine Kellnerin, ob sie ihn heiraten würde. Und was macht die? Schreit sofort hysterisch Ja. Ähnlich in "Verliebt in die Braut": Die brave Claire wartet auf die Liebe fürs Leben und schenkt ihr Herz schließlich einer langweiligen Dienstreisenbekanntschaft, während ihr bester Freund Tom (Patrick Dempsey) chronisch bindungsunwillig alles flachlegt, was nicht bei drei auf den Bäumen ist - und jetzt raten Sie mal, wer hier am Ende das eigentliche Traumpaar sein wird.

Hysterische, planungs- und bindungswütige Braut, zweifelnder, freiheitsliebender Bräutigam - dieses Klischee ist nicht totzukriegen. Wundern Sie sich also nicht: Ihr Umfeld erwartet, dass Sie in Ihrer Hochzeit die Erfüllung Ihres Prinzessinnentraums sehen, und reagiert mitunter enttäuscht, wenn Ihnen die Aussicht auf ein Kleid in Sahnebaiser-Optik kein verzücktes Quietschen entlockt und Fragen des richtigen Tischschmucks Sie mäßig euphorisieren. Da müssen Sie drüberstehen! Und dass die Kumpels Ihres Zukünftigen glauben, Sie hätten ihn nun endgültig gefügig gemacht und unter Ihre Fuchtel gezwungen, sollte Sie ebenfalls kaltlassen - Männer mit Hochzeitsphobie gelten seit Hugh Grant in "Vier Hochzeiten und ein Todesfall" als coole Rollenvorbilder. Sehen Sie mit Ihrem Zukünftigen gemeinsam noch einmal "Die Braut, die sich nicht traut" mit Julia Roberts auf DVD, nur damit klargestellt ist, dass auch Frauen vorm Altar noch verdammt kalte Füße bekommen können.

2. Denken Sie an die Finanzen!

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Set-Ausstatter lieben Hochzeitsfilme, denn eine anständige Hollywood-Trauung strotzt vor Üppigkeit. Die Braut: ein Traum in Tüll und Seide. Die Kirche: blumendekorierter als der Garten Eden. Die Ringe: vier Monatsgehälter wert. Die Feier: Mindestens 200 Gäste vergnügen sich unter weißen Baldachinen in einem schlossparkähnlichen Garten, selbstverständlich spielt eine zehnköpfige Live-Band, das Buffet besteht hauptsächlich aus Krustentieren. Das Brautpaar wird in Pferdekutsche oder Limousine herumgefahren und flittert anschließend in einem Fünf-Sterne-Resort in der Karibik. Organisiert wird das alles von einem monatelang rund um die Uhr zur Verfügung stehenden "Wedding Planner" (der gleichnamige Film mit Jennifer Lopez in der Hauptrolle hat diesen Berufsstand auch in Europa bekannt gemacht). Erinnern Sie sich noch an Steve Martin in "Vater der Braut"? Der kann seine Freude über den Tod einer entfernten Verwandten kaum verbergen, weil dies die Kosten für die Hochzeit seiner Tochter senkt. Brutal, aber vielleicht einer der wenigen Momente der Wahrheit in diesem Film, denn: Hochzeiten sind verdammt teuer. Und was uns Hollywood da als typische Standardhochzeit verkauft, ist in Wahrheit nur von Multimillionären zu bezahlen.

3. Dämpfen Sie Ihren Perfektionismus!

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Denken Sie an die Hochzeitsfilme, die wirklich Laune machen: "My Big Fat Greek Wedding", "Schwarze Katze, weißer Kater" oder die jetzt anlaufende polnische Komödie "Eine Hochzeit und andere Kuriositäten". Was haben all diese Filme gemeinsam? Eine Feier, die völlig aus dem Ruder läuft und über die man noch jahrelang sprechen würde, wäre man leibhaftig dabei gewesen. In der klassischen Hollywood-Schnulze dagegen sind es stets die Hochzeitsvorbereitungen, die katastrophal schieflaufen, während die Feierlichkeiten natürlich perfekt über die Bühne gehen. Dabei ist nichts langweiliger als ein Fest ohne Skandale! Wenn Sie wollen, dass Ihre Hochzeit eine unvergessliche rauschende Party wird, müssen Sie Ihren Perfektionismus unterdrücken und in Kauf nehmen, dass Ihre Gäste sich maximal danebenbenehmen, der Trauzeuge in die Torte fällt, der Geschenketisch in Flammen aufgeht. Laden Sie ausdrücklich auch die Trickbetrüger und Erbschleicher in Ihrer Familie und Ihre 20 schrillen Cousinen ein, tragen Sie Sorge, dass Affären gestartet und mafiöse Geschäftskontakte geknüpft werden. Auch eine kleine Prügelei kann der Stimmung guttun. Lassen Sie den DJ den "Schwarze Katze, weißer Kater"-Soundtrack aufdrehen oder engagieren Sie eine zünftige Balkan-Band. Sorgen Sie dafür, dass viel Raki, Wodka und Ouzo fließen.

4. Überschätzen Sie nicht das Happy End!

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Die größte Illusion, die die klassische Hollywood-Schnulze uns zu vermitteln versucht, ist die der Hochzeit als Abschluss, als sicherer Hafen nach einer Odyssee durch Beziehungskatastrophen. Seien wir realistisch: Mit der Hochzeit fängt der ganze schöne Wahnsinn doch erst richtig an. Sie ist nicht das Ende, sondern der Anfang der größten Komödie, Schnulze oder Tragödie unseres Lebens.

So gesehen ist es schön, dass gleichzeitig mit den großen Hochzeitsknüllern des Jahres auch "Married Life" in die Kinos kommt (Filmstart 8. Mai), eine hübsche schwarze Ehekomödie mit Pierce Brosnan, Chris Cooper und Patricia Clarkson. Es geht um Liebe, Treue, Affären, Geheimnisse und Mordgedanken - eben um alles, was das Eheleben so mit sich bringt und spannend macht. Ein Film, der einen daran erinnert, dass man den Menschen, mit dem man in Zukunft das Ehebett teilt, vielleicht nie ganz und gar kennen wird. Und das macht mehr Lust aufs Heiraten als alle öden Kitschromanzen des Jahres zusammen.

Text: Alena Schröder BRIGITTE Heft 10/08

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