Import Export

Auf der Suche nach einem besseren Leben: Ulrich Seidl empfiehlt sich mit seinem "Import Export" für eine Palme.

Inhalt: Olga, eine Krankenschwester aus der Ukraine, kommt nach Wien, um Geld zu verdienen. Paul absolviert in Wien eine Ausbildung zum Security-Mann, doch schnell wird er wieder gefeuert. Mit seinem Stiefvater macht er sich für einen Job in die Ukraine auf, um seine Schulden abzuarbeiten.

Kritik: IMPORT EXPORT ist der zweite Spielfilm des österreichischen Regisseurs Ulrich Seidl, der mit seinem ersten Spielfilm Hundstage (2001) in Venedig den Großen Preis der Jury gewonnen hat. Vorher inszenierte er einige provokante Dokumentarfilme, etwa TIERISCHE LIEBE (1995), der auch das Thema Sodomie nicht aussparte. In tableauartigen, sehr ruhigen Bildern inszeniert Seidl Szenen, die für ihn immer unbedingt mit der Realität verknüpft sein müssen. Seidl: "Der einzige Unterschied zwischen einem Spielfilm und einem Dokumentarfilm ist für mich, dass es bei einem Spielfilm zu Beginn bereits ein Drehbuch und Schauspieler für die einzelnen Rollen gibt. Es ist nur ein kleiner Unterschied, für mich ist es wichtig, etwas existentiell Wirkliches zu zeigen, egal ob auf der Bühne oder gefilmt."

Deshalb hat Seidl seinen Film auch nur an Originalschauplätzen gedreht; im Altersheim in Wien musste er mehr als ein halbes Jahr auf eine Drehgenehmigung warten. Insgesamt hatte er am Ende mehr als 80 Stunden Material, und während des Schnitts drehte er einige Szenen noch einmal nach. So ist ein Film entstanden, der die Wirklichkeit einfängt, aber unter der strengen stilistischen Kontrolle des Filmemachers.

IMPORT EXPORT führt uns zu grauen, kalten Orten, sowohl in Österreich als auch in der Ukraine. Zu Beginn läuft Olga durch eine weiträumige Schneelandschaft, gedreht wurde bei minus 20 Grad, das fühlt man. Der Film erzählt Bewegungen in zwei Richtungen. Olga reist nach Wien und Paul in die Ukraine, beide mit der Absicht, ihr Leben zu verbessern. Der Zuschauer wartet darauf, dass die Figuren sich treffen, sich ihre Leben kreuzen werden. Doch irgendwann wird klar, dass dies nicht der Absicht des Filmemachers entspricht, und das ist klug so.

Abwechselnd und ineinander verwoben folgen wir den Wegen von Olga und von Paul. Dabei gelingen Seidl Momente von eindringlicher Intensität, die sich ins Gedächtnis des Zuschauers geradezu einbrennen. Etwa wenn Pauls Stiefvater eine ukrainische Prostituierte dazu zwingt, nackt auf allen vieren einen Hund zu spielen, und Paul sich dies mit ansehen muss. Im Altersheim, in dem Olga schließlich Arbeit als Reinigungskraft findet, gibt es einen ganzen Saal voll alter Frauen, die kurz vor dem Tod stehen. Eine ruft mit fiepsender hoher Stimme stets nach ihrer Mutter, eine singt "Ich hab mein Herz in Heidelberg verloren" und rührt durch ihre fragile Gesangseinlage, die innerhalb dieses Spielfilms als dokumentarische Perle heraus sticht, zu Tränen. Im Abspann stehen mehrer Kreuze bei den Darstellern aus dem Altersheim, der Tod hat sie zu sich geholt. Konsequent endet IMPORT EXPORT mit einer nächtlichen Einstellung des Zimmers der Frauen. Eine von ihnen wiederholt wieder und wieder nur ein einziges Wort: "Tod." Damit ist alles gesagt.

Dieser Film ist zwar sehr düster, und zumeist konzentriert er sich auf Momente im Leben von Olga und Paul, in denen diese erniedrigt werden. Dennoch scheint hinter dieser finsteren Fassade immer noch die Hoffnung auf eine Welt zu existieren, in der Menschen einander helfen und füreinander da sind. Seidl mag ein Sadist sein, aber tief in seinem Herzen ist er ein enttäuschter romantischer Idealist.

Nana A.T. Rebhan/ARTE

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