Krieg und Frieden

Gestern Abend startete im ZDF der Vierteiler "Krieg und Frieden". Mit 26 Millionen Euro Produktionskosten ein TV-Event der Superlative - das Brigitte.de-Redakteur Henning Hönicke dennoch irgendwie kalt ließ.

Beeindruckend, was das ZDF sich da getraut hat: Leo Tolstois 1500-Seiten-Roman "Krieg und Frieden" als TV-Vierteiler umzusetzen, ist fraglos ein sehr ambitioniertes Projekt. Auf den ersten Blick ist die europäische Co-Produktion dieser Aufgabe gewachsen: Kostüme, Kulissen und epische Schlachtszenen sind bombastisch und eine wahre Pracht. Das Budget reichte auch für große Namen bei der Besetzung, so dass sogar Stars wie Malcolm McDowell, Hannelore Elsner und Alexander Beyer mit von der Partie sind. Die Produzenten selbst werden natürlich nicht müde, ihren Aufwand in Zahlen auszudrücken: 2400 Kostüme! 1500 Pferde! 15.000 Komparsen! Wahnsinn!

Aber genau wie diese nüchternen Zahlen hinterließ auch der erste Teil gestern Abend bei mir nicht unbedingt einen emotionalen Eindruck. Ich habe die Vorlage von Tolstoi nie gelesen und kann daher nicht sagen, ob die Serie dem Roman gerecht wird. Nur für sich selbst betrachtet war "Krieg und Frieden"- für mich jedenfalls - nicht aufregender als jeder beliebige andere "TV-Event-Film". Statt Luftbrücken, Brandbomben oder Sturmfluten ging es hier jetzt mal um Napoleonische Feldzüge gegen Russland.

Wobei der "Krieg" im ersten Teil trotz prominenter Nennung im Titel eher eine Nebenrolle einnimmt. Wichtiger sind die rauschenden Feste des russischen Adels, die schmachtenden Frauen, (entweder unglücklich verliebte Unschuldsengel oder ruchlose, manipulative Luder), und die tapferen Männer, die neben ihrer militärischen Pflichterfüllung noch einen leidenschaftlichen Walzer aufs Parkett legen. Das ist alles ganz nett, aber nicht tiefgründiger als eine x-beliebige Telenovela. Immerhin wirbt das ZDF augenzwinkernd mit dem Slogan: "Nach diesem Film wird jeder glauben, dass Sie das Buch gelesen haben". Da erwarte ich neben all dem Herzschmerz etwas von dem Tiefgang, dem der Roman seinen Klassikerstatus verdankt. Natürlich wird kaum eine Drehbuchumsetzung einer großen Literaturvorlage gerecht, aber gestern Abend fragte ich mich gelegentlich, ob Tolstoi ein Jahrhundert später unter dem Pseudonym "Rosamunde Pilcher" aktiv war.

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Nicht, dass irgendwas gegen seichte Liebesdramen einzuwenden wäre - ich liebe unkomplizierte TV-Unterhaltung! Wäre ja schlimm, wenn das Fernsehprogramm ausschließlich aus Bundestagsdebatten und kopflastigen Dokus bestehen würde! Aber dann möchte ich, bitteschön, wenigstens emotional in die Geschichte einsteigen können. Das war gestern Abend definitiv nicht der Fall.

Schwer zu sagen, woran es gelegen hat. Vielleicht an den Schauspielern? Die schwankten, mit Ausnahme einiger "großer Namen", oft zwischen comic-hafter Überzeichnung (Bösewicht Fürst Kuragin und Tochter Helene würden mit ihrer klischeehaften Durchtriebenheit gut in einen Disney-Film passen) und seelenloser Daily-Soap-Apathie (Clémence Poésy als kuhäugige, brave Natascha). Oder am Drehbuch, das mich mit unfreiwillig komischen Dialogen wie diesem hier überraschte:

"Mögen Sie Rosen?" "Oh ja. Rosen sind wunderschön."

Das stand vermutlich so nicht im Tolstoi-Roman. Belesene Userinnen dürfen mich in den Kommentaren gerne eines Besseren belehren.

Vielleicht ist ein Problem aber auch, dass TV-Produktionen, die sich als bessere Kinofilme verkaufen wollen, zwangsläufig immer den Kürzeren ziehen. Klar, 26 Millionen Euro sind eine Menge Geld - aber nicht für einen Kinofilm. Und wer sich selbst so stur mit Hollywood-Produktionen vergleicht wie dieser Vierteiler, muss dann auch den Einwand verkraften, dass er trotz aller Bemühungen immer noch vergleichsweise billig aussieht.

Ich für meinen Teil greife bei Sehnsucht nach liebeskranken Aristokraten in Kriegswirren jedenfalls lieber nach meiner "Vom Winde verweht"-DVD. Ein Film, dem übrigens seinerzeit von Filmstar Gary Cooper prophezeit wurde, dass er "der größte Flop in der Geschichte Hollywoods" werden würde. Sie sehen: Der Erfolg epischer Liebesdramen hängt nicht von der Kritik eines einzelnen Nörglers ab.

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