Oscar 2008: Beste Regie

Wer immer die Auszeichnung für die "beste Regie" dieses Jahr bekommt, wird es zu schätzen wissen: Für jeden dieser Nominierten wäre es der erste Regie-Oscar seiner Karriere.

Paul Thomas Anderson - There Will Be Blood

38 Jahre sind etwas alt für den Titel "Wunderkind", auf Paul Thomas Anderson trifft er aber dennoch zu. Schließlich war er gerade erst 27 Jahre, als er mit seinem Film "Boogie Nights" die Welt aufhorchen ließ. Wie konnte ein so junger Mann eine so reife Abrechnung mit der Pornoindustrie der Siebziger schreiben und inszenieren? Und ganz nebenbei dem schon abgeschriebenen Altstar Burt Reynolds zu seiner ersten Oscar-Nominierung verhelfen? Seine folgenden Filme "Magnolia" und "Punch Drunk Love" etablierten ihn als jungen Regisseur mit erstaunlich abgeklärter Perspektive auf die Menschheit.

Nun ist er fast vierzig und hat mit "There Will Be Blood" den Film gedreht, den manche Kritiker schon als sein definitives Meisterwerk bezeichnen. Das wäre allerdings schade, denn dann könnte sich Anderson ja guten Gewissens zur Ruhe setzen. Wir sind uns sicher, dass er mit oder ohne Oscar noch viele gute Filme in sich hat - so alt ist 38 ja schließlich auch wieder nicht.

Kinostart: 14.2.2008

Ethan Coen, Joel Coen - No Country for old Men

Joel und Ethan Coen sind wahrscheinlich oft frustiert. Die Brüder gelten als Filmgenies, die gleichberechtigt an Drehbuch und Regie arbeiten, und schon Hits wie "Fargo", "The Big Lebowski" und "Oh Brother, where art thou" produziert haben. Filmkritiker sind begeistert von ihrem anspruchsvollen und originellen Stil. Das Kinopublikum weiß ihre Arbeit aber kaum zu schätzen und strömt lieber in leichter verdauliche Massenproduktionen. Es ist halt der Fluch der Delikatesse, dass Fast Food immer die beliebtere Wahl sein wird.

"No Country for Old Men" ist für die Coens eine Premiere: Erstmalig haben sie für einen ihrer Filme eine Romanvorlage umgesetzt, den gleichnamigen Bestseller von Cormac McCarthy . Weite Strecken ihres Drehbuches entsprechen wörtlich dem Roman - und dennoch wirkt "No Country" wie ein "reiner" Coen-Film. Vielleicht liegt das daran, dass sich das Buch bereits wie ein moderner Film Noir liest - ein Genre, das Joel und Ethan in ihren Filmen schon auf verschiedenste Weise in ihren Filmen behandelt haben.

Die beiden haben zwar schon viele Oscars gewonnen - einer für ihre außerordentlichen Regieleistungen war aber bisher nicht dabei. Die Chancen stehen ganz gut, dass die Academy das dieses Jahr endlich nachholt : "No Country" ist mit seinen insgesamt acht Nominierungen einer der klaren Favoriten.

Kinostart: 28.2.2008

Tony Gilroy - Michael Clayton

"Im Auftrag des Teufels", "Armageddon", die "Bourne-Trilogie" - Tony Gilroys Filmografie liest sich nicht schlecht. Warum man seinen Namen trotzdem nicht kennt? Weil Gilroy bis vor kurzem "nur" als Drehbuchautor gearbeitet hat - und die stehen ja leider trotz ihrer wichtigen Arbeit nie im Rampenlicht. Es sei denn, sie streiken, wie es die Drehbuchautoren in Hollywood gerade tun, Tony Gilroy inklusive.

Mit "Michael Clayton" gibt der New Yorker jetzt sein Regie-Debüt. Und hat dabei vieles richtig gemacht. Mit insgesamt sieben Oscar-Nominierungen (bester Film, beste Regie, George Clooney als bester Hauptdarsteller, Tilda Swinton und Tom Wilkinson als beste Nebendarsteller, beste Musik und bestes Drehbuch - natürlich von Gilroy selbst verfasst) geht "Michael Clayton" als einer der Favoriten ins diesjährige Oscar-Rennen. Sein Film über den Ausputzer einer Anwaltskanzlei (Clooney), der seinen Arbeitgeber vor einer großen Katastrophe bewahren soll, ist ein spannender Thriller im guten alten Stil.

Sieht ganz so aus, als würde Gilroy in seinen nächsten Filmprojekten immer eine Doppelrolle spielen: als Regisseur und Drehbuchautor. Damit stehen die Chancen auch noch besser, seinen ersten beiden Oscar-Nominierungen aus diesem Jahr weitere folgen zu lassen.

Kinostart: 28.2.2008

Jason Reitman - Juno

Viele Väter träumen davon, dass ihr Sohn eines Tages ihren Job übernimmt. Und viele Söhne verbringen einen Großteil ihrer Jugend damit, ihrem Vater schonend beizubringen, dass das leider nichts wird. Bei Jason Reitman war das anders - er stieg gerne ins Familien-Business ein. Kein Wunder, sein Vater ist immerhin Regisseur Ivan Reitman, der in den Achtzigern bei Hits wie "Kindergarten Cop" und "Ghostbusters" Regie führte. Folglich war Jason schon von Kindesbeinen an im Filmgeschäft tätig (unter Anderem als Kinderschauspieler) und konnte sich für sein späteres Leben nichts Besseres vorstellen.

Nach seinem erfolgreichem Regiedebüt "Thank you for Smoking" vor zwei Jahren, gelang ihm nun mit "Juno" der ganz große Wurf: Mit einem Einspielergebnis von bereits über 100 Millionen Dollar hat Jason den Erfolg seines Vaters locker eingeholt. Als Regisseur ist er seiner Hauptfigur Juno sehr ähnlich - hinter der auf den ersten Blick dick aufgetragenen Coolness der Inszenierung (Texteinblendungen, ausgefallene Kameraeinstellungen, etc) steckt ein großes Herz. Aus dem großen Schatten seines Vaters ist er nun endgültig hervorgetreten: Der ist nämlich bisher noch nicht für einen Oscar nominiert worden.

Kinostart: 20.3.2008

Julian Schnabel - Schmetterling und Taucherglocke

Ihnen war Julian Schnabel bislang nur als Maler bekannt? Verständlich, der 56-jährige New Yorker hat auch sehr viel mehr Bilder als Filme gemacht. Bislang hat Schnabel erst viermal Regie geführt. Für sein neuestes Kinoleinwand-Kunstwerk "Schmetterling und Taucherglocke" durfte er schon einige Ehrungen einstecken: Bei den Filmfestspielen in Cannes erhielt er den Regiepreis, bei den Golden Globes ebenfalls und dazu noch die Auszeichnung für den besten fremdsprachigen Film - Schnabel hat "Schmetterling und Taucherglocke" auf Französisch gedreht.

Der Film erzählt die wahre Geschichte von Jean-Dominique Bauby, Chefredakteur des französischen Magazins "Elle". 1995 erleidet er im Alter von 43 Jahren einen heftigen Schlaganfall, durch den sein Hirnstamm geschädigt wird. Als er aus dem Koma erwacht, lautet die Diagnose "Locked-in-Syndrom". Bauby kann nur noch seinen Kopf ein wenig bewegen, grunzende Laute von sich geben und mit dem linken Augenlid blinzeln. Er beschließt, seine Erfahrungen in einem Buch festzuhalten, das er mittels Blinzeln diktiert ...

"Le scaphandre et le papillon" ("Schmetterling und Taucherglocke") erschien im März 1997, wenige Tage später starb Jean-Dominique Bauby.

Kinostart: 27.3.2008

Henning Hönicke/Katharina Wantoch
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