Prädikat sehenswert: Ein "Teufelsbraten" setzt sich durch

Mittwoch und Donnerstag läuft in der ARD der Zweiteiler "Teufelsbraten" von Hermine Huntgeburth. Selten wurde die Entwicklungsgeschichte einer Frau so eindringlich und sensibel erzählt.

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Die kleine Hildegard (Nina Siebertz) hat wieder etwas ausgefressen

Das kleine Hildegard ist irgendwie anders: Sie redet mit einer alten Handtasche und wünscht sich eine "Negerpuppe", die sie "Fritzchen" nennt - für ihre Eigenarten bekommt sie von den hilflosen Eltern regelmäßig Prügel. Während die andern schlafen, betet Hilde heimlich dafür, dass "das Fritzchen weiß" werde, und fast ist es, als bete sie dafür, selbst besser in die Familie zu passen.

"Teufelsbraten", die Verfilmung von Ulla Hahns Erfolgsroman "Das verborgene Wort", schildert die Befreiung eines fantasiebegabten und wissbegierigen Mädchens aus der Enge einer erzkatholischen Arbeiterfamilie. Der Roman, der fast autobiografisch den Kampf der aus ärmlichen Verhältnissen stammenden Autorin um eine Ausbildung beschreibt, ist seltsam zeitgemäß, obwohl er im Rheinland der fünfziger Jahre spielt. Im Mittelpunkt steht die Protagonistin Hildegard Palm, ein Mädchen, das im provinziellen Mief des Dorfes irgendwo zwischen Köln und Düsseldorf sehr verloren wirkt. Wir begleiten Hildegard von ihrer Kindheit bis ins Backfischalter.

Etwas ungewohnt ist zu Beginn die rheinische Mundart, in der alle Figuren sprechen. Doch scheint es spätestens seit Marcus Rosenmüllers Filmen in bayrischem Dialekt ein Trend zu sein, immer mehr deutsche Filme in Mundart zu drehen. Nach ein paar Minuten hat man sich an den Kölner Dialekt gewöhnt.

Die abergläubische Großmutter (herrlich knorrig: Barbara Nüsse) sieht in Hildegard einen "Düvelsbrode" - einen Teufelsbraten - und betet ständig zur "heiljen Mutter Jottes", wenn das Kind wieder etwas angestellt hat. Sie schwärmt von Adenauer und schimpft auf die Kommunisten. Rührend ist die Beziehung, die Hilde zu ihrem Großvater (Peter Franke) hat, der ihr Verbündeter zu sein scheint und als einziger ebenso verquere Gedanken hat wie seine Enkelin.

Je älter Hildegard wird, umso weniger scheint sie in die einfache Welt ihrer Familie zu passen. Dieser Prozess wird als sehr schmerzhaft dargestellt: Ob sie das Tischgebet als einzige auf hochdeutsch aufsagt oder sich durchringt, mit Messer und Gabel zu essen - stets wird dafür verbal oder physisch auf sie eingeschlagen. Einmal schreit der Vater (eindringlich verbittert: Ulrich Noethen) ihr ins Gesicht: "Mach wat de willst, du bleibst wat de bist - dat Kind von 'nem Proläte!" Worauf die Großmutter entrüstet entgegnet: "Mir sin kei Proläte, mir sin katholisch!" - Solche Sätze sitzen und davon gibt es eine Menge im Film.

Schon Ulla Hahn hatte den Menschen in ihrem Roman "aufs Maul jeschaut" und genau den Ton des rheinischen Menschenschlags getroffen. Darin steht ihr der Film in keiner Weise nach.

Hildegard (Anna Fischer) ist fest entschlossen: sie möchte unbedingt aufs Gymnasium

Die Darsteller sind bis in die Nebenrollen hervorragend ausgewählt und ergeben ein stimmiges Ensemble. Der kurze Auftritt von Harald Schmidt als klebrigem Wäsche-Vertreter bleibt da eine verzeihbare Ausnahme. Ulrich Noethen mimt den hilflosen und letztlich todunglücklichen Vater mit eindringlicher Intensität. Auch die Mutter, gespielt von Margarita Broich, ist überzeugend: eine einfache Putzfrau, die die Entwicklung ihrer Tochter mit Erstaunen beobachtet.

Zwar schmerzt es immer, sich von einer Hildegard-Darstellerin zu verabschieden (es gibt insgesamt drei), doch schnell zieht auch die Nachfolgerin den Zuschauer wieder in die Geschichte herein. Besonders bleibt die Schaupiel-Entdeckung Anna Fischer im Gedächtnis, die Hildegard in den späteren Jahren porträtiert. Mit seelenvollen Blicken aus dunklen Augen und ihrer widerspenstigen Art erobert sie das Herz des Zuschauers im Sturm.

Hildegard nennt sich jetzt Hilla, schwärmt für Schiller und ihren Deutschlehrer. Ihre Freunde sind alle aus "besseren" Verhältnissen: Kinder der Industriellen, für die der Vater arbeitet. Dieser Kontrast wird bildlich, wenn die Freunde in der schicken Corvette an ihrem Vater auf dem kaputten Fahrrad vorbeibrausen.

Als die Mittelschule vorbei ist, wird Hilla zur Arbeit in die Fabrik geschickt. Dort wird sie von der herrischen Sekretärin Frau Wachtel (Corinna Harfouch) herumkommandiert und begierig über ihr Liebesleben ausgehorcht. Die pointierten Verbal-Duelle mit zwischen der cleveren Hilla und der kettenrauchenden Gouvernante sind ein pures Vergnügen und eine Demonstration großer Schauspielkunst. Der Weg bis zum ersehnten Gymnasium ist für Hilla jedoch noch weit und schmerzhaft.

Die norddeutsche Regisseurin Hermine Huntgeburth hat den Roman von Ulla Hahn voller Sensibilität und mit einem Blick für Details inszeniert. Der Zuschauer taucht völlig in Hildegards Welt ein. Das tut manchmal fast weh, beispielsweise wenn die tiefe Kluft zwischen der hilflosen Liebe der Eltern und den verzweifelten Ambitionen der Tochter offenbar wird. Zumeist ist es aber wunderschön, da in den sepiafarbenen Bildern auch der Zauber der Kindheit eingefangen ist.

"Teufelsbraten" ist eine hervorragend beobachtete Milieustudie - ein Film, der die deutsche Nachkriegsatmosphäre authentisch vermittelt und dabei die Entwicklungsgeschichte einer starken Persönlichkeit erzählt. Unsere Empfehlung: Unbedingt ansehen!

Sendetermine

ARD, 12. März, 20:15 Uhr (Teil1) und 13. März, 20:15 Uhr (Teil 2)

Denise Klink Fotos: WDR/Thomas Kost
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