Caroline Peters: Die Grenzgängerin

Caroline Peters ist eine brillante Theaterschauspielerin. Und zugleich die originellste TV-Kommissarin Deutschlands. Wie das zusammenpasst? Indem sie das Ernste einfach nicht so wichtig nimmt. Am Mittwoch ist sie in der ARD zu sehen. "Im Netz" ist ein Thriller, der von einer Frau erzählt, deren Identität für terroristische Zwecke geklaut wurde.

Es soll ja Menschen geben, die immer noch nicht wissen, wer Caroline Peters ist. Nun, für die in Kurzform: Caroline Peters ist der hellste Stern in jeder Nacht. Sie ist ein Superstar mit Sexappeal. Jeder will ein Kind von ihr, mit ihr Wodka trinken, tanzen gehen, nächtelang um Häuser ziehen. So jedenfalls klingt es in der Punkrock-Hommage an Caroline Peters, die die Band Temp-Eau 2006 veröffentlichte. Nun muss man wissen, dass Temp-Eau ein Projekt des Schauspielers und Musikers Jan Plewka war. Caroline Peters hat mal mit ihm gedreht und in Hamburg Theater gespielt, "seitdem ist Jan mein bester Freund", sagt sie. Aber trotzdem: "Ein Lied, für und über mich, hach, das fand ich schon wahnsinnig toll."

Es gibt nicht viele Schauspielerinnen in Deutschland, die so etwas haben. Sie muss also etwas ganz Besonderes sein, diese Caroline Peters. Auf den ersten Blick sieht man das nicht. Es gibt diese Menschen, die einen Raum mit ihrer Aura fluten. Caroline Peters, 41, tut das nicht, als sie ins "Barcomi's Deli" in Berlin-Mitte kommt. Das Auffälligste an ihr ist ein pinkes Filzkleid, ansonsten wirkt sie eher zurückhaltend. Sie sei ein bisschen müde, sagt sie. Es ist gerade Berlinale, da gehört es sich für Schauspieler mit Wohnsitz Berlin, sich auf Partys sehen zu lassen. "Ohne einen doppelten Mokka sage ich jedenfalls nichts", sagt sie und grinst.

So richtig Eindruck macht diese Frau erst auf den zweiten Blick. In ihrem Job ist das anders. Da ist Caroline Peters eine Art Naturereignis, eine Schauspielerin mit Wucht, die auf der Bühne explodieren kann. 2012 hat sie den Ulrich-Wildgruber-Preis bekommen, eine Theater-Auszeichnung, die ihr viel bedeutet: "Mit Wildgruber in einem Satz genannt zu werden, das macht mich extrem stolz." Dazu kommt ein Grimme-Preis, den hat sie 2007 für den TV-Film "Arnies Welt" bekommen; und für die Rolle, die sie bekannt gemacht hat, ist sie gerade wieder nominiert: Kommissarin Sophie Haas, eine Großstadt-Kriminalistin, die in ein Eifel-Dorf versetzt wird. "Mord mit Aussicht" heißt die Serie, die seit 2008 läuft.

Peters ist mit mehr als sechs Millionen Zuschauern pro Folge die erfolgreichste Fernsehermittlerin nach den "Tatort"-Kolleginnen. Sie hat mit ihren Mitstreitern Bjarne Mädel und Meike Droste etwas geschaffen, das es in Deutschland so noch nicht gab: eine Serie voller starker Charaktere und mit beinahe britischem Humor, in der in ländlicher Umgebung quasi nichts passiert. Außer, dass eine Großstadtfrau die Herausforderungen der Provinz annimmt und nebenbei ein paar Klischees über den Haufen wirft. Denn Sophie Haas sucht nicht die große Liebe.

Caroline Peters in "Der ideale Mann" am Wiener Burgtheater

Caroline Peters in "Mord mit Aussicht"

Die Rolle hat sie berühmt gemacht, "und Ruhm ist merkwürdig", sagt Peters, "die Leute kennen uns aus ihrem Wohnzimmer, die halten mich immer für meine Rolle". An der Volksbühne in Berlin, dem Schauspielhaus in Hamburg und am legendären Wiener Burgtheater, wo sie seit neun Jahren zum Ensemble gehört, hat sie sich einen Ruf als überragende Schauspielerin erarbeitet, aber sie wurde außerhalb der ehrwürdigen Gemäuer in Ruhe gelassen.

Seit "Mord mit Aussicht" im Fernsehen läuft, muss sie sich Fragen nach Befindlichkeiten und Beziehungen anhören. "Ich finde es clever, wenn Schauspieler ein Geschäft aus ihrem Privaten machen, aber ich kann das nicht", sagt sie. "Ich finde das Privatleben zu komplex, um es in der Öffentlichkeit zu erklären. Meines ist schön und nicht allein, soviel kann ich sagen." Sie lebt einen kulturellen Spagat. Immer noch ist es in der Theaterwelt nicht wirklich gern gesehen, wenn man sich fürs Fernsehen hergibt. "In Deutschland hat alles sein eigenes Fach", sagt sie, "dabei ist es doch viel toller, wenn sich die Disziplinen vermischen." Sie ist da offener. Verdankt sie ihren Eltern, sagt sie. Der Vater war Psychiater, der Leiter der Nervenklinik in Köln. Ihre Mutter: eine Slawistin. "Die hatten einen entspannten Kulturbegriff, Theater und Bücher waren bei uns Alltag." Kultur war keine besondere Anstrengung für sie, rein genetisch: "Meine Eltern waren sehr unverkrampft und begeistert." Das hat sie nicht zu knapp geprägt.

Caroline Peters in dem neuen TV-Film "Im Netz"

Seit 1995 lebt sie in Berlin, damals war der Osten noch wild und abgerissen, "und man konnte in riesigen Wohnungen für quasi kein Geld wohnen". Jetzt ist er vor allem schick. Manchmal befremdet es sie, diese ganzen Hipster zu sehen, die Laptop-Typen, die zwischen Berlin und Paris pendeln und irgendwas mit Mode oder Medien machen: "Dann denke ich: Hey, vergesst nicht, wir waren schon da, bevor ihr euch erfunden habt!" Sie selbst hat eine gesunde Distanz zum Internet, und die Rolle, die sie in ihrem neuen TV-Film "Im Netz" (27. März, ARD) spielt, hat sie darin bestärkt. Sie ist Juliane, eine Unternehmensberaterin, die plötzlich wegen Terrorverdachts verhaftet wird - irgendwer hat ihre komplette Netzidentität übernommen. Nach und nach verliert sie die Kontrolle über ihr Leben. Ob ihr das auch in der Realität passieren könnte? "Klar. Jedem", sagt sie. "Wenn dich jemand knacken will, dann schafft er es. Die da draußen sind besser als wir."

Früher, als ihr Weltbild ein diffus linkes war, hat Caroline Peters sogar den Banken misstraut und ihre Miete bar bezahlt, wie die RAF in den 70ern. "Als ich jung war, gab es noch dieses Blockdenken", sagt sie, "entweder wurde man Kohl-Anhänger, oder man ist gegen die Volkszählung und den Nato-Doppelbeschluss auf die Straße gegangen. Ich habe mich für die Linksvariante entschieden, ohne wirkliches Wissen." "Im Netz" sieht aus wie eine Mischung aus dem Echtzeit-Thriller "24" und der Agentenserie "Homeland" und ist ungewöhnlich spannend und gut erzählt. Regie hat Isabel Kleefeld geführt, mit der Caroline Peters schon bei ihrem ersten Grimme-Preis gearbeitet hat.

Peters selbst hat man noch nie so gesehen. Wie ihrer Figur das Leben entgleitet, ist so unheimlich wie beklemmend. "So etwas erwartet man gar nicht im deutschen Fernsehen", sagt Peters, "da wird sich sonst viel zu wenig getraut, in der Regel werden alte Sehgewohnheiten bedient." Das psychologische Problem habe sie gereizt, nicht das kriminalistische, "und die Verfolgungsjagden: Mal nichts sagen müssen, sondern einfach nur wegrennen vor bösen breitschultrigen Männern, das war toll." Denn das ist die andere Seite der Hochkulturfrau Caroline Peters: Sie hat ein Faible für Actionfilme, seit sie Anfang der 90er Jahre nach Saarbrücken zog, um auf die Schauspielschule zu gehen. Linda Hamilton, die Hauptdarstellerin aus den "Terminator"-Filmen, war ihr erstes großes Vorbild: "Rollen, in denen Frauen sich geprügelt und geschossen haben, die gab es doch vorher gar nicht. Das hat mich fasziniert."

Heute interessieren sie andere Schauspielerinnen: "Helen Mirren, Charlotte Rampling, Meryl Streep. Ich beschäftige mich ganz stark mit der Altersklasse 60 bis 70. Mein weitgestecktes Ziel ist es, so toll in Würde zu altern." Das ist so, seit sie 40 geworden ist. "Das war ganz schrecklich. Ich bin vier Tage vor meinem Geburtstag aufgewacht und hatte schlechte Laune - und wusste nicht, warum", sagt sie. "Der Geburtstag war wie ein Nadelöhr, durch das ich durchmusste, und es kam mir vor, als ob jemand danebenstand und sagte: Da geht nicht viel Gepäck durch, du musst dir gut überlegen, was du mitnimmst. Das hat mich total gestresst." Inzwischen hat sie vergessen, was eigentlich das Problem dabei war: "Ich habe sogar vergessen, was ich mitgenommen habe."

Heute findet sie über 40 zu sein "irre befreiend: Ich muss nicht mehr jung und cool sein. Ich kann abends schön auf dem Sofa 'ne DVD einschieben, ganz ohne Party-Zwang, weil ich einfach in dem Alter dafür bin". Sie lacht. Und sagt: "In mir reift ein gesunder Alters-Opportunismus." Caroline Peters hat viel erreicht in den letzten Jahren. Aber eines gibt es doch, das sie piekst - für das Kino spielt sie noch keine Rolle. "Keine Ahnung, warum das so ist", sagt sie, "vielleicht, weil das derzeitige Erfolgsmodell im deutschen Kino keine Schauspieler vorsieht, die im Fernsehen zu sehen sind." Vielleicht wird sie das Problem eines Tages angehen, aber im Moment hat sie anderes zu tun. Ihre Serie "Mord mit Aussicht" weiterdrehen etwa, die dritte Staffel wird in diesem Jahr produziert. Und dann? Ein gutes Drehbuch schreiben, produzieren, selber spielen? Sie zuckt nur mit den Schultern und lächelt schief. Soll wohl heißen: Möglich wär's. Es wäre schließlich nicht die erste Grenze, die Caroline Peters überschreitet.

Zur Person:

Ihr erstes Engagement hatte Caroline Peters 1995 an der Berliner Schaubühne; seit neun Jahren ist sie am Wiener Burgtheater. Ihre TV-Karriere begann mit Gastrollen u. a. in "Im Namen des Gesetzes". Nach ihrer Rolle im TV-Film "Contergan" erhielt sie 2007 das Angebot für die großartige Regionalkrimi-Serie "Mord mit Aussicht".

BRIGITTE-Heft 08/2018 Text: Stephan Bartels Fotos: ard, Reinhard Werner/Burgtheater, WDR/Alexander Fischerkoesen
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