Charlotte Roche: "Der Unfall soll schocken, das entspannt mich!"

Der tragische Unfall ihrer Familie prägte Charlotte Roches Roman "Schoßgebete". Zum Filmstart erzählt Roche, wie es war, die Szene im Kino zu sehen.

In ihrem 2011 veröffentlichten Roman "Schoßgebete" verarbeitet Charlotte Roche die "Vollkatastrophe ihres Lebens", den tragischen Unfalltod ihrer drei Brüder am 30. Juni 2001. Die Story um die neurotische Ehefrau Elizabeth Kiehl, die sich nur beim Sex richtig fallen lassen kann, war nach "Feuchtgebiete" Roches zweiter Roman. Nun kommt die Verfilmung des Bestsellers mit Lavinia Wilson und Jürgen Vogel in die Kinos. Wie ist das, das eigene Trauma plötzlich im Film zu sehen?

BRIGITTE: "Schoßgebete" ist bereits Ihre zweite Romanverfilmung. Wie sehr waren Sie dieses Mal eingebunden?

Charlotte Roche: Gar nicht! Ich will nicht, dass die Filmbranche über mich lästert und sagt: "Die ist größenwahnsinnig und uns beim Drehbuchschreiben auf den Sack gegangen."

Ist es Ihnen nicht schwer gefallen, bei so einem privaten Stoff völlig loszulassen?

Grundsätzlich ist meine Haltung: Die sollen ein neues Kunstwerk machen auf der Basis von meinem Buch. Bei "Schoßgebete" hatte ich natürlich vor gewissen Szenen Angst.

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Filmszene "Schoßgebete"

Der Autounfall Ihrer Mutter und Geschwister spielt im Film eine zentrale Rolle. Wie ist es, diese Szenen auf der Leinwand zu sehen?

Leider ist die Geschichte meines Lebens, das Wichtigste, was mir passiert ist, ein tragisches Unglück. Ich lebe jeden Tag damit und kämpfe immer noch mit den Folgen. Die Realität ist so unendlich viel anstrengender für mich, als den Film zu gucken. Vom Buch über das Drehbuch bis zum Film rutscht das immer weiter von mir weg.

Die Unfallszenen gehen ziemlich an die Nieren.

Wenn Ihnen das an die Nieren geht, wenn jemand anderes geschockt davon ist, dann entspannt mich das kurz. Dann habe ich es geschafft, dass jemand anderes sich da reinfühlen kann.

Der Film ist gleichzeitig überraschend brav. Die Sexszene, mit der Sie das Buch beginnen, wurde gestrichen.

Da werden sich die Leute wundern, die schon mit offener Hose im Kino sitzen und denken: "Ich weiß ja, wie der Film anfängt". Von wegen!

Warum spielt Sex im Film keine so große Rolle?

Der Produzent Oliver Berben hat mir erklärt, dass es für ihn mehr ein Beziehungsfilm als ein Sexfilm ist. Ihn nervt diese ganze Skandalisierung von Sex total. Klar erwarten viele Zuschauer krasse Bilder - und es gibt auch explizite Szenen. Wie zum Bespiel eine meiner Lieblingsszenen, die im Bordell.

In der das Paar eine Prostituierte für einen Dreier bezahlt.

Ich find' das total lustig, wie die da beide ganz brav sitzen und sich der Prostituierten komplett unterordnen. So sollte man sich als Freier einfach benehmen!

Ist Lavinia Wilson Ihre Wunsch-Elizabeth Kiehl?

Als ich das Casting-Band von Lavinia das erste Mal gesehen habe, hab' ich direkt Gänsehaut und Schweißausbrüche bekommen. Ich dachte: "Oh Gott, die spricht ja wie ich." Mein zweiter Gedanke war: "Hoffentlich sieht mein Mann die nicht, nachher verliebt er sich in die."

Letztes Jahr haben Sie uns verraten, dass Sie gerade an einem weiteren Buch arbeiten.

: Ich schreibe noch, bin aber wirklich lahmarschig. Der Verlag fragt ab und zu mal per SMS "... und, wie geht's?" Was ja so viel heißt wie: "Wann kommt das Buch, du blöde Sau?"

Interview: Meike Osterchrist
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