Sicko

Michael Moore - Palmengewinner 2004 - darf dieses Jahr wieder in Cannes mitmischen. Allerdings außer Konkurrenz. Sein Film "Sicko" ist eine Dokumentation über das amerikanische Gesundheitssystem.

Inhalt: Michael Moore widmet sich in seinem neuesten Werk den fatalen Folgen des amerikanischen Gesundheitssystems, das auf hohen Profit hin orientiert ist und nicht etwa zum größten Wohlergehen seiner Patienten. Er vergleicht es mit besser funktionierenden Gesundheitssystemen in anderen Ländern, etwa in England, Frankreich und Cuba.

Kritik: In der ihm ganz eigenen Art hat sich Michael Moore diesmal das amerikanische Gesundheitssystem vorgenommen. Man kann dem amerikanischen Regisseur allerlei vorwerfen, er ist bekannt für seine einseitige Darstellung des Themas, für die Vereinfachung von komplexen Zusammenhängen und für die melodramatische Aufbereitung von Fakten. Da scheiden sich die Geister, ob ein Dokumentarfilm das darf. Moore ist es egal, er kann mit Kritik gut leben und hat seinem größten Feind vor kurzem erst 12.000 US-Dollar überwiesen, damit dieser seine Michael-Moore-Hass-Web-Page im Internet weiter betreiben kann. Die Ironie des Schicksals wollte es, dass dessen Frau erkrankte und dringend eine Operation benötigt, die sie selbst zahlen muss. Der Moore-Feind stand also vor der Entscheidung: die Webpage oder die Operation. Zum Glück entschied er sich für die Operation, und dank Moore hat er nun beides.

bringt tragische Fälle ans Tageslicht. Gleich zu Beginn schildert ein Unfallopfer, dass er sich zwei Fingerkuppen abschnitt und sich im Hospital entscheiden musste, welche er denn wieder angenäht haben wolle. Der Ringfinger kostete 12.000, der Mittelfinger 60.000 Dollar. Moore bemerkt im Off-Kommentar, dass er eine "romantische Entscheidung traf und sich für den Ringfinger entschied." Eine andere Frau klagt, dass ihre kleine Tochter starb, weil das Krankenhaus, in das sie ihre Kleine einlieferte, diese nicht behandeln wollte, da ihre Versicherung mit einem anderen Krankenhaus zusammen arbeitete. Bis die Kleine ins andere Krankenhaus kam, war sie tot. Die Mutter blättert weinend in einem Fotoalbum der Kleinen und erzählt unter Tränen ihrer Tragödie vor einem Kinderspielplatz. Auch andere Interviewte brechen mehrfach in Tränen vor der Kamera aus. Manche Zuschauer mag dies berühren, andere fühlen sich durch all die Mechanismen, die Moore nutzt, manipuliert.

Wirklich nervend ist es, dass Moore Fakten permanent in seinen Off-Kommentaren wiederholt, als habe er es mit Zuschauern zu tun, die sich auf dem Entwicklungsniveau von Fünfjährigen befinden. Auch dass Moore mit seiner enormen Körperfülle und seiner penetranten Art immer wieder selbst in seinen Filmen auftaucht, kann störend wirken. Andererseits muss man es ihm zu Gute halten, dass er mit seinen Filmen den Weg auf die große Leinwand für viele andere wichtige Dokumentarfilme geebnet hat.

Seine konsequente Art ist höchst erstaunlich und führt bisweilen auch dazu, dass Moore persönliche Risiken eingeht. Sein Film führt ihn nach Cuba - nachdem ihm und zehn kranken 9/11-Helfern die Einreise nach Guantanamo offiziell verweigert wurde. Moore spitzt die Botschaft von SICKO darauf zu, dass die medizinische Versorgung der Häftlinge dort besser ist als im Rest Amerikas, weil sie umsonst ist. Doch weil Moore & Co. nicht in den Hochsicherheitstrakt dürfen (was für eine Überraschung), fährt er mit seinen Patienten kurzerhand nach Cuba. Angeblich hat er diese Reise nicht offiziell angemeldet, und nun droht ihm nicht nur Ärger, sondern gar eine Gefängnisstrafe. Doch Moore kann dies nicht abschrecken, denn er ist ein Prediger einer wichtigen Botschaft, die er am Ende der Pressekonferenz verkündet: "Lasst uns in unsere eigene Seelen sehen, damit wir bessere Bürger werden auf dieser Welt."

Nana A.T. Rebhan/ARTE

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