Entführte Frauen nach zehn Jahren aufgetaucht

In Ohio haben sich drei entführte Frauen nach zehn Jahren Gefangenschaft befreien können. Im Interview mit BRIGITTE.de erklärt Trauma-Experte Dr. Georg Pieper, wieso die Zeit nach so einem Trauma schlimmer sein kann als das Ereignis selbst - und wie man am besten damit umgeht.

Zehn Jahre eingesperrt in einem Keller-Verlies - dieser Alptraum wurde für die Amerikanerinnen Amanda Berry, Gina DeJesus und Michelle Knight zur schrecklichen Realität. Auf dem Weg von der Arbeit oder Schule wurden sie von einem Schulbusfahrer entführt, der sie in seinem Keller gefangen hielt und gemeinsam mit seinen Brüdern über Jahre hinweg missbrauchte. Die Parallelen zu den ähnlichen Fällen von Natascha Kampusch und Josef Fritzl sind unübersehbar: Auch hier blieb vor den Nachbarn unbemerkt, dass in ihrer unmittelbaren Nähe Teenager gefangen gehalten wurden - obwohl eine von Ihnen sogar ein Kind zur Welt brachte. Trauma-Experte Dr. Georg Pieper erzählte BRIGITTE.de am Beispiel des Falles Kampusch, wie die Opfer jemals ihr schlimmes Trauma verarbeiten können.

BRIGITTE.de: Frau Kampusch erntet, wie auch andere Opfer von Missbrauch und Gewalt, viel Ablehnung dafür, dass sie so kontrolliert und selbstbewusst mit ihrem Schicksal umgeht. Warum reagieren manche Menschen so negativ auf "starke Opfer"?

Dr. Georg Pieper: Weil sie nicht ins Bild passen. Jeder hat eine genaue Vorstellung von einem Opfer: Es muss leiden, zerbrochen sein. Das ist wichtig, denn dadurch fühle ich mich selbst besser.

BRIGITTE.de: Wieso denn das?

Dr. Georg Pieper: Einem gebrochenen Menschen kann ich mein Mitleid schenken - und fühle mich dann, wenn auch unbewusst, als guter, hilfsbereiter Mensch. Aber eine selbstbewusste Person, die dagegen ankämpft? Mit der vergleicht man sich automatisch - und ahnt vielleicht, dass man selbst nicht so stark wäre. Und fühlt sich nicht als der überlegene Wohltäter, sondern abgewertet.

Dr. Georg Pieper

BRIGITTE.de: Natascha Kampusch ist ein besonders extremer Einzelfall. Aber auch Opfer von weniger spektakulären Verbrechen erzählen, dass sie oft von ihrer Umwelt Ablehung erfahren. Es kann passieren, dass selbst die Polizei ein Opfer nicht ernst nimmt, weil es nicht "gebrochen" genug wirkt. Da wird dann beispielsweise unterstellt, die angezeigte Vergewaltigung hätte ja vielleicht gar nicht stattgefunden. Was kann man da tun?

Dr. Georg Pieper: Dazu muss ich sagen: Die Polizei ist im Umgang mit Opfern sehr viel besser geworden. Gerade in den letzten Jahren hat man sich erheblich weiterentwickelt, die Leute sind psychologisch geschult. Natürlich gibt es immer noch Polizisten, die den Opfern unterstellen, sie hätten die Tat durch ihr Verhalten provoziert oder hätten sich alles nur ausgedacht - aber nicht mehr in dem Rahmen wie vor 20 Jahren. Und wenn es passiert: Suchen Sie hinterher Hilfe bei Opferschutzorganisationen wie dem Weissen Ring. Es gibt in vielen Städten auch Initiativen gegen Frauengewalt, bei denen man eine erste Stütze erfährt.

BRIGITTE.de: Und wenn Freunde und Familie sich komisch verhalten, weil ich alles scheinbar locker wegstecke?

Dr. Georg Pieper: Sprechen Sie das offen an. Nur, weil ich mein Schicksal akzeptiert habe, heißt das nicht, dass es mir automatisch gut geht. "Radikale Akzeptanz" heißt, dass ich alles akzeptiere, was da passiert ist - inklusive meiner Gefühle. Ich habe beispielsweise diese Vergewaltigung erlebt, und ich träume immer noch davon, habe vielleicht auch Ekel und Aggressionen gegenüber Männern. Das ist so, und das muss ich erstmal so hinnehmen. Psychologisch sinnvoll ist es, das seinen Freunden auch zu sagen und nicht so zu tun, als stünde man darüber. Man muss ja nicht völlig am Boden zerstört sein, wenn man zugibt, verletzt zu sein.

'Radikale Akzeptanz' heißt, dass ich alles akzeptiere, was da passiert ist - inklusive meiner Gefühle.

BRIGITTE.de: Also ruhig offen sagen: Hört mal, es geht mir schlecht, auch, wenn ich nicht jedes mal weine, wenn wir uns sehen?

Dr. Georg Pieper: Genau, und da kann man gut an Natascha Kampusch anknüpfen. Natürlich geht es ihr schlecht! Aber das heißt nicht, dass sie sich zurückziehen und über ihr Leid klagen muss - sie tut ja trotz dieser Last viele tolle Dinge: Sie hat etwa in Sri Lanka ein Kinderkrankenhaus eröffnet. Sie zeigt starke Seiten, obwohl sie diese Einschränkungen hat. Das ist die Akzeptanz: Zu beidem zu stehen.

BRIGITTE.de: Für viele Menschen ein Problem.

Dr. Georg Pieper: Für die Öffentlichkeit kann es scheinbar nur eines von beiden sein. Entweder macht es dir gar nichts aus - dann darfst du dich stark zeigen. Oder du bist das wehrlose Opfer. Dabei ist die eigentliche Herausforderung, den Schmerz zu ertragen, aber nicht so darunter zu leiden, dass man nicht mehr vernünftig leben kann.

BRIGITTE.de: Wo genau ist der Unterschied zwischen "Schmerz" und "Leid"?

Dr. Georg Pieper: Jeder Mensch muss mit "Schmerz" umgehen. Schmerz gehört zum Leben, uns allen passieren leider schlimme Dinge. Und dann gibt es auch noch "Leid". Leid entsteht, wenn ich den Schmerz nicht akzeptiere, wenn ich damit hadere. Natascha Kampusch könnte nur daran denken, dass sie acht Jahre ihres Lebens und ihre Kindheit verloren hat. Und daraus würde Leid entstehen. Aber sie zeigt und akzeptiert den Schmerz, das sieht man ihr auch an. Sie leidet sie nicht als passives Opfer, sondern tut etwas dagegen. Das ist eine wichtige Unterscheidung. Leid entsteht aus Schmerz und dessen Nicht-Akzeptanz.

BRIGITTE.de: Kann auch ihr selbstbestimmter Umgang mit der Öffentlichkeit dazu beitragen?

Dr. Georg Pieper: Ich rate Opfern eher nicht, ihr Schicksal öffentlich auszubreiten. Im Einzelfall kann das helfen, aber man macht sich damit sehr angreifbar, wie wir an Natascha Kampusch sehen. Aber ein so außergewöhnlicher Fall wie ihrer kann für andere Menschen auch Vorbild sein.

BRIGITTE.de: Inwiefern?

Dr. Georg Pieper: Natascha ist ein leuchtendes Beispiel für die Überlebenskräfte des Menschen. Jemand, dem vielleicht auch etwas Schlimmes passiert ist, kann sich an ihr orientieren. Er sieht, dass es möglich ist weiterzuleben. Dass es noch viele tolle Dinge zu erleben gibt. Viele Beispiele von normalen Menschen, alles keine Helden, haben durch ein schlimmes Schicksal unglaubliche Kräfte aktiviert. Das kann sich jeder sagen, der selbst Opfer geworden ist: Es ist möglich, diese Kräfte auch in mir zu finden.

BRIGITTE.de: Also: Schicksal akzeptieren, aber sich nicht davon kontrollieren lassen?

Dr. Georg Pieper: Ja, man kann solche Dinge niemals löschen oder ungeschehen machen. Aber man muss so leben können, dass man gefasst damit umgehen kann - auch, wenn man überraschend wieder damit konfrontiert wird. Mit dieser Akzeptanz kann man vielleicht sogar die Narben mit Stolz tragen. An einem alten Baum kann man auch sein Leben sehen: Da hatte er schwere Jahre, hier ist er krumm gewachsen, hier musste er hungern, hier hat ein Sturm die dicken Äste abgerissen - und trotzdem wächst er weiter, er lebt weiter, und er kann immer noch schöne Blätter und Blüten produzieren. Und das macht den Baum noch wertvoller: Dass er trotz Biegungen und Narben einfach weitermacht.

Mehr zur Krisenbewältigung und der "radikalen Akzeptanz" lesen Sie in Georg Piepers Buch "Überleben oder Scheitern: Die Kunst, in Krisen zu bestehen und daran zu wachsen" (19,99€, Albrecht Knaus Verlag). Hier können Sie das Buch direkt bestellen.

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