Neuer "Tatort": Machomacho aus Erfurt

So sehr hatte sich BRIGITTE-Onlineredakteurin Insa Winter auf den neuesten "Tatort"-Zuwachs aus Erfurt gefreut - und wurde so sehr enttäuscht. Statt zeitgemäßer Frauenfiguren gab es Machosprüche und Salamipizza.

Frischen Wind aus Thüringen mit jungen Schauspielern sollte dieser neue "Tatort" ins Krimi-Deutschland bringen. Aus dem frischen Wind ist aber nicht mal ein laues Lüftchen geworden, von Innovation weit und breit keine Spur. Stattdessen führen uns die Kommissare 90 Minuten vor, wie man als echter Mann eine Praktikantin vorführt. Kein schöner Anblick. Aber beginnen wir am Anfang.

Der neue Erfurt-"Tatort" setzt zu Beginn auf Action. Wir verstehen: Das sind zwei ganz harte Kerle - oder sollen es sein. Zu dem Ermittler-Duo stößt die Jurastudentin Johanna Grewel (Alina Levshin), die nach ihrem zweiten Staatsexamen ein Polizei-Praktikum macht. Ihren Arbeitsplatz muss sie auf der Fensterbank beziehen, die Schreibtische bleiben den Kommissaren vorbehalten. Alles andere leider auch. Mit ihrem "Streberwissen" eckt sie natürlich gleich an. Laut Rollenprofil hat sie einen "scharfen Verstand" und "ein ungeheures Wissen", mit dem "sie sich nach und nach den Respekt der anderen Ermittler" erarbeitet. Doch statt Respekt erntet sie den Rest des "Tatorts" einen Machospruch nach dem anderen. Ich frage mich zunehmend verzweifelt: Wann kommt endlich dieses "nach und nach"?

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Immerhin hat sie 'nen geilen Arsch

"Was hältst du von unser Praktikantin?", fragt Schaffert seinen Kollegen. "Hat 'nen geilen Arsch", antwortet Funck knapp. "Das ist alles?", hakt Schaffert nach. "Ja", die knappe Antwort. Dieser Dialog ist symptomatisch für die beiden Kommissare: Hier ermitteln offensichtlich zwei Machos, die keinen Bock auf ihre neue Kollegin haben, aber wenigstens hat sie einen geilen Arsch. Immerhin.

Als Grewel sich schließlich ein Herz fasst und die unerträgliche Situation anspricht, erntet sie nur Unverständnis. "Mir ist aufgefallen, dass ihr ermittelt und mich nicht richtig involviert", sagt sie. Schafferts Antwort: "Was hast du denn erwartet? Das ist am Anfang ganz normal. Ist nicht wie auf der Uni." Wenig Unterstützung gibt es auch von der Chefin. "Sie habe ich nicht gefragt", herrscht sie Grewel in einer Szene an. Hat die Praktikantin etwas gut gemacht, darf sie zur Belohnung Pizza ("Salami!") holen. So zeigt sich eben echte Dankbarkeit.

Den vorläufigen Höhepunkt erreicht die Kommissar-Praktikantin-Posse am Ende des "Tatort", als es zumindest ein bisschen spannend wird. Grewel stört ihre Vorgesetzen während eines Verhörs und wird postwendend rausgeschmissen. Mit "Sorry, unser Küken lernt noch" entschuldigt man sich dann gleich bei dem Verdächtigen für die Unannehmlichkeiten.

Mehr Conny Mey, bitte!

Es ist das jüngste Ermittler-Team in "Tatort"-Deutschland. Aber kann man nur aus dieser Tatsache einen guten "Tatort" machen? Am Ende kommt es eben doch darauf an, wer diese Kommissare sind, was sie verkörpern, für was sie stehen - und ob es eine gute Story ist. Matthias Dell vom "Freitag" hat recht, wenn er schreibt, "das jüngste Ermittlerteam seit Menschengedenken" sei eben noch kein Konzept, sondern nur eine Idee.

Wer hat sich diese Rollenprofile und diesen "Tatort" ausgedacht? Wir brauchen mehr starke Frauen wie Conny Mey, die von Nina Kunzendorf verkörperte Kommissarin aus dem Frankfurt-"Tatort", die leider nicht mehr ermittelt. Die war frech und hat sich von ihren Kollegen nicht die Butter vom Brot nehmen lassen.

Nun muss nicht jede Ermittlerin sein wie Mey, aber ein bisschen mehr Selbstbewusstsein - auch im "Tatort"-Debüt - hätte Johanna Grewel gut getan. Die Szene, in der Kollege Schaffert ihr beim Bettaufbauen hilft, weil sie es selbst nicht schafft, und sie sich schließlich mit einem "Danke, hätte ich allein nicht hingekriegt" bedankt, braucht man nicht. Warum hat sie den Herren nicht mehr Kontra gegeben? Und mussten die Autoren den Kommissaren so viele Machosprüche ins Drehbuch schreiben? Mehr Kontra, weniger Macho - und ich würde auch beim zweiten Fall dieses Ermittler-Trios einschalten wollen.

BRIGITTE-Onlineredakteurin Insa Winter ist seit 2005 "Tatort"-Fan und mal mehr, mal minder begeistert. Neue Ermittler bekommen bei ihr meistens eine zweite Chance - auch wenn das Debüt so daneben ging.

Text: Insa Winter

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