Kulturschock auf Französisch

Die Stadt der Liebe, ein leidenschaftliches Paar, schräge Eltern, eine dicke Katze, französisches Essen, Sex, intelligente Komik, kulturelle Fettnäpfchen, intersexuelle Differenzen... - all das ist "2 Tage Paris": eine Persiflage des Alltags

Marion (Julie Delpy) und Jack (Adam Goldberg) sind Mitte dreißig und seit zwei Jahren ein Paar. Sie leben in New York, er ist Amerikaner, sie Französin. Auf der Rückreise von Venedig verbringen sie zwei Tage bei Marions Eltern in Paris. Schon der Urlaub in Italien war mehr ein Beziehungsdesaster als ein romantischer Ausflug und in Paris findet das Ganze dann seinen Höhepunkt.

"I hate Paris"

Jack spricht kein Wort Französisch und ist den Menschen und der Stadt schonungslos ausgeliefert - wie ein Statist begleitet er Marion in ihr altes Leben und das Verhältnis des Paares wird erneut auf die Probe gestellt. Marions Alt-68er Eltern prüfen Jack auf Herz und Nieren und nehmen kein Blatt vor den Mund: Für ihn ist es unerträglich, wie offen innerhalb der Familie über Beziehungsfragen debattiert wird und wie selbstverständlich das Thema Sex Reden und Handeln bestimmt. Die Begegnungen mit zahlreichen Ex-Lovern seiner Freundin lassen ihn beinahe verzweifeln. Marion, die sich der Problematik durchaus bewusst ist, nutzt ihre Überlegenheit aus und übersetzt mal nur die Hälfte, mal komplett falsch. Je häufiger sie auf kleine Notlügen zurückgreift, um seine Eifersucht zu beschwichtigen, desto mehr wächst Jacks Misstrauen. Die Spannungen, die entstehen, führen zu Missverständnissen und Streitigkeiten, welche der rote Faden des Films sind.

The same old story?

Diese sind natürlich nicht sprachlicher Natur, sondern erzählen die alte Geschichte von Mann und Frau, die an Aktualität eben nicht verliert. Beide lernen Seiten am Anderen kennen, mit denen sie nicht gerechnet haben, beide sind entsetzt über kleine Details aus dem Leben des Partners, die ihnen nicht bekannt waren. Letztlich zweifelt Jack an seiner Menschenkenntnis und Marion an der Beziehung. Neben den Geschlechterdifferenzen, erzählt "2 Tage Paris" von Kulturunterschieden und längst vergessen geglaubten Vorurteilen und da drängt sich die Frage auf: Brauchen wir tatsächlich noch einen solchen Film, der von den ewig erzählten Geschichten lebt? Wenn er so grandios lustig ist wie "2 Tage Paris" lautet die Antwort definitiv "Ja".

Fast schon Woody Allen

Der Film ist ein einziger Redeschwall, der in seinem Wortwitz und seinen charmanten Dialogen garantiert jeden zum Lachen bringt. Der Humor funktioniert hervorragend - ob in pointierten Gesprächen oder mit derben Sprüchen - gerne auch mal zielsicher unter die Gürtellinie! Wie das echte Leben ist der Film mal geschmacklos, mal politisch inkorrekt: es wird ausgeteilt und zwar in alle Richtungen. Es ist das unperfekte am Leben zu zweit und die ungeschminkte Liebe zwischen zwei Menschen mit Ecken und Kanten, die den Film so lebensnah und liebenswert machen!

Julie Delpy: ein Allroundtalent

Julie Delpy (Before Sunrise, Before Sunset, Killing Zoe) beweist mit "2 Tage Paris", dass sie auch mit der künstlerischen Gesamtleitung eines Films keine Probleme hat: Sie spielt nicht nur die Hauptrolle, sondern ist auch für Drehbuch, Regie, Schnitt und Musik verantwortlich! Auch die Schauspieler sind bestens gecastet: Neben Adam Goldberg (A Beautiful Mind, Wie werde ich ihn los - in 10 Tagen?) spielen Julie Delpys leiblichen Eltern, die Schauspieler Marie Pillet und Albert Delpy, die unkonventionellen Filmeltern, Delpys Freundin Alexia Landeau ihre Schwester und Daniel Brühl in einer Nebenrolle einen Globalisierungsgegner, der in Fast Food Restaurants Brandsätze legt. Von dieser bewussten Auswahl profitiert auch das Publikum: Alle haben sichtlich Spaß an ihren Rollen und so ist es keine verklärte Kinowelt, sondern ganz normale Familienprobleme und die jedem bekannten Tücken einer gefestigten Beziehung, womit der Film überzeugt. Wie gesagt: eine Persiflage des Alltags und zwar von der besten Sorte! Herzlichen Glückwunsch und Dankeschön, Frau Delpy!

Bilder 3L Filmverleih
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