Schon gesehen? Tal R: "Owl"

Diese Skulptur steht zur Zeit in der Kunsthalle Tübingen. Zehn Details zum Hinschauen und Weitersagen.

1. Das Wesen dieses großäugigen Etwas ist rätselhaft: Handelt es sich um ein als Eule verkleidetes Osterei? Einen altägyptischen Vorläufer der computeranimierten Monster AG? Lächelt es? Guckt es traurig? Auf den ersten Blick wirkt es nett, harmlos und kindlich - und dann weiß man nicht, was man damit anfangen soll.

2. Die etwa ein Jahr alte Skulptur solle wie ein freundlicher Händedruck sein, sagt Tal R: "Doch streckt man die Hand danach aus, fängt die Arbeit an zu ziehen, und man möchte sagen: 'Bitte gib mir meine Hand zurück.'"

3. Ein multimediales Händeschütteln ist sie also, die Kunst des 42-Jährigen, die nun in Tübingen unter dem Titel "You laugh an ugly laugh" gezeigt wird. Sie besteht aus Collagen, Zeichnungen, Drucken, Vitrinen, Skulpturen, Filmen - und seinem Urmedium, mit dem er eine Weile auf Kriegsfuß stand: der Malerei.

4. Das R im Namen des Künstlers steht für Rosenzweig. "Tal" heißt übersetzt "Tau". Er ist Israeli, kam 1967 während des Sechs-Tage-Kriegs in Tel Aviv zur Welt.

5. Als er sechs Jahre alt war, zog er mit seinen Eltern nach Kopenhagen, wo er Abitur machte, an der Königlich Dänischen Kunstakademie studierte und heute lebt. Außerdem lehrt er nach Hamburg und Helsinki jetzt in Düsseldorf. 6. Als Kind fühlte sich Tal R oft zwischen den Stühlen: Für die Dänen hatte er einen komischen Namen, in Israel war er auch fremd. Diese Zerrissenheit spiegelt sich in den vielen Sollbruchstellen, in den nicht ganz passend zusammengesetzten Schichten von Figuren wie dieser.

7. Vielleicht ist die Sprache für ihn besonders wichtig geworden, weil er sich in seinem Geburtsland kaum verständigen kann. "Es geht um Sprache, Sprache, Sprache", betont er immer wieder. Seine Kunst, so sagt er, kreise um Sätze, die er sich vorstellt, weniger um Farben und Gefühle.

8. Über seiner Kunst kreist ein Wort: Kolbojnik. In israelischen Kibbuzen ist das der Abfalleimer, bei Tal R eine Metapher für sein Werk. Er ist ein großer Recycler, verarbeitet Stoffbahnen aus aller Welt, Zeitschriftenstapel und Folien.

9. Er recycelt aber auch Muster und Formen. Ob Kultmasken aus Afrika, Ornamente aus Asien oder 70er-Jahre-Dekorationen - dass Hochkultur und Kommerz, Sinnvolles und Sinnentleertes bei ihm ineinander fließen, ist für ihn spannend.

10. Mit seinen Stoffen hat er kürzlich eine Ikone des Designs umgestaltet: das Jacobsen-Ei. Den für seine Schlichtheit berühmten runden Sessel des Dänen Arne Jacobsen gibt es nun mit Patchworkhülle - allerdings nur in einer limitierten Auflage von 50 Stück (www.fritzhansen.com).

Text: Tinka Dippel Foto: Jochen Littkemann/Courtesy Contemporary Fine Art, Berlin Ein Artikel aus der BRIGITTE 15/09
Themen in diesem Artikel

Unsere Empfehlungen

Brigitte-Newsletter

Lieblingsartikel direkt in dein Postfach

Melde dich jetzt kostenlos an!