"China ist dieser Spiele nicht würdig"

Lhazom Pünkang, 24, Jura-Stundentin in Zürich, gehört zum "Team Tibet", einem Zusammenschluss von rund zwei Dutzend tibetischen Sportlern aus aller Welt. Mit einer eigenen Mannschaft wollten sie bei den Olympischen Spielen in Peking antreten und bei der Eröffnungsfeier am 8. August die tibetische Flagge hochhalten.

<frage name = BRIGITTE.de>Ein eigenes Team, ein eigenes NOC - Sie wollten ein Zeichen setzen, mitmachen statt boykottieren. Warum haben Sie jetzt Ihre Bewerbung zurückgezogen?</frage> <antwort name = Pünkang>Wir finden, China ist dieser Spiele nicht würdig. Es ist uns Tibetern unerklärlich, warum die Welt Peking unter diesen Umständen diese Chance zur Selbstdarstellung gibt. Für uns sind die Verletzung der Menschenrechte und die Spiele unvereinbar. Also sind wir für Boykott.</antwort>

<frage name = BRIGITTE.de>Nach der Abriegelung Tibets hat Schauspieler Richard Gere als Präsident der "International Campaign for Tibet" sofort den Boykott der Spiele gefordert. Der Dalai Lama ist soweit noch nicht gegangen - ist Olympia nicht auch eine Chance, den kritischen Blick der Weltöffentlichkeit auf China zu richten? </frage> <antwort name = Pünkang>Nein, der Boykott ist richtig, denn er würde China sehr nachdenklich machen. Er würde die Chinesen in Tibet eher zügeln. Es wäre ein Warnsignal von Seiten der ganzen Welt. Das muss einfach Druck ausüben. </antwort>

<frage name = BRIGITTE.de>Hören Sie aus erster Hand etwas aus dem abgeriegelten Tibet? </frage> <antwort name = Pünkang>Nein, wir hören auch nur das Zensierte. Was wirklich passiert, wissen wir nicht. </antwort>

<frage name = BRIGITTE.de>Haben Sie noch Verwandte in Tibet?</frage> <antwort name = Pünkang>Soweit ich weiß, keine nahen Verwandten. Die sind alle geflohen, nach Nepal, Indien, Amerika, in die Schweiz. </antwort>

<frage name = BRIGITTE.de>Sie selbst sind in der Schweiz geboren?</frage> <antwort name = Pünkang>In Zürich. Mein Vater ist mit zwölf allein nach Indien geflohen und ist dort vom Roten Kreuz aufgelesen worden. 1963 kam er mit einer Flüchtlingsgruppe in die Schweiz. Später hat er versucht, seine Familie zu finden, er ist nach Nepal gereist und hat in Kathmandu dann meine Mutter kennen gelernt, auch eine Tibeterin. </antwort>

<frage name = BRIGITTE.de>Wie sehen Ihre Eltern die Unruhen in Tibet?</frage> <antwort name = Pünkang>Es trifft sie noch viel mehr als mich, ich habe nicht mehr einen so intensiven Bezug wie sie - sie haben eine Flucht erlebt, die Familie verloren, viel Schlimmes erlebt. Ich sehe das eher von außen. Die Gräuel, von denen man jetzt hört – das beschäftigt sie doch mehr als uns Junge. Bei den Demonstrationen am Wochenende hat man das gemerkt: Da waren Leute, die erst vor ein paar Jahren aus Tibet gekommen sind, denen war das Leben unter den Chinesen noch ganz nah. Die kennen noch das Gefühl, wie es ist, Tibeter in Tibet zu sein: Mensch dritter Klasse, ohnmächtig. Das ist bei denen hochgekommen, die gerieten außer Kontrolle und haben Steine in Richtung chinesisches Konsulat geworfen. Ehrlich gesagt: Ich verstehe diese Leute schon.</antwort> <frage name = BRIGITTE.de>Geht Ihnen die Forderung des Dalai Lama nach kultureller Autonomie da weit genug? </frage> <antwort name = Pünkang>Es gibt bei uns verschiedene Strömungen, der Dalai Lama verfolgt die des Dialogs. Er will eine politische Autonomie, aber uns reicht das nicht, wir Jungen fordern das freie Tibet, einen souveränen Staat mit eigener Regierung.</antwort>

<frage name = BRIGITTE.de>Das heißt, es gibt eine Unzufriedenheit mit dem Dalai Lama?</frage> <antwort name = Pünkang>Ach nein, das nicht. Die Richtung stimmt ja: Er will die Autonomie - das ist ja tendenziell ein freies Tibet. </antwort>

<frage name = BRIGITTE.de>Haben Sie sich offiziell beim IOC um die Teilnahme beworben? </frage> <antwort name = Pünkang>Ja, fristgerecht im letzten Sommer. Wir sind nach Lausanne zum Sitz des IOC gefahren und haben unsere Bewerbung persönlich überreicht. Aber nie eine Antwort erhalten. </antwort>

<frage name = BRIGITTE.de>Auch keine Absage?</frage> <antwort name = Pünkang>Gar nichts. Im Dezember haben wir vor dem Gebäude demonstriert und eine Aussage gefordert - aber nur aus zweiter Hand erfahren, dass unsere Bewerbung für die schon abgehakt ist. Das IOC will mit Politik nichts zu tun haben, die sehen Tibet als Teil von China. </antwort>

<frage name = BRIGITTE.de>Sie verlangen vom IOC, die Menschenrechte in Peking einfordern?</frage> <antwort name = Pünkang>Ja, das IOC muss das Vorgehen der Chinesen verurteilen, und wir fordern auch, dass der Olympische Fackellauf nicht durch Tibet und auf den Mount Everest führt. Und unser NOC zieht offiziell seine Bewerbung zurück. Olympia und diese Brutalität sind für uns unvereinbar. </antwort>

<frage name = BRIGITTE.de>Nach den IOC-Statuten hätten Sie wohl ohnehin keine Chance gehabt: Danach muss ein Bewerberland von der internationalen Gemeinschaft anerkannt sein...</frage> <antwort name = Pünkang>Andere Teams aus nicht UN-anerkannten Ländern wurden allerdings zugelassen - Taiwan, Hongkong, Palästina. Damit argumentieren wir. Wir verlangen, dass das IOC entscheidet, wer zugelassen wird, und nicht die chinesische Politik. Wir wollten ja gerade ein positives Zeichen setzen, dabei sein. Der olympische Gedanke ist ja Völkerverständigung und Gemeinschaft.</antwort>

<frage name = BRIGITTE.de>Wie sind Sie zum Team Tibet gekommen? </frage> <antwort name = Pünkang>Die Idee kam von den Tibetern in der Schweiz, aus dem tibetischen Jugendverein. Es sprach sich herum, dass junge, sportliche Tibeter gesucht werden, die auch bereit sind, für Olympia zu trainieren. Sie haben mich angesprochen, ich fand die Idee super und war vom ersten Moment dabei. Ich bin Läuferin, 10.000 Meter.</antwort>

<frage name = BRIGITTE.de>Trauen Sie sich denn einen Olympia-Start zu?</frage> <antwort name = Pünkang>Ich habe schon immer viel Sport gemacht, Leichtathletik, Turnen – sicher sind andere schneller, aber hätten wir den Zuschlag bekommen, hätte ich sofort ein hartes Training begonnen. </antwort>

<frage name = BRIGITTE.de>Gab es schon ein Outfit?</frage> <antwort name = Pünkang>Ja, die grünen Trainingsjacken. Die haben wir bei American Apparel machen lassen, weil die die Sachen ethisch korrekt herstellen.</antwort> <frage name = BRIGITTE.de>Hatten Sie schon ausgemacht, wer die tibetische Flagge tragen sollte beim Einzug ins Pekinger Olympia-Stadion?</frage> <antwort name = Pünkang>Soweit waren wir noch nicht. Aber dieser Einzug wäre der schönste Moment für uns Sportler gewesen. Ich liebe den Sport über alles, und ich bin tief enttäuscht, dass unser Volk nicht vertreten sein darf.</antwort>

<frage name = BRIGITTE.de>Werden Sie im Sommer wegschalten, wenn Sie im Fernsehen in eine Olympia-Übertragung zappen? </frage> <antwort name = Pünkang>Nein, da schaue ich schon, dafür bin ich viel zu sportbegeistert. Aber ich denke auch: Es wird mich sehr wütend machen. </antwort>

Interview: Meike Dinklage
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