"Elvis Presley fand ich doof und pflaumig"

In Sachen Musikgeschmack konnte dieser Frau noch nie jemand was vormachen: Seit sie acht ist, steht Gitte Haenning auf der Bühne, singt Schlager, Pop, Rock, Jazz, Chansons und Musical. Hier erzählt sie, wen sie lieber mochte als den King, warum ihre Mutter ihr Bücher von Kierkegaard gekauft und warum sie in der Schule dann doch lieber Henry Miller vorgelesen hat.

Am 29. Juni 1946 werde ich in Aarhus in Dänemark geboren. Meine Schwester Jette ist dreieinhalb Jahre älter als ich. Ich glaube, meine Mutter Erna hätte eine tolle Schauspielerin abgegeben, sie ist so lebendig und fantasievoll. Mein Vater Otto ist Liedermacher, er selber nennt sich Troubadour. Er schreibt und komponiert Lieder und Swing. Seinen Swing fand ich immer ein bisschen peinlich, aber seine Lieder sind ganz toll. Zu Hause singt er ständig, seine eigenen Stücke, aber auch Sachen wie Frank Sinatra, den mag er sehr. Meiner Schwester und mir ist seine Singerei oft zu viel - wie Kinder halt sind.

1950

Unser Zuhause ist ein Künstlerhaushalt, so ein bisschen Bohème. Nicht die Art von Zuhause, wo Eltern oder Großeltern den Kleinen Märchen vorlesen oder Kinderlieder vorsingen. Ein bisschen liest man uns wohl vor, zum Beispiel Hans Christian Andersen. Aber Kinderlieder? Nie! Dafür läuft immerzu Jazz. Die Musik von Louis Armstrong und Ella Fitzgerald ist kindlich genug, dass sie mich anspricht. Schon als ich ganz klein bin, bin ich ein rhythmischer Mensch.

1954

In Deutschland gibt es einen Hit, "Ich heirate Papi", gesungen von der kleinen Conny Froboess und Camillo Felgen. Der Produzent meines Vaters kommt auf die Idee, das auf Dänisch aufzunehmen, und fragt meinen Vater: "Hast du nicht eine Tochter?" Mein Vater sagt: "Ich hab sogar zwei, aber ich weiß nicht, ob die singen können." Weil man meine Schwester mit fast 12 zu alt findet, nimmt mein Vater das Lied mit mir auf. Es heißt auf Dänisch "Giftes med farmand" und wird ein großer Erfolg.

1958

Ich bin ein Kinderstar. Ich bekomme meinen ersten eigenen Plattenvertrag ohne meinen Vater, der mich aber weiterhin betreut. Er ist sehr autoritär, es ist nicht immer lustig. Er will, dass ich mich verbessere, übt ständig mit mir. Ich soll das Singen wie ein Handwerk erlernen und gut darin sein. Die Ehe meiner Eltern ist nicht glücklich. Mein Vater ist zu Hause nicht besonders populär, weil er Affären mit anderen Frauen hat.

1958

In Kopenhagen, wo wir inzwischen wohnen, erlebe ich ein Konzert der Jazz-Künstlerin Lena Horne. Das werde ich nie vergessen. Diese unglaubliche Stimme!

1959

Die Zeit, in der alle Mädchen Elvis Presley lieben. Ich nicht! Ich finde ihn doof und pflaumig, mit Margarine im Haar. Viel lieber mag ich Tommy Steele aus England, der singt auch Rock'n'Roll, scheint mir aber appetitlicher - schon weil er blond ist!

1960

Komischerweise kann ich mich sehr gut an ein Jugendbuch erinnern, das ich gelesen habe: "The Jungle Boy Bamboo". Ein bisschen wie Tarzan, aber viel besser. Natürlich müssen es auch typische Mädchenbücher sein, eine Reihe heißt "Christel", eine "Hanne". Hanne geht nach Marseille, das weiß ich noch, das hat mir gefallen. Aufregend finde ich die Bücher von Françoise Sagan, weil es um Liebe und um Sex geht. Meine Mutter, die sehr viel liest, kauft mir die Werke von Kierkegaard, Ibsen und Strindberg. Sie findet, das müsste ich kennen, damit ich die Tiefe nicht verliere bei meinem oberflächlichen Beruf. Ich habe keines dieser Bücher je gelesen, aber ihre Einstellung hat mir sehr geholfen. Sie ist diejenige, die mir beigebracht hat, bei allem, was ich tue, auf Qualität zu achten. Sie hat mich davor gerettet, zu verflachen. Was ich von ihren Büchern gelesen habe, war Henry Miller. Den habe ich sogar mit in die Schule genommen und meinen Freundinnen laut vorgelesen, und wir haben darüber gelacht. Als meine Mutter davon erfahren hat, hat sie gesagt: Du musst Henry Miller gar nicht lächerlich machen. Das ist ein hervorragender Schriftsteller.

1960

Ich bin erst 14, aber mein Erfolg hat mich mutig gemacht. Eines Tages gehe ich zu meinem Vater und sage: "Ehrlich gesagt finde ich es albern, dass wir immer zusammen auftreten." Ich singe zwar inzwischen nur noch solo, aber er begleitet mich noch auf der Bühne. Ich will gar nicht rebellieren, das ist für mich wirklich eine Geschmacksfrage. Er ist sehr indigniert, zieht sich aber zurück. Ich suche mir jetzt auch einen eigenen Manager.

1963

Der Song "Ich will 'nen Cowboy als Mann" wird mein Durchbruch in Deutschland. Aber dieses Jahr ist auch das Jahr meiner ersten Liebe! Schon länger hatte ich diese Idee, ich müsste mich in einen großen Musiker verlieben. Das kommt unter anderem daher, dass bei meinen Eltern der große Jazzbassist Oskar Pettiford ein und aus ging, der mich sehr beeindruckt und auch meinen Musikgeschmack sehr beeinflusst hat. Ich will einen Musiker! Mit 17 verliebe ich mich konsequenterweise in den berühmten Bassisten Nils Henning Örstid Petersen. Wir sind ein sehr süßes Liebespaar! Ich bewundere ihn so sehr, seine Musik. Seinetwegen schäme ich mich für die Musik, die ich selber mache, die Schlager, die an seine Arbeit nicht heranreichen können. Wir bleiben zweieinhalb Jahre zusammen.

1964

Meine Eltern lassen sich scheiden, mein Vater zieht aus. Zum Abschied sagt er drohend zu meiner Mutter: "Ob du das schaffst, so ganz allein, mit Gitte und ihrer Karriere?" Meine Mutter will sich selbstbewusst zeigen, aber ich falle ihr vor ihm in den Rücken und zische: "Nicht noch einmal!" Niemand soll sich jetzt, da er fort ist, mehr in meine Angelegenheiten einmischen. Mit meiner Musik verdiene ich unseren Lebensunterhalt. Wie schwer das für meine Mutter gewesen sein muss, habe ich erst sehr viel später wirklich verstanden.

1965

In Deutschland bin ich bei der Plattenfirma EMI in Köln unter Vertrag, seit ich 17 bin. Immer, wenn ich in Köln bin, versuche ich, ins Museum Ludwig zu gehen. Ich liebe die Moderne, Kandinsky, Klee, Miró. Übrigens bis heute, ich habe ein Bild von Klee bei mir zu Hause. Die Impressionisten finde ich schrecklichen Kitsch, mit dem unerschütterlichen Selbstbewusstsein eines sehr jungen Menschen. Aber man öffnet sich ja irgendwann, Gott sei Dank! Die Reise beginnt erst. Ich komme an bei Kirchner und Schiele, begeistere mich aber auch für Hieronymus Bosch. Viel später entdecke ich meine Liebe zu Rubens, das hätte ich nie für möglich gehalten! Als Teenager fand ich den schrecklich. Aber er ist dermaßen erotisch!

1969

Die Schlager und den Pop, die ich singe, kann ich einfach nicht mehr hören. Darum will ich meinen Vertrag mit der EMI nicht verlängern. Der Techniker, der meine Aufnahmen macht, weiß, wie sehr ich Jazz liebe. Und plötzlich kommen die EMI-Leute zu mir und fragen mich, ob ich nicht Lust hätte, eine Jazz-Platte mit der Francy Boland Kenny Clarke Big Band zu machen. Sie wollten mich weich stimmen, damit ich den Vertrag verlängere, aber es war sooo wunderschön!

1974

Jo Geistler wird mein Manager und Ehemann. Zwei Jahre später werden wir wieder geschieden.

80er Jahre

Ich habe das Gefühl, ich muss mich weiterbilden, muss andere Dinge kennen lernen, die mit Musik und Entertainment zu tun haben. Ich fange an, mir am Broadway und in London Musicals anzusehen. Aber ich finde höchstens jedes fünfte gut. Weil meine Augen sehr trocken sind, ermüden sie schnell, darum schließe ich sie gern im Musical und höre nur noch zu. Leider schlafe ich dabei oft ein. "A Chorus Line" sehe ich zweimal am Broadway, schlafe beide Male ein, sehe es ein drittes Mal in London. Ich bin wieder sehr müde, als mir plötzlich auffällt, dass ich einen der Hauptdarsteller kenne - ich hatte mal eine heiße Liebesaffäre mit ihm! Das hält mich wach.

1995

Mein Freund, der Musical-Produzent Friedrich Kurz, ist in finanziellen Schwierigkeiten. Sein Musical "Shakespeare and Rock'n'Roll" in Berlin läuft nicht so besonders. Man überlegt, die Hauptrolle lieber mit einer Frau zu besetzen, die etwas älter ist - und berühmter. Ich möchte meinem Freund helfen und übernehme die Rolle, singe im eng anliegenden Raumanzug die Gloria. Tatsächlich verdoppelt sich der Ticketverkauf. Als es Ärger gibt zwischen Produzent und Investor, sagt meine Beraterin: "Jetzt raus!", und ich steige aus. Friedrich Kurz war traurig darüber, hat es aber mit sehr viel Größe hingenommen.

1997

Ich habe einen großen Wunsch: Ich möchte meinem Vater wieder näherkommen. Darum bitte ich ihn, nach all den Jahren noch einmal mit mir aufzutreten. In Berlin geben wir gemeinsam ein Jazz-Konzert: "Jazz im Frack - Songs for my father". Es bleibt nicht bei diesem einen. Mein Vater ist glücklich. Und ich bin unendlich froh und dankbar, dass ich diese Chance bekommen habe, wieder sein Freund zu sein. Im Februar 2004 stirbt er.

1998

Ich nehme das Album "My Favourite Songs" auf, die meisten Titel bedeuten mir wirklich sehr viel. Könnte ich das heute noch mal machen, müsste unbedingt "I got it bad and that ain't good" von Duke Ellington dabei sein und "Song for you" von Leon Russell, "Still crazy after all these years" von Paul Simon, "Short People" von Randy Newman und "She's not a lady, she's my wife" von Lyle Lovett. Lauter Herzensstücke!

2004

Mein 50-jähriges Bühnenjubiläum! Aus diesem Anlass nehme ich zwei Alben auf, das Pop-Album "Johansson" und das Live-Album "Jazz". Diese beiden Platten stehen für meine Karriere: Ohne Jazz kann ich niemals meine musikalischen Bedürfnisse erfüllen, er ist so reichhaltig, er ist meine Liebe. Pop finde ich viel schwieriger. Es ist sehr, sehr hart, wirklich guten Pop zum machen. Eine ständige Herausforderung.

Text: Gitte Haenning
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