"Ich kann Kanzler!" mit Günter Jauch: Sofort abwählen!

Die Vorentscheidung der ZDF-Casting-Show "Ich kann Kanzler!" hat gezeigt, dass es sich gar nicht erst lohnt, das Finale einzuschalten. Warum die Sendung unseren Kritiker Till Raether so richtig politik- und ZDF-verdrossen gemacht hat.

"Ich kann Kanzler!" macht ZDF-verdrossen, weil ...

... man nicht mal erfährt, was es zu gewinnen gibt. Wird Angela Merkel am Sonnabend ihre Entlassungsurkunde entgegennehmen, damit ein wütender Autohausbesitzer oder ein engagierter Schüler ihren Platz im Bundeskanzleramt einnehmen kann, als Kanzler von Günter Jauchs Gnaden? Man weiß es nicht, in dieser bizarren Show wird einem nichts erklärt.

Die gestrige Auftaktsendung bestand daraus, dass gehetzt in 45 Minuten zusammengeschnitten wurde, wie die Jury im alten Bundestag in Bonn jene sechs junge Männer und Frauen auswählte, die heute Abend in einer Live-Show gegeneinander antreten. Aufgesext mit menschelnden Filmchen über ein paar Kandidaten und mit dramatischer Katastrophenfilm-Musik. Zu kurz und zu lieblos, um die Zuschauer für die Kandidaten zu interessieren.

Die Jury (Showmaster Günter Jauch, Ex-Bürgermeister Henning Scherf, Komikerin Anke Engelke) bemühte sich vergeblich um die richtige Mischung aus staatstragend und heiter. Wenn man zwischendurch auf ProSieben umschaltete, wo DJ Bobo, Elton und Verona Pooth zeitgleich "Germany's Next Showstar" suchten, hatte man den Eindruck: Diese drei Knallchargen sind mehr bei der Sache und kennen sich besser aus in ihrem Fachgebiet als das müde ZDF-Trio in seinem. Was am seltsamen Zusammenschnitt liegen mag: Hin und wieder sah man nur die Jury-Beratung, aber nicht den Kandidatenauftritt.

Und offenbar konnte der Sender sich nicht entscheiden, was man eigentlich will mit der Show: Zusätzlich zur Kurzfassung gab es ab 00:35 Uhr die Möglichkeit, drei Stunden lang die vollen Auftritte aller 40 Kandidaten mit allen Jurykommentaren anzuschauen. Gähn. Sicher die schlechteste Sendezeit, die Günter Jauch jemals hatte.

"Ich kann Kanzler!" macht politikverdrossen, weil ...

... engagierte junge Leute genauso langweilig sind wie alte Politiker. Die Kandidaten traten ans Rednerpult, stellten sich kurz vor und durften dann in 45 Sekunden ihre "Idee für Deutschland" präsentieren. Und man würde denken, dass bei den besten 40 aus 2600 die eine oder andere originelle dabei wäre. Fehlanzeige.

Aber: Stark vereinfachtes Steuersystem, nur noch alle fünf Jahre wählen, "'ne starke Familien- und Bildungspolitik", "Vielfalt ist unsere Stärke", "Um die demokratische Kultur Deutschlands zu erhalten, setze ich auf Partizipation" ... das waren so die Einfälle und Gemeinplätze der Kandidatinnen und Kandidaten, und zwar der erfolgreicheren. Also genau die Floskeln, mit denen Berufspolitiker ihre Sonntagsreden polstern.

Wodurch der Eindruck entsteht, dass ZDF habe für sein Kanzler-Casting einfach die üblichen Betriebsnudeln und Politische-Weltkunde-Streber ausgewählt, die durch ihr Funktionärssprech garantiert niemanden für Politik begeistern - außer sich selbst.

Beeindruckend unter den letzten sechs: Die 18-jährige Nuray Karacar aus der Türkei, die ein Integrationsprojekt gegründet hat, und die 31-jährige Antje Krug, alleinerziehende Mutter von vier Kindern und Hartz-IV-Empfängerin. Beide strahlen so viel Tatendrang und Lebensfreude aus, dass völlig klar ist: "Ich kann Kanzler!" hätte es nicht gebraucht, damit sie Deutschland zu einem besseren Ort zu machen.

Und weil das insgesamt so langweilig, unentschlossen und stümperhaft gemacht war, ist für die heutige große Finalshow nicht viel zu erwarten. Aber man kann was für die Demokratie tun - indem man mit der Fernbedienung abstimmt.

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