"Ich wäre gern ein Spießer"

... sagt ausgerechnet Punkrock-Legende Campino, 44. Der Sänger der Toten Hosen erfindet sich gerade neu: als Mackie Messer in Brechts "Dreigroschenoper".

BRIGITTE: Wie konnte der Fußballfan Campino einen Job annehmen, für den er während der WM proben musste?

Campino: Indem er sich in den Vertrag schreiben ließ, dass er, wenn die englische Mannschaft spielt, frei bekommt. Ich bin halber Engländer, und für deren Spiele hatte ich Tickets. Außerdem musste ein Fernseher aufgebaut werden, damit ich die Spiele sehen konnte.

BRIGITTE: Schön, wenn man die Regeln bestimmen kann. Wie liefen denn die Proben?

Campino: Es war spannend. Ich musste mich ausliefern, ich habe mich in die Arme der Theaterleute geworfen, aber es ging, weil ich mich darauf verlassen konnte, dass sie die Besten auf diesem Gebiet sind.

BRIGITTE: Warum haben Sie's probiert?

Campino: Es war jedenfalls nicht mein Bedürfnis, der Welt zu beweisen, dass ich im Theater bestehen kann. Ich sehe mich da auch gar nicht.

BRIGITTE: Nicht?

Campino: Nee. Überhaupt nicht. Aber ich nehme diese Gelegenheit wahr, weil ich über mehrere Monate ganz intensiv mit wahnsinnigen Leuten zusammenarbeiten kann. Allen voran Klaus Maria Brandauer, den ich schon immer bewundert habe. Er ist ein Glücksfall für mich, weil er nicht nur Schauspieler, sondern auch sehr gern und von Herzen Lehrer ist. Das ist schon beeindruckend, wie er sich auch mit mir Mühe gibt. Klaus Maria Brandauer kann viele komplizierte Sachen ganz simpel erklären. Es ist für mich alten Esel toll, noch mal was Neues zu lernen, mir ein paar frische Tricks anzueignen. Daraus ziehe ich meinen Gewinn: die Zeit mit ihm, mit Gottfried John, mit Katrin Sass. Am Tag der Premiere ist meine Bilanz längst gezogen, die Frage nach Erfolg oder Misserfolg schon beantwortet. Was dann kommt, kann mich nicht mehr schocken.

BRIGITTE: Interessant ist doch aber: Unter all diesen arrivierten Theaterleuten sind Sie der eigentliche Star.

Campino: Aber nur für Menschen, die nichts mit Theater am Hut haben. Birgit Minichmayr zum Beispiel ist in der Theaterszene das, was die Arctic Monkeys in der Musik sind - jung, frisch, angesagt. Und Walter Schmidinger ist so was wie der Keith Richards des Theaters. Das Spannende ist, dass die Zuschauer sich die Augen reiben und fragen: Was ist das für eine seltsame Konstellation?

BRIGITTE: Braucht die Dreigroschenoper das?

Campino: Na ja, der Stoff ist ja nicht sehr frei interpretierbar. Die Stiftung Brecht & Weill muss jeden Satz genehmigen, der verändert oder gekürzt wird. Da kann man nichts Revolutionäres machen. Ob das Stück verstaubt ist oder frisch, hängt stark von der Besetzung ab. So kam Brandauer wohl auf die Idee, mich da reinzuholen.

Campino bei den Proben zur "Dreigroschenoper"

BRIGITTE: Brandauer wollte genau Sie haben. Wie kam es dazu?

Campino: Er hat bei mir anrufen lassen: Herr Brandauer wäre in der Stadt und würde mich gern kennen lernen. Er hatte uns bei einem Unplugged-Auftritt im Wiener Burgtheater gesehen. Wir hatten einen guten Abend zusammen, aber ich wusste nicht, was er von mir wollte. Beim nächsten Treffen hat er mir den Mackie Messer angeboten. Die Chance habe ich sofort gesehen, und nach zwei Wochen Bedenkzeit bin ich zu dem Schluss gekommen, dass ich bei der Sache überhaupt nicht verlieren kann.

BRIGITTE: Und was gewinnen Sie?

Campino: Wie viel ist das wert, drei Monate lang mit diesen großartigen Leuten zu haben, die sich für eine Anstrengung bis zur Kotzgrenze bringen? Da liegen Nerven blank. Zu entdecken, wie die damit umgehen, wie ich damit umgehe, das fand ich extrem spannend. Dazu kommt, dass die Rahmenbedingungen stimmen. Die haben gut nachgedacht, über den Spielort, den Admiralspalast in der Friedrichstraße, über jede einzelne Besetzung - das lässt mich glauben, dass sie auch über mich gut nachgedacht haben.

BRIGITTE: Sind Sie freundlich empfangen worden?

Campino: Sehr. Das ist das Coole an der Sache. Keiner der Schauspieler muss irgendwem mehr etwas beweisen. Meine Kollegen helfen mir, die sind zu reif und zu abgeklärt, um mich bloßzustellen. Und sie goutieren, dass ich mir Mühe gebe. Fatal wäre für mich gewesen, wenn man mich als Exoten geholt hätte. Wenn ich immer noch den Campino geben würde. Den Rebellen.

BRIGITTE: Und wie war es, Klaus Maria Brandauer als Regisseur zu haben?

Campino: Einmal habe ich das Buch mit ihm laut vorgelesen, und er hat zum Beispiel an einer Stelle gelacht, weil es ihm gefallen hat. Dann sagte er: "Tu mir einen Gefallen - wenn ich dich für etwas lobe, dann komm am nächsten Tag ja nicht an und mache es genauso wieder. Sei jeden Tag anders. Egal, ob gut oder schlecht, probier alles aus. Und ein paar Tage vor der Premiere legen wir uns fest, wer du bist." Für mich war es spannend zu sehen, wie man als Schauspieler die Texte auf Substanz überprüft, wie man Texte ohne Punkt, Komma und Melodie lesen kann und sich dann plötzlich herausschält, worum es eigentlich geht.

BRIGITTE: Glauben Sie, dass Ihnen das auch für die Toten Hosen hilft?

Campino: In 28 Jahren Musik habe ich nicht einmal einen Text von mir laut gesprochen, sondern ihn immer nur im Zusammenhang mit der Musik gesehen. Ich glaube, da sind schlechte Texte durchgerutscht, weil sie in der Musik untergegangen sind. Dieses Abklopfen auf den knallharten Gehalt des Wortes, das werde ich für später übernehmen.

BRIGITTE:: Gefällt Ihnen eigentlich, dass Mackie Messer moralisch doch ein eher fragwürdiger Typ ist?

Campino:: Dass er ein Schwein ist, finde ich gut. Er biedert sich nicht beim Publikum an. Für mich ist die Rolle nicht schwer zu begreifen. Wenn Menschen einmal an einen bestimmten Punkt geführt werden, können sie wahnsinnig brutal werden. In Kriegssituationen werden sogar Briefmarkensammler zu sadistischen Schweinen. Es ist eine extrem dünne Linie zwischen legal und illegal.

BRIGITTE:: Und das mögen Sie an der Rolle?

Campino:: Ich weiß, dass ich selbst eine sehr kurze Zündschnur habe, wenn da einer ein Streichholz dranhält, gibt es kein Halten mehr. Ist kein schönes Gefühl, das über sich zu wissen. Deshalb suche ich immer den Konsens. Das ist bei Mackie Messer gar nicht so anders - er ist ein moralischer Verbrecher. Seine Vorstellung von Leben ist ja fast spießig, aber bei Bedarf tritt er auch eiskalt in die Fresse.

BRIGITTE:: Sie selbst sind ja eher unspießig: zwei Wohnorte, ein Popstarleben auf Tour...

Campino:: Ich bin in bürgerlichen Verhältnissen aufgewachsen, mit Häuschen, Auto vor der Tür und den Apothekerkindern, mit denen ich auf der Straße gespielt habe. Und mit Rasenmähergeräuschen beim Hausaufgabenmachen. Übrigens ein sehr schönes Geräusch, das hat so was Beruhigendes. Ich habe nichts gegen Spießer, ich wäre selbst gern einer.

BRIGITTE:: Campino - ein Spießer?

Campino:: Ich mag geordnete Verhältnisse. Zu wissen, wo man in den nächsten Jahren arbeitet, wo man lebt, wo seine Familie ist - das verachte ich nicht. Krampfhaftes Nicht-Spießigsein ist das Spießigste, was es überhaupt gibt.

BRIGITTE:: Dann bietet Ihnen diese Inszenierung ja eine gute Gelegenheit, für eine Weile bürgerlich zu leben.

Campino:: Genau. Ich kann hier in Berlin Zeit mit meiner Familie verbringen, ich kann abends nach der Arbeit wie ein normaler Mensch nach Hause kommen und mit meinem kleinen Sohn spielen.

BRIGITTE:: Ist Ihre Freundin glücklich damit, dass Sie jetzt hier sind?

Campino:: Ich hoffe. Ist nicht gerade das Optimum, wenn einer immer durch die Weltgeschichte zieht und der andere das Unternehmen Familie allein führt. Aber ich bin glücklich. Mein Sohn ist zweieinhalb Jahre alt, und so langsam kann man gut mit ihm reden. Ich merke: Das wird ein echter Freund. Ich habe noch nie so unschuldig mit einem Menschen im Bett gelegen und so viel Innigkeit erlebt. Dafür lohnt es auch, sich durch den nickeligen Alltag zu kämpfen.

BRIGITTE:: Und kämpfen können Sie ja.

Campino:: Zu mir hat mal ein Psychologe gesagt: "Sie sind kein Kämpfer. Sie gehen immer nur dahin, wo die Wiese gemäht ist." Das hat mich nachdenklich gemacht, denn für einige Sachen kämpfe ich wirklich.

Die Inszenierung

1928 wurde die "Dreigroschenoper" uraufgeführt, seither haben sich viele an der Umsetzung der Gangsterballade um Mackie Messer und die Spelunken-Jenny versucht. Zum 50. Todestag Bertolt Brechts (14. August) gibt es in Berlin eine besondere Inszenierung an einem besonderen Ort: Der Admiralspalast in der Friedrichstraße in Mitte wird neun Jahre nach seiner Schließung mit der "Dreigroschenoper" wieder eröffnet, der österreichische Schauspieler Klaus Maria Brandauer führt Regie. Seine Besetzung gehört zum Feinsten, was es auf deutschsprachigen Bühnen derzeit zu sehen gibt: Gottfried John, Katrin Sass, Maria Happel, Birgit Minichmayr und Walter Schmidinger spielen, dazu Campino, der als Mackie Messer debütiert. Für die Musik sorgt das Deutsche Filmorchester Babelsberg.

Zu sehen ist das Stück vom 11. August bis zum 24. September, Karten ab 18 Euro unter www.die-dreigroschenoper.de oder Telefon 030/47994799.

Interview: Stephan Bartels Fotos: Georg Meierotto, Georg Soulek BRIGITTE Heft 17/2006
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