"Romantische Liebe ist sexuelle Liebe"

Die Nobelpreisträgerin Toni Morrison über das größte der Gefühle.

BRIGITTE: Wir haben die romantische Vorstellung, dass wir unsere andere Hälfte finden könnten. Vervollständigt Liebe uns erst? Oder müssen wir schon ganz sein, um wirklich lieben zu können?

Toni Morrison: Wahrscheinlich müssen wir uns eher bereits ganz fühlen. Aber unser Blick auf die Liebe ist heute zu eingeschränkt. Ständig dreht es sich um die Liebe zwischen zwei Partnern. Das perfekte Zusammenkommen mit dem anderen, der eine männliche Version von uns ist. Es geht um mehr: Liebe macht uns menschlich.

BRIGITTE: Inwiefern?

Toni Morrison: Tiere vermehren sich, füttern ihre Jungen, halten in der Herde zusammen, wenn sie angegriffen werden. Aber der Instinkt, sich um einen Fremden zu kümmern, ihm zugetan zu sein, ist eine radikale Idee. Als Christus gesagt hat"Liebt einander!", haben die Leute gesagt"Was? Was meinst du?". Das ist eine Entwicklung zu etwas Menschlicherem und Menschenwürdigerem.

BRIGITTE: Spielt deshalb die klassische Liebesbeziehung in Ihrem neuen Roman"Liebe" kaum eine Rolle?

Toni Morrison: Ja, ich wollte die Spannbreite der Emotionen ausloten, die in dem Wort stecken. Es gibt nicht nur die eine Form der Liebe. Wenn man einen bestimmten Grad des Erwachsenseins erreicht, diese Ganzheit, von der Sie gesprochen haben, dann kann man dahinkommen, wo Liebe eine Großzügigkeit des Geistes ist.

BRIGITTE: Im Sinne von selbstlos?

Toni Morrison: So ungefähr. Viele Menschen verstehen Liebe als"Liebe mich","mach mich größer","mach, dass ich mich gut fühle","mach mich glücklich". Diese Idee von Liebe ist maßlos. Und sie ist infantil. Aber wie liebt man, wenn es nicht um einen selbst geht? Das Drastischste, was ich mir in meinem Buch ausmalen konnte, ist die Szene, in der ein Junge bei einer Gruppenvergewaltigung, ohne darüber nachzudenken, das Mädchen freilässt. Er hat nichts davon, alles in dem Szenario spricht dafür mitzumachen - stattdessen lässt er sie frei.

BRIGITTE: Ist das ein Moment der Liebe?

Toni Morrison: Das ist Liebe. Es ist instinktiv. Es ist ein reiner Moment. Nicht im romantischen Sinn, sondern ein Moment dieser uneigennützigen Liebe, die ein Mensch einem anderen entgegenbringen kann. Der Junge hat nichts zu gewinnen, nur zu verlieren. Er ist 14, hatte noch nie eine Frau, alle tun es, die Musik dröhnt, er will dazugehören. Und doch gibt es etwas in ihm, das es ihm ermöglicht, das Mädchen aufzugeben.

BRIGITTE: Wenn der Verstand versagt, bleibt also noch, auf die Liebe zu hoffen.

Toni Morrison: Es gibt Theorien, dass Gewalt etwas Natürliches sei. Ich denke dagegen, unsere frühesten Instinkte gehen eher in Richtung Liebe als Zerstörung.

BRIGITTE: Sie meinen also: Gewalt muss man lernen, Liebe ist angeboren?

Toni Morrison: Ja. Es gibt die Tendenz zu sagen, diese Welt ist schon so lange unglaublich gewaltsam, also sind wir einfach so. Ich gehe vom Gegenteil aus: Wir sind anders, aber wir werden zu Gewalt erzogen. Das hat mich an den Folterbildern von Abu Ghraib so schockiert. Folter ist nichts Ungewöhnliches, aber diese gewöhnliche Freude daran, das war ein Schock.

BRIGITTE: Wenn Liebe angeboren ist, hat sie trotzdem gelernte Seiten?

Toni Morrison: Ich halte Liebe durchaus für lernbar. Es geht um die Einsicht, das Beste aus sich herausholen zu wollen.

BRIGITTE: Hat Liebe nicht auch lauter selbstsüchtige Seiten? Insbesondere, wenn es um Sexualität geht?

Toni Morrison: Es geht nicht nur darum, zu bekommen, sondern auch darum, zu geben. Ein Teil der Erregung liegt nicht in der eigenen Ekstase, sondern darin, Ekstase auszulösen. Wenn das passiert, dann ist man nie wieder mit etwas darunter zufrieden. Wenn diese Kombination aus dem eigenen Genuss und dem Sich-selbst-Geben zum Genuss des anderen wird und umgekehrt, dann ist das wirklich großzügig und selbstlos und offen.

BRIGITTE: Sich im anderen verlieren und gleichzeitig finden?

Toni Morrison: Ja, aber vor allem, dass da mehr ist als"mach, dass ich mich gut fühle". Vielen reicht das. Aber das andere ist viel kraftvoller. Und es ist einzigartig. Es gibt nichts Vergleichbares.

BRIGITTE: Haben wir die Fähigkeit, mehrere Menschen wirklich zu lieben?

Toni Morrison: Natürlich kann man mehr als einen Menschen lieben. Meine Studenten fragen manchmal:"Professorin Morrison, meinen Sie, es gibt in der Welt genau den einen Menschen für uns?" Ich sage dann immer:"Es gibt wahrscheinlich sieben, aber dafür müssen Sie reisen." Die Vorstellung von dem einen Einzigen ist so mittelalterlich. Vielleicht gibt es Menschen, die nur ein einziges Mal richtig lieben. Das heißt aber nicht, dass es nicht andere gibt, die viermal, fünfmal hintereinander lieben können.

BRIGITTE: Aber nicht parallel?

Toni Morrison: Das halte ich für schwierig.

BRIGITTE: Warum?

Ich denke, dann kommt eine Gier ins Spiel. Wenn zwei gehen, warum nicht auch drei, und dann alle zur selben Zeit. Dann ist es nichts Besonderes mehr.</antwort>

BRIGITTE: Heißt das, wahre Liebe muss exklusiv sein?

Toni Morrison: Das will ich nicht sagen. Aber ich vermute, dass die Wahrscheinlichkeit, den Austausch und die Großzügigkeit zu finden, von der ich gesprochen habe, eher begrenzt ist. Wäre ich nun ein Mann mit einem Harem, würde ich sagen:"Natürlich kann ich 30 Frauen lieben." Ich habe da aber einen weiblichen Blickwinkel, und für mich klingt das nach Konsum.

BRIGITTE: Jetzt gehen Sie ins Extrem. Selbst die Liebe zu nur zwei Menschen ist ja in unserer Gesellschaft nicht wirklich akzeptiert.

Toni Morrison: Sie reden von Sex.

BRIGITTE: Nein, von Liebe.

Toni Morrison: Natürlich teilen Sie Ihr Leben mit mehreren Menschen. Sie lieben Ihre Mutter, Ihre Kinder...

BRIGITTE: Nein, ich meine romantische Liebe, inklusive Sex.

Toni Morrison: Sie reden also doch von Sex.

BRIGITTE: Nein, von Liebe.

Toni Morrison: Romantische Liebe ist sexuelle Liebe.

BRIGITTE: Gut. Denken Sie, dass man zwei Menschen zur selben Zeit romantisch lieben kann?

Toni Morrison: Ich vermute, es ist denkbar. Aber ich hätte die Kapazität nicht. Ich traue der Sache auch irgendwie nicht. Ich halte es für eine Ausflucht, sich nicht ganz einem einzigen Menschen zu geben. Ich bestreite nicht, dass es Frauen oder Männer gibt, die gleichzeitig mehrere Menschen lieben. Mir fällt gerade eine Freundin ein, die sich auf dieses Konzept ihres Freundes einlassen wollte. Aber am Ende fehlte ihr die Einzigartigkeit. Sie war eine von drei Einzigartigen.

BRIGITTE: Warum verwechseln so viele Verliebtheit mit Liebe?

Toni Morrison: Weil uns niemand lehrt, zu lieben. Jungs werden lächerlich gemacht. Mädchen wird beigebracht, Liebe zu managen. Denn Liebe macht verletzlich, sie bringt einen in eine riskante Situation, sie kann einen von anderen Ambitionen abhalten. Man muss die Liebe selbst lernen. Und manchmal hat man das Glück, sich etwas bei anderen abgucken zu können.

BRIGITTE: Trotzdem gibt es viele Menschen, die in ihren Dreißigern sind und dennoch keine Beziehung haben, obwohl sie aus intakten Familienverhältnissen stammen. Sollte man nicht annehmen, dass sich so jemand eher zu lieben traut?

Toni Morrison: Vielleicht haben sie auch Angst, dass sie es ihren Eltern nicht gleichtun können. Dass sie sagen: "Meine Eltern sind seit 40 Jahren zusammen, aber meine Chancen darauf sind nicht so toll. Ich werde eine ganze Reihe Fehler machen, die ich nicht machen will." Die Eltern haben so etwas nie gesagt, die haben sich einfach verliebt und sind zusammengeblieben. Es gab nicht diese Bewertung:"Wird das der Mensch sein?" Ihre Kinder dagegen wollen Gewissheit. Es ist ein Fehler, sich zu fragen: "Wird diese Liebe bis an mein Lebensende halten?" Wer das fragt, bewegt sich von Qualität zu Quantität.

BRIGITTE: Was ist Ihre Vorstellung von Romantik?

Toni Morrison: Romantik ist, was passiert, wenn man jemanden trifft, zu dem man sich hingezogen fühlt - und die Welt sieht anders aus. Das Licht ändert sich, das Essen schmeckt anders, alles ändert sich, weil du dich so lebendig fühlst.

BRIGITTE: Wie lässt sich dieses Gefühl erhalten?

Toni Morrison: Sie meinen, was die Liebe dauerhaft macht? Werden Sie zuallererst diesen Gedanken los. Machen Sie die Liebe zu einer Sache des Augenblicks. Und das zweite ist Humor. Warum nehmen alle die Liebe bloß so ernst?

BRIGITTE: Sind Sie gerade verliebt?

Toni Morrison: Nein. Aber Verliebtheit ist so ein wunderbares Gefühl. Es nicht zu haben ist bedauerlich. Es niemals erlebt zu haben ist ein Desaster.

BRIGITTE: Gibt es Momente, in denen man Liebe einfach vergisst?

Toni Morrison: Nie. Vielleicht kann man sich dazu zwingen. Aber ich glaube, man kann die Liebe nicht vergessen. Sie ist einfach zu wichtig.

BRIGITTE: Kein Ersatz denkbar? Freundschaft, Nähe?

Toni Morrison: Das ist etwas anderes. Vielleicht sogar befriedigender und dauerhafter. Freundschaften entwickeln sich nicht wie Liebe. An Freundschaft muss man arbeiten, man muss sie sich verdienen.

BRIGITTE: An Liebe würden Sie nicht arbeiten?

Toni Morrison: Doch. Das ganze Leben lang."Da hast du sie, jetzt lauf damit weg" klappt nicht. So fängt es vielleicht an, aber dann muss man an ihr arbeiten, als würde man etwas aufziehen, ein Buch schreiben, etwas anpflanzen. Liebe ist kostbar. Sie ist nicht endlos, sie ist nicht bedingungslos, sie dauert nicht ewig. Nimm sie einfach und arbeite daran. Dann gibt man etwas von sich und nimmt etwas. Für manche ist das leichter, weil sie als Paar einfach wunderbar zusammenpassen.

BRIGITTE: Wenn man lange genug gereist ist...

Toni Morrison: Genau, und einen der sieben getroffen hat, die für einen gedacht sind.

BRIGITTE: Haben wir ein liebendes Ich, das alle unsere Lieben ähnlich macht, weil es einfach unsere Art zu lieben ist?

Toni Morrison: Das hängt davon ab, wie reich das Gefühlsleben der liebenden Person ist. Ich bin überzeugt, dass dumme Leute dumm lieben. Gemeine Leute gemein. Aber es ist die Macht der Liebe, die das ändern kann. Du kannst schlau werden, und du kannst aufhören, gemein zu sein. Und wenn sich eine Liebe als destruktiv erweist, können wir das ändern und jemand anderen anders lieben.

BRIGITTE: Ist Freundschaft eine notwendige Basis?

Toni Morrison: Freundschaft macht wirklich vieles einfacher. Wenn man mit jemandem gern zusammen ist, dann macht das die Liebe noch stärker. Und außerdem macht es mehr Spaß. Man muss nur zusehen, dass man nicht alles von einem Menschen will.

BRIGITTE: Wollen Sie sagen, mein Geliebter muss nicht mein bester Freund, der tollste Liebhaber, ein guter Koch, Vater meiner Kinder und Kinobegleitung sein?

Toni Morrison: Wer könnte das ertragen? Lieben Sie viele Sachen: einen Menschen, den Job, die Kinder, ein Bild, was auch immer. Verteilen Sie Ihre Liebe ein bisschen.

BRIGITTE: Werde ich mir für Liebe fünf, sechs und sieben merken. Glauben Sie eigentlich, dass Liebe jedes Mal wieder ähnlich intensiv sein kann, oder gibt es eine bestimmende Liebe im Leben, und alle anderen stehen in deren Schatten?

Toni Morrison: Das hängt von jedem einzelnen ab.

BRIGITTE: Hat die Fähigkeit zur Intensität mit Risikobereitschaft zu tun?

Toni Morrison: Sie hat damit zu tun, keine Erwartungen zu haben. Sie haben vielleicht eine perfekte Liebe mit 18, eine mit 25 und eine mit 35. Und wenn Sie mit 55 jemanden treffen, den Sie anbeten, dann wollen Sie nicht dasselbe fühlen wie mit 18. Vielleicht käme Ihnen das Gefühl von damals jetzt oberflächlich vor. Erotik ändert sich. Der Schwung seines Nackens ist vielleicht weniger fesselnd als das Gespräch. Nichts ist so erotisch, als einen anderen Geist zu berühren. Und dann gibt es natürlich den Teil, wo Sie nicht mehr reden wollen, sondern einfach nur ins Bett.

BRIGITTE: Wie viele Lieben erwarten Sie noch?

Toni Morrison: Eine.

Toni Morrison

wurde am 18. Februar 1931 als Chloe Anthony Wofford in dem Industriestädtchen Lorian, Ohio, geboren. Während ihres Studiums an der Howard University in Washington D.C. lernte sie den jamaikanischen Architekten Harold Morrison kennen, mit dem sie zwei Söhne hat. Die Ehe hielt sechs Jahre.

Toni Morrison arbeitete als Universitätsdozentin und Lektorin, 1970 erschien ihr erster Roman

"Sehr blaue Augen"

. Der Durchbruch gelang ihr 1977 mit

"Solomons Lied"

. In diesen und in ihren folgenden Romanen

"Teerbaby"

,

"Menschenkind"

und

"Jazz"

schildert sie die Lebenswelt der schwarzen Amerikanerinnen.

Seit 1989 lehrt Toni Morrison als Professorin für Geisteswissenschaften an der Universität von Princeton. Für ihr Werk wurde sie mit zahlreichen Auszeichnungen geehrt, unter anderem mit dem Nobelpreis für Literatur 1993.

Im September erscheint im Rowohlt Verlag der neueste Roman "Liebe" von Toni Morrison.

Interview: Silvia Feist Foto: Ulf Andersen / Gamma-Studio-X BRIGITTE 18/04
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