Wie gut ist die WM auf der Musical-Bühne?

"Das Wunder von Bern" als Musical - die Geschichte nach dem Kinohit von Sönke Wortmann ist auch als Live-Event ein Erlebnis.

"Das Wunder von Bern" als Musical - die Geschichte nach dem gleichnamigen Kinohit von Sönke Wortmann geht zu Herzen, weil sie mit Liebe und Hingabe über das Leben im Nachkriegsdeutschland erzählt.

Deutschland, 1954. Mattes, elf Jahre alt, hat ein großes Idol: den Fußballer Helmut Rahn. Er ist Projektionsfläche für die Wünsche und Hoffnungen des Heranwachsenden, fast eine Vaterfigur. Mattes' leiblicher Vater war in den Krieg gezogen und in Gefangenschaft geraten. Jetzt, neun Jahre nach Ende des Zweiten Weltkriegs, kehrt er nach Hause zurück. Und fühlt sich nicht willkommen. Für die Fußball-Begeisterung seines Sohnes hat er kein Verständnis. Und der Sohn versteht nicht, was der Krieg aus seinem Vater gemacht hat.

Soweit die Geschichte, bekannt aus Sönke Wortmanns Kinofilm, den mehr als dreieinhalb Millionen Menschen sahen. Daraus hat die niederländische Firma Stage Entertainment um den ehemaligen Endemol-Mitbesitzer Joop van den Ende nun ein "Wunder von Bern"-Musical gemacht – für 15 Millionen Euro Produktionskosten.

Zusätzlich gab das Unternehmen 50 Millionen Euro für das neue Theater aus, in dem das "Wunder" nun seinen Lauf nimmt. Das Gebäude mit seiner blitzenden Edelstahlhülle liegt direkt im Hamburger Hafen, direkt neben dem Haus, in dem seit 13 Jahren der "König der Löwen" läuft. Der Blick aus dem Theater auf die Silhouette der Stadt mit Hafen, Speicherstadt und Elbphilharmonie ist eindrucksvoll und eigentlich unbezahlbar. Die Stadt Hamburg hat es an Stage verpachtet - aus gutem Grund.

Die Deutschen sind verrückt nach Musicals

Musicals sind auch für die Stadt Hamburg ein riesiges Geschäft: Wer sich hier "Rocky" oder den "König der Löwen" anschaut, bleibt im Schnitt fast drei Tage in der Stadt und gibt in dieser Zeit pro Person etwa 250 Euro aus - Ticketkosten nicht eingerechnet. Bei zwei Millionen Musicalgästen pro Jahr bleibt so eine halbe Milliarde Euro in der Hansestadt.

Noch immer sind die Deutschen verrückt nach Musicals. 56 Millionen Menschen besuchten hierzulande in den vergangenen 13 Jahren eine Vorstellung des Marktführers Stage Entertainment, das allein in Deutschland zwölf Häuser betreibt, etwa 1700 Menschen beschäftigt und mit einem Umsatz von zuletzt 303 Millionen Euro eine Rendite erwirtschaftet, die sich im einstelligen Prozentbereich bewegt.

Das "Wunder von Bern"-Musical soll dafür sorgen, dass die Einnahmen auch zukünftig stabil bleiben. Am Sonntag, den 23.11., ist Premiere, danach wird das Stück etwa 400 mal pro Jahr gespielt. Die Karten kosten im Durchschnitt 70 Euro - auf den besten Plätzen auch gerne mal das Doppelte. Die Erwartungen der Zuschauer sind dementsprechend hoch. Werden sie erfüllt?

Ein Stück mit Herzenswärme

Wer die Proben verfolgt hat, weiß: Im nüchtern durchkalkulierten Musicalgeschäft ist dem Team um Gil Mehmert (Buch und Regie) und Martin Lingnau (Musik) etwas sehr Besonderes gelungen: Das Stück besitzt Herzenswärme. Daran haben auch die immer wieder berührenden Songtexte ihren Anteil. Sie wurden von Frank Ramond geschrieben, der bisher vor allem durch seine Arbeit für Ina Müller, Roger Cicero oder Annett Louisan bekannt war.

Wenn im Stück der Vater des jungen Mattes endlich sein Schweigen bricht und der Familie mit einem Song von den Schrecken seiner Gefangenschaft erzählt, dann durchbricht das mühelos die glatte Oberfläche, die man mit dem Sujet Musical oft verbindet. Dann trifft einen das "Wunder" ins Mark. Man muss weder Fußballfan noch an der Mentalität der Menschen im Nachkriegsdeutschland interessiert sein, um in diesem Musical große Augenblicke zu erleben.

Es reicht schon aus, sich über das Bühnenbild von Jens Kilian zu freuen, über jene grandiose Verschmelzung von Bühnenelementen und Projektionen auf einer 17 mal 10 Meter großen Videowand. Wenn die Fußballer dort zum Finale an Seilen aufgehängt das entscheidende 3:2 gegen die Ungarn inszenieren, dann ziehen die Musicalmacher alle Register: Die Zuschauer erleben den WM-Sieg aus der Vogelperspektive - als akrobatisches Highlight zu Live-Musik in Fortissimo. So perfekt choreografiert hat man den unvergessenen Augenblick noch nie erlebt. Aus dem Hintergrund müsste Rahn schießen. Und Rahn schießt. Treffer!

Tobias Schmitz
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