Abschied von Schriftstellerin Christa Wolf

Nach schwerer Krankheit ist die bedeutende Schriftstellerin Christa Wolf am 1. Dezember in Berlin gestorben. Sie wurde 82 Jahre alt.

Bekannt wurde die in Landsberg an der Warthe geborene Christa Wolf mit "Der geteilte Himmel" (1963), einer Erzählung über eine Liebe kurz vor dem Mauerbau. Das Thema der zwei deutschen Staaten spielte auch in späteren Werken von ihr eine Rolle, Christa Wolf wurde zur Chronistin von DDR und deutscher Teilung. Im Wendeherbst 1989 setzte sich die Schriftstellerin für die Weiterexistenz der DDR und gegen eine "Vereinnahmung" durch die Bundesrepublik ein. Aufsehen erregte Wolf, als sie sich 1993 zu ihrer Vergangenheit als "IM (Informelle Mitarbeiterin) Margarete" bekannte und anschließend ihre Stasi-Akte veröffentlichte.

Weitere bekannte Werke von Christa Wolf: "Kassandra" (1983), "Kein Ort. Nirgends" (1979), "Ein Tag im Jahr. 1960–2000" (2003). Ihr letzter Roman "Stadt der Engel oder The Overcoat of Dr. Freud" erschien 2010.

BRIGITTE-Redakteurin Angela Wittmann schrieb 2006 in BRIGITTE WOMAN eine Fanpost an Christa Wolf. Lesen Sie ihren Text zum Abschied von der großen Schriftstellerin.

Liebe Christa Wolf,

jetzt muss ich aber dringend das Wort für Sie ergreifen. Da gibt es gerade das Buch von Volker Weidermann, "Lichtjahre", eine leidenschaftliche wie subjektive Literaturgeschichte, die zur Zeit die Gemüter der Buch-Menschen erregt. Und was lese ich da über eine meiner liebsten Autorinnen? Eine witzige, aber auch ein bisschen böse Beschreibung Ihrer Fan-Gemeinde.

Weidermann schreibt, Ihre vor allem weiblichen Anhänger kämen zu Ihren Lesungen "wie zu einem Gottesdienst". Als Sie 2002 in einer Kirche in Berlin aus Ihrem Buch "Leibhaftig" vorgelesen haben, da habe eine andächtige Stille im Raum geherrscht. "Eine Krankheitsgeschichte, in der eine Erzählerin, die alle Züge Christa Wolfs trägt, zur Zeit der schwersten Krise ihres Heimatlandes, der DDR, selbst in eine schwere Krise gerät, bei Mauerdurchbruch in Berlin einen Blinddarmdurchbruch erleidet und eine Immunschwäche dazu.

Es ist ihr Land, das da untergeht. Es ist ihr Körper, der das durchleidet. Und die Menschen hörten zu und fast wunderte man sich, dass aus den Bankreihen nicht Gehhilfen und dunkle Brillen in die Luft geworfen wurden von Menschen, die freudig riefen: ,Ich kann gehen! Mein Gott, ich kann wieder sehen!`" Also, Weidermann gehört nicht zu Ihren Anhängern, so viel steht fest. Er mag Ihre Bücher nicht und schreibt: "Und am wenigsten mag ich die Humorlosigkeit dieser Bücher." Stellt sich die Frage, warum man eine Schriftstellerin nicht einfach verehren darf. Und was die Humorlosigkeit angeht: ob Weidermann wohl den herrlich selbstironischen Text "Fototermin L. A." aus Ihrem neuesten Buch "Mit anderem Blick" kennt? Ich musste sehr lachen, wie Sie da das Shooting eines Star-Fotografen beschreiben, der nach irgendeinem Society-Girl (in die Mähne eines echten Löwen gekuschelt) nun die berühmteste deutsche Autorin in Szene setzen will. Aber es ist eben nicht alles krachend komisch im Leben.

Die Häme und der Hass in den westdeutschen Medien zum Beispiel, mit denen Sie nach der Wende zu kämpfen hatten, waren es nicht. Zum Glück standen Ihnen Kollegen wie Max Frisch bei: "Kultfiguren kann man nur anbeten oder stürzen", hat er Ihnen gesagt. "Du wirst jetzt gestürzt." Wie sehr Sie der Vorwurf, "Staatsdichterin" gewesen zu sein, gekränkt haben muss! Umso mehr hat mich gefreut, dass Elke Heidenreich gerade "Kein Ort. Nirgends" in die BRIGITTE-Buch-Edition aufgenommen hat. Diese Erzählung führt Heinreich von Kleist und Karoline von Günderrode während eines fiktiven Spaziergangs zusammen. Er nahm sich mit 34 das Leben, sie mit 26.

Vielleicht hätten die beiden nicht verzweifeln müssen, wären sie sich wirklich begegnet. Bei Ihnen dürfen sie über Männer und Frauen reden, über das Glück und die Abhängigkeiten, die es in so weite Ferne rücken. Und darüber, wie bitter es ist, nichts bewegen, nichts zum Guten wenden zu können. "Zu denken, dass wir von Wesen verstanden würden, die noch nicht geboren sind", lassen Sie Kleist sagen. Als Sie dies im Jahr 1977 schrieben, war Wolf Biermann gerade aus der DDR ausgebürgert worden. Und Ihr Glaube an diesen Staat und die konkrete Utopie, die sich im Titel andeutet, war tief erschüttert: das griechische "ou topos", übersetzt ins Deutsche als "Kein Ort" und als "Nirgends".

Was bleibt, ist das gleichnamige Buch, ernst und, wie ich finde, wunderschön, in dem es heißt: "Wenn wir zu hoffen aufhören, kommt, was wir befürchten, bestimmt." Es ist ein Buch über das Leiden jener deutschen Dichter, die ihre Stirn an der gesellschaftlichen Mauer wund gerieben haben. Danke, dass auch Sie die Hoffnung und das Schreiben nicht aufgegeben haben. Danke für Bücher wie "Kein Ort. Nirgends".

Ihre Angela Wittmann

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