Anna Gavalda: Die Glücksfinderin

Die Autorin Anna Gavalda hält ihren großen Erfolg für Zufall und verschenkt ihr Geld an Freunde. Das heißt, sie ist so nett wie die Figuren in ihren Romanen. Und kann man so leben?

Man würde nicht unbedingt darauf kommen, Anna Gavalda mit einer Kellerassel zu vergleichen. Asseln leben unter Steinen, sind schiefergrau und ausgesprochen hässlich. Anna Gavalda, 38, lebt in ihrem Haus in Melun bei Paris, ist attraktiv, hat blonde Haare, an denen sie ständig herumzaust, trägt ausgefranste Jeans und einen eleganten Blazer. Warum also vergleicht sie sich selbst bloß mit einer Kellerassel?

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"Ich meine damit, dass ich sehr zurückgezogen lebe. Ich gebe nur wenige Interviews, verfolge kaum die Kritiken, jede Art von Starkult ist mir fremd. Erfolg ist zufällig, er hätte genauso gut nicht kommen können", sagt sie, als wir in ihrem alten Golf sitzen, in dem überall Hundehaare liegen. Man könnte Anna Gavaldas Erfolgsgeschichte auch als modernes Märchen erzählen: Eine Lehrerin, die noch kein einziges Buch veröffentlicht hat, schreibt Kurzgeschichten, findet nach vielen Absagen schließlich einen kleinen Pariser Verlag und landet 1999 mit "Ich wünsche mir, dass irgendwo jemand auf mich wartet" aus dem Stand einen Bestseller - 28 Jahre ist sie da alt. Auch ihre weiteren Bücher verkaufen sich wie geschnitten Brot. Die Verfilmung von "Zusammen ist man weniger allein", eine Komödie über eine Chaos- WG, wird ein Kino-Renner mit Audrey Tautou in der Hauptrolle. Mittlerweile hat die Autorin allein in Frankreich fünf Millionen Bücher verkauft und eine regelrechte Gavalda-Manie ausgelöst. Ihre Leser lieben sie und schenken ihr selbst gekochte Marmelade. Und darüber hinaus hat diese Frau zwei nette, gut erzogene Kinder, einen 13-jährigen Sohn und eine neunjährige Tochter, für die sie alles tut. So in etwa würde es gehen, dieses Märchen. Die Rahmenhandlung stimmt. Nur dass Anna Gavalda als strahlende Erfolgsautorin eine Fehlbesetzung dafür wäre.

"Ich bin eine ständige Zweiflerin und wahrscheinlich ein Fall für Dr. Freud", sagt die Autorin und lächelt beinahe entschuldigend, "aber ich war niemals stolz darauf, berühmt zu sein. Der Erfolg eines Lebens bemisst sich nicht in Auflagenzahlen, er ist viel schwerer hinzubekommen als der Erfolg eines Buches." Anna Gavalda steht in ihrer Ikea-Küche, streicht Butter auf ein Stück Baguette.

"Was wollen Sie trinken, Tee oder Kaffee? Oder müssen Sie erst mal aufs Klo? Das ist oben im ersten Stock. Fühlen Sie sich wie zu Hause." Sie schiebt mir ein Stück Brot herüber, und ich habe das Gefühl, ich könnte bei ihr ohne Weiteres einen Schlafsack ausrollen und bleiben. Während sie Teewasser aufsetzt, erzählt sie von ihrer Scheidung, die genau zu dem Zeitpunkt war, als ihre Kurzgeschichten Bestseller wurden. "Für mich war die Trennung eine schwere Niederlage und der Bucherfolg völlig sekundär", sagt sie. "Es war eine harte Zeit." Immerhin hatte sie erst einmal ausgesorgt und konnte das Haus in Melun kaufen. "Mein Ex-Mann lebt hier", erklärt sie, "und die Kinder sind häufig bei ihm. Er ist ein liebevoller Vater, aber ich habe nichts mehr mit ihm zu tun." Sie isst noch ein Stück Baguette, stürzt eine Tasse Tee hinunter und sagt: "Nehmen Sie sich aus dem Kühlschrank, was Sie wollen. Ich bin gleich wieder da, ich hole nur die Kinder von der Schule ab."

Ich schaue mich im Wohnzimmer um: rosa Samtsessel, ein bisschen abgeschabt, ein großer staubiger Spiegel, an dem Fotos ihrer Tochter angepinnt sind. Am Bücherregal hängt ein schwarzes Abendkleid, daneben stehen ein Fahrrad und ein Bügelbrett. Durchs Fenster sehe ich in den großen Garten, zwischen zwei Bäumen ist eine alte Hängematte aufgespannt.

Plötzlich klingelt es an der Haustür. Unschlüssig gehe ich in den Flur und drücke die Klinke nach unten. Die Tür geht auf, die Klinke hat sich gelöst, und jetzt habe ich sie in der Hand. Zwei Mädchen stürmen ins Haus, sie sagen, sie seien Freundinnen der Tochter. Verdammt, was mache ich jetzt mit der Klinke? Kurz darauf kommt Anna Gavalda mit ihren Kindern zurück und sagt: "Das passiert oft, macht gar nichts." Und schon hat sie das Teil wieder festgeklemmt. Sie ist vielleicht eine notorische Zweiflerin, aber im Alltag beherrscht sie die hohe Kunst der Lässigkeit. "Bei mir kommen ständig Leute vorbei", sagt die Autorin, "eigentlich mag ich das, aber manchmal wird es mir auch zu viel." Auch an diesem Nachmittag klingelt es immer wieder an der Tür: Freunde der Kinder, ein Bekannter, der mit ihr Kaffee trinken will, jemand, der ihre Hilfe bei Behördenbriefen braucht. Zusammen ist man weniger allein.

Für ihr neues Buch, "Alles Glück kommt nie", hat sie sich gleich mehrere Jahre Zeit gelassen. Hauptfigur ist ein Architekt; "es sollte jemand sein, der viel reist, und ein Geschäftsmann wäre mir zu langweilig gewesen", sagt die Autorin. Charles Balanda, 47, ist eine typische Gavalda-Figur: jemand, der durch das Leben schlingert und immer in Gefahr ist, in der Einsamkeit zu versacken. Eines Tages bekommt er einen seltsamen Brief, der sein Leben völlig verändert, drei Worte nur: "Anouk ist tot."

Anouk, das ist seine erste große Liebe, die Mutter eines Kinderfreundes. Woran ist sie gestorben, wie hat sie ihre letzten Jahre verbracht? Charles reist zurück in die eigene Kindheit, und plötzlich werden die Brüche seines Lebens immer deutlicher. Das kommt mit großer Leichtigkeit (manchmal auch Seichtigkeit) daher, die Dialoge sind, wie immer bei Gavalda, fast filmisch komponiert. Dass die Architekten-Soap gut ausgeht, ist Balsam fürs Herz, allerdings nur begrenzt glaubwürdig. Doch genau das ist wahrscheinlich ein Teil ihres Erfolgsgeheimnisses - wir lassen uns gern ein bisschen beschummeln, um uns an der letztlich positiven Botschaft zu wärmen: Glück ist möglich. Die Harmonie wird jedoch immer wieder durchkreuzt - merci, Madame! -, weil die Autorin uns mit respektlosem Humor jede Menge fiese, entlarvende Details serviert.

Bereits als Kind hatte sie die Fähigkeit, andere Menschen von den Zehen bis in die Haarspitzen zu scannen. "Schon damals habe ich auf einem Ohr nicht so gut gehört. Wahrscheinlich habe ich dadurch meine Beobachtung früh geschärft. Ich sehe jeden Fleck auf der Bluse, jede Laufmasche." Ein Satz, der einen vorübergehend um die Sauberkeit der eigenen Fingernägel bangen lässt. Auch ihre Figuren kommen immer wieder in peinliche Situationen. Gerade Charles wirkt häufig wie ein begossener Pudel. "Er ist mir bei meiner Arbeit sehr ans Herz gewachsen. Nur dass er sich am Schluss des Romans einfach davonmacht, ohne sich zu verabschieden, ist nicht fair. Nach allem, was ich für ihn getan habe!" Gavalda meint es ernst. Wo endet der Roman, wo beginnt die Wirklichkeit? Am liebsten würde sie, so scheint es, ihre Figuren in ihr reales Leben mitnehmen.

Vor allem diese liebenswürdigen Zweifler, die ihr selbst so ähnlich sind. Von ihren Eltern, politisch links und alternativ, sagt Anna Gavalda, habe sie die Liebe zu Büchern vermittelt bekommen. Nach dem Abitur studierte sie in Paris zunächst Literatur, wurde dann Lehrerin, schrieb gelegentlich Liebes- und Trennungsbriefe für Freunde und hier und da eine Kurzgeschichte. Gavalda selbst liest am liebsten Schwergewichte wie Stendhal, Faulkner oder Proust.

Stört es sie eigentlich, dass sie als Unterhaltungsautorin gilt? "Überhaupt nicht", sagt sie. "Ich liebe es zu schreiben, mühe mich dabei aber ziemlich ab. Leichtigkeit zu erzeugen ist das Schwerste überhaupt. Deshalb freue ich mich, wenn ich von vielen Menschen Zuspruch bekomme." Und Unmengen von Briefen, die die Autorin alle handschriftlich beantwortet.

Sehr ökonomisch ist das nicht. Ebenso wenig wie Gavaldas Neigung, einen guten Teil der Bucheinnahmen an Freunde und Bekannte zu verschenken, die finanzielle Probleme haben. Das klingt ein bisschen so, als wäre sie zu einer ihrer großherzigen Romanfiguren geworden. "Wenn ich alt bin, werde ich keine großen Rücklagen haben, dafür Hühner, einen Gemüsegarten und meine Bücher", sagt Anna Gavalda und lehnt sich amüsiert in den Sessel zurück. Ihre Alters-Vision scheint ihr nicht viel auszumachen. Im Gegenteil. Vielleicht geht Glück tatsächlich so. Warum auch nicht? Solange die Hühner fleißig ihre Eier legen. Und Anna Gavalda sie nicht alle verschenkt.

Neu von Anna Gavalda: "Alles Glück kommt nie", übersetzt von Ina Kronenberger, 640 Seiten, 24,90 Euro, Hanser

Buchsalon: Vier Leserinnen haben für BRIGITTE.de exklusiv vorab "Alles Glück kommt nie" gelesen. Lesen Sie, wie Ihnen der Roman gefallen hat.

Foto: Phillip Hohndorf Text: Franziska Wolffheim Ein Artikel aus der BRIGITTE 01/09

Wer hier schreibt:

Franziska Wolffheim
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