Bagels, Botox und Billigflieger: Die Trends der 2000er Jahre

Die 2000er Jahre gehen zu Ende. Welche Trends werden wir vermissen? Und was möchten wir vergessen? Ein Rückblick auf Moden, Marken und Macken der "Nullerjahre".

Bagels

Zeitgeist aus Hefe und LochLange Zeit kannten wir sie nur aus amerikanischen Fernsehserien. Dann kamen die Bagels auch zu uns nach Berlin. Oder nach Hannover. Oder Oldenburg. Leckere Hefekringel mit Belag, als Fingerfood perfekt für den Lunch to go und endlich eine echte Alternative zum Hamburger.

Beim Belag griffen die meisten von uns zu irgendwelchen Frischkäse-Varianten, bestellten aber nicht Frischkäse, sondern cream cheese. Das war zwar dasselbe, aber es schmeckte auf Amerikanisch bestellt irgendwie authentischer. So als wäre man bei Murray’s Bagels in New Yorks Greenwich Village, 13. Straße, Ecke Sixth Avenue. Und so genossen wir auch in der Herrenteichstraße in Osnabrück unseren Mittagssnack in der Gewissheit, zur Gemeinde der globalen Citymenschen zu gehören. Genialer Geschmacksverstärker.

Billigflieger

Höhenflüge zu Tiefstpreisen Der neue Volkssport hieß: Wer fliegt für weniger? Für 29 Euro nach Paris! Für 19 Euro nach Barcelona! Für 16 Euro nach Verona! Plötzlich war alles möglich, zumindest theoretisch. Denn beim eifrigen Online-Buchen merkten wir schnell, dass wir für 16 Euro höchstens am 29. Februar von Bremen nach Bukarest kamen. Aber immerhin! Dort waren wir ja schließlich noch nicht. Und was war schöner als Fliegen zum Taxipreis? Da zahlten wir dann auch gern noch die Klimaschutzabgabe drauf. Denn die Fluggesellschaften, klar, die wollten wir schon austricksen. Aber die Natur, die sollte bitte schön nicht darunter leiden müssen.

Bionade

Ethisches Gewissen in Flaschen Bei der Getränkebestellung konnten wir endlich mithalten mit den Freunden, die Shiraz oder Schöfferhofer Grapefruit orderten. Wer Bionade trank, gehörte definitiv zum Kreis der urbanen Szene. Und außerdem war er auch noch biologisch und ethisch korrekt. Schließlich hatte er eine Brause bestellt, die nicht schnöde gemixt wurde wie Fanta oder Sprite, sondern gebraut - aus rein natürlichen Zutaten. Zugegeben, auch Zucker ist eine rein natürliche Zutat. Je weiter das Jahrzehnt fortschritt, desto mehr eroberte Bionade Getränkekarten und Getränkemärkte. Der Geheimtipp war Mainstream geworden. Schade? Ach was. Schmecken tat die Brause wie eh und je. Nur der ethische Heiligenschein glänzte beim Hochhieven des Kastens im Getränkemarkt vielleicht nicht mehr ganz so stark wie einst bei der Vernissage.

Botox

Gesichtslähmung für 350 Euro Jünger auszusehen hatten wir nicht nötig. Wir doch nicht. Auf gar keinen Fall. Niemals! Obwohl es im Jahrzehnt von 11. September und Finanzkrise zugegebenermaßen genug Anlässe für Sorgenfalten gab: Benzinpreisschock! Mehrwertsteuererhöhung! Paris Hilton! Und eigentlich hatten wir beim Aussehen ja immer schon nachgeholfen. Mit Anti-Faltencremes und Make-up und so.

war doch im Prinzip nichts weiter als das neue Q10. Und so wagten wir's. Und alles ging glatt und sah auch so aus. An das straffe Spiegelbild gewöhnten wir uns allzu schnell. Und die nötigen 350 Euro sahen wir als gute Investition in den Schönheitswettbewerb. Wenn man bedachte, wie teuer ein Facelift beim Chirurgen gewesen wäre... Aber das würden wir ja sowieso nicht machen lassen. Das haben wir nicht nötig. Wir doch nicht. Auf gar keinen Fall. Niemals!

Flip-Flops

Badelatschen mit Schnodder-Charme Wer in den Sommern der Nullerjahre etwas auf sich hielt, hatte mindestens ein Paar Flip-Flops im Schuhschrank. Im Nachhinein betrachtet, weiß man auch nicht mehr so recht, warum. Schließlich verkürzten die Unisex-Treter die Beine optisch auf Hobbitlänge. Und so ganz ohne Fußbett und Halt offen-barten sie schonungslos Knick-, Spreiz- und Senkfüße aller Art. Aber egal. Wer behauptet denn, dass Trends auch ästhetisch sein müssen? Den Gegenbeweis waren zuletzt ja erst die Ugg Boots angetreten.

Als aber irgendwann jeder Aldilettenträger mit den Zehenspreizern herumlief, tauschte man sie ohne große Wehmut wieder gegen Sneakers und Sandalen ein. Nur an lauen Sommerabenden hatten sie noch mal einen Auftritt: im Biergarten. Aber da konnte man ihren Anblick ja auch gnädig unter den Biertischen verstecken.

Intimrasur

Unten-ohne-Look nicht nur für Brasilianerinnen Der Trend zur Intimzonenglatze verbreitete sich über "Sex and the City", Fitnessstudio-Umkleiden und Saunas. Besonders viele Anhänger hatten die nackten Tatsachen in der Generation Praktikum. 40-Pluserinnen waren klar in der Minderheit. Dafür entschieden sich auch mutige Männer der Metrosexu-ellenfraktion für ein Ende der haarigen Angelegenheit.

Handwerklich brauchte man für den Hollywood Cut ein klein wenig Geschick (Do it yourself mit Gillette, Veet & Co.) oder alternativ eine hohe Schmerztoleranzgrenze beim professionellen und megaange-sagten Brazilian Waxing mit Warm-wachs, Holzspachtel und der richtigen Atemtechnik ("Jetzt bitte tief einatmen!"). Frauen, die vorher mal einen Hechelkurs zur Geburtsvorbereitung belegt hatten, waren eindeutig im Vorteil. Aber wer war das in der Generation Praktikum schon?

iPod

Walkman reloaded Das Lieblings-Gadget der Nuller wurde zum Erkennungszeichen unserer Generation - wie einst der Zauberwürfel in den Achtzigern oder die Tamagotchis in den Neunzigern. iPod, das war Nuller-Zeitgeist to go!

Mit dem Kultplayer konnte man definitiv seinen Sinn für Stil unter Beweis stellen - übrigens selbst dann, wenn man Eminem oder Yvonne Catterfeld hörte. Jogger freuten sich, dass sie mit den neuen Leichtgewichten weniger als 100 Gramm mit sich rumtragen mussten - und nicht mehr einen Discman. Für Groupies von U2, Xavier Naidoo oder Harry Potter gab es Sondereditionen. Und mit dem Modell "Product Red" konnten die Käufer nicht nur High-End-Songs hören, sondern gleichzeitig auch noch High-End-Gutes tun. Ein Teil des Kaufpreises floss an die Aidsstiftung. Ultimativ Nuller! Charity war ja mega-in. Und zusätzlich gab der knallrote Player auch optisch tausendmal mehr her als die abgegriffenen Aids-Schleifen.

Metrosexuelle

Heiße Heteros, die einen Tick zu warm waren Der neue Typ Mann war der wahr gewordene Traum aller Frauenzeitschriftenleserinnen: gepflegt, durchtrainiert, kulturell interessiert, verständnisvoll und bei alledem: nicht schwul. Halleluja! Statt seine Samstage auf dem Fußballplatz zu verbringen, ging der Metrosexuelle lieber ins Waxingstudio und ins Museum. Selbst unterhalten konnte man sich mit ihm exzellent - über alles Mögliche von Hyaluronsäure über WeightWatchers-Punkte bis zur neuesten CD von Anna Netrebko.

Einen kleinen Haken gab es allerdings: So einen Mann gab es nicht. Außer David Beckham vielleicht. Aber bei genauerem Hinsehen verbrachte der ja ebenfalls mehr Zeit auf dem Fußballplatz als im Museum. Und das war gut so - wie auch kurzzeitig verblendete Frauenzeitschriftenleserinnen relativ schnell erkannten. Denn im Innersten ihres Herzens standen sie doch eigentlich nur auf echte Kerle, die verdreckt vom Kicken kamen und mehr Interesse an Sex als an Kultur hatten.

Stadtstrände

Copacabana an Spree, Rhein und Isar Den Sommer über traf sich die Szene in den neuen Großstadtoasen. Ob der "BundesPresseStrand" in Berlin, "Monkey's Island" in Düsseldorf oder die "Isarstrandbar" in München - Beach in the City war absolut Trend!

Mit einer Flasche Beck's Green Lemon in der Hand und den neuen Flip-Flops an den Füßen ließ sich doch so manche Happy Hour verbringen. Wer wollte da noch nach Sylt oder Ibiza? Die Citybeaches waren the place to be für alle Nuller, die für einen Strandurlaub nicht gleich 14 Urlaubstage opfern wollten. Hier, an den Sandstränden von Saarbrücken, Stuttgart und Magdeburg, fanden sie immer ein sonniges Plätzchen - ganz ohne Billigflieger. Ein Citybike oder Cabrio reichte völlig aus - oder auch ein Straßenbahnticket. Und selbst Last-Minute ging hier immer was.

Wärmepilze

Der Garant fürs Mittelmeer-Feeling vor unserer Haustür Die Heizstrahler ermöglichten es uns, auch bei Glühwein-Wetter in Biergärten und Straßencafés auszuharren. Und endlich konnten auch die verbliebenen Raucher unter uns ihre Zigarette in Gesellschaft und ohne Gänsehaut genießen. The Heat was On! Plötzlich waren wir unabhängig von Jahreszeiten und Klima. Passte uns das Wetter nicht, dann wurde es eben passend gemacht. (Das hatten wir ja schon mit den Schneekanonen im Mittelgebirge geübt.)

Einen Haken hatte die Sache aber doch. Denn die Energiefresser trugen nicht unerheblich zum Treibhauseffekt bei. Obwohl. Bei genauerem Nachdenken hatte das ja auch etwas Gutes. Denn wenn sich die Klimaerwärmung beschleunigte, würden wir die Wärmespender in Zukunft gar nicht mehr benötigen...

Youtube

Kurzfilmfestival im Web 2.0 Youtube machte jeden, der eine Videocam besaß, zum Regisseur, Kameramann, Schauspieler und Produzenten. Vier Traumjobs in einem und das ganz ohne Casting. Klar, dass da viele Möchtegern-Spielbergs ihre Chance sahen und (durch-)drehten. In gefürchteter C-Movie-Qualität erschienen auf den Plattformen Videoblogs und Nachrichten, Propaganda und Parodien, Trash und Trailer, Sex-Clips und Commercials, Musikvideos und Konzeptkunst, Borat und Paris Hilton, professionelle Filmemacher und peinliche Filmchen à la Pleiten, Pech und Pannen.

Das Konzept war perfekt geschaffen für die Mittagspause: einfach anklicken, abschalten, ablachen. 1a-Entspannung fürs Büro also. Und auf jeden Fall effektiver als diese mobilen Massagen, mit denen uns die Chefs im New-Economy-Zeitalter verwöhnen wollten.

Zoosendungen

Grzimek hinter Gittern Während der Altmeister aller Zoologen noch in die Serengeti reisen musste, um uns die Welt der wilden Tiere nahe zu bringen, begnügten sich seine Nachfolger mit Drehs in Leipzig, Hamburg oder Berlin. Und von dort aus bescherten sie uns die allerniedlichsten Geschichten über Elefant, Tiger & Co. Der Doktor und das liebe Vieh hätten ganz schön Augen gemacht! Und das taten auch wir - zumal die nachmittäglichen Zoo-Soaps die Tiere so wunderschön vermenschlichten, was ja eigentlich in den aufgeklärten Nullern ein absolutes No-Go war.

Gegen Ende des Jahrzehnts verbreitete sich das Gerücht, dass den Öffentlich-Rechtlichen nicht nur die Tierparks, sondern auch die Tiere ausgingen, über die berichtet werden konnte. Ein findiger Dokumentarfilmer aus dem Rüsselsheimer Zoo sollte im Zuge der Finanzkrise 2009 sogar auf die Idee gekommen sein, die Spezies der vom Aussterben bedrohten Opelaner zu filmen. Doch das war vermutlich eine Ente.

Die Texte sind gekürzt entnommen aus:

Judith-Maria Gillies: Unsere Nullerjahre. Das Jahrzehnt der Bagels, Blogs und Billigflieger Eichborn 2009, 224 Seiten, 14,95 Euro.

Text: Judith-Maria Gillies Fotos: 3268zauber/Wikipedia, RaBoe/Wikipedia, BIONADE GmbH, Fotolia (3), iStockphoto (4), PR Photos

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