Alles Banane!

Die gelbe Banane ist sein Markenzeichen: Thomas Baumgärtel sprüht seine Fruchtgraffitis gern dahin, wo sie mit Sicherheit auffallen. Weshalb er das tut, hat er uns im Interview erzählt -

Thomas Baumgärtel: "Banane im Brandenburger Tor", Projekt für Berlin, Collage

Wer sich ab und zu in der Nähe von Galerien bewegt oder öfter ins Museum geht, ist sicher schon an dem Kunstwerk von Thomas Baumgärtel alias "Bananensprayer" vorbeigekommen. Denn in deren Umgebung sprüht Baumgärtel seine Banane am liebsten auf - um Kunst außerhalb von Museen sichtbar zu machen. Auch in der neuen Werbekampagne von Bym.de taucht sie auf! Doch was genau hat es mit der Banane auf sich? Dazu haben wir ihn befragt.

Interview

"Banane am Kreuz", Bananenschale/Holzkreuz. ca. 50 x 27 cm

BYM.de: Herr Baumgärtel, Sie befassen sich seit 1983 mit der Banane als Zeichen, 1986 haben Sie die Frucht erstmals auf eine Wand gesprayt. Warum ausgerechnet die Banane? Warum keine Blume?

Thomas Baumgärtel: Während meines Zivildienstes 1983 nagelte ich in einem katholischen Krankenhaus eine Banane auf ein Holzkreuz, um so die Ordensschwestern zum Lachen zu bringen und zu testen. Die Reaktionen gingen von Gelächter bis Empörung, das fand ich klasse. Auf dieses Erlebnis hin entschloss ich mich, Kunst zu studieren. Die Banane blieb bis heute mein wertvollstes Werkzeug in meinem langen Kampf um die Freiheit der Kunst.

Einige der rund 4000 Kunstorte weltweit, die von Baumgärtel ausgewählt wurden

BYM.de: Was wollen Sie mit der Banane ausdrücken, bzw. wofür steht das Symbol der Frucht?

Thomas Baumgärtel: Als ich 1986 im öffentlichen Raum die erste Banane sprühte, gefiel mir, dass man dort noch immer am besten Wirkung erzeugen kann! Ich versuche bis heute, eine innovative Kunst voranzutreiben, die auf Auseinandersetzung drängt, die die Öffentlichkeit sucht, Kulturen verbindet und Kunst auch außerhalb von Museen und Galerien lebendig macht. Auf der Straße ist die gesprühte Banane dem wahren Leben ausgesetzt - und nicht dem zensierten oder behüteten Ort eines Museums oder einer Galerie. Außerdem wollte ich extreme Reaktionen erzeugen und den Leuten somit einen Spiegel vorhalten - ich benutze die gesprühte Banane, das bisschen gelbe und schwarze Farbe, wie meinen selbst entwickelten psychologischen Test: 'Jeder geht mit der Spraybanane so um, wie er mit der Kunst umgeht!' Die Spraybanane im öffentlichen Raum ist heute eine ständig wachsendes Netzwerk. Eine Frucht als Symbol habe ich bewusst gewählt, da sie in erster Linie am besten das Leben und die Wandlung wider spiegelt.

Baumgärtel vor dem Puschkin-Museum in Moskau 1996; Markierung des Oberlandesgerichts Köln mit der Spraybanane am 12.5.06

BYM.de: In Ihren Anfangszeiten mussten Sie Ihre Sprühaktionen noch heimlich ausführen und sind vor der Polizei geflüchtet. Heute ist es umgekehrt, Sie knüpfen Kontakte und kündigen oft sogar Ihren Besuch im Voraus an. Gehen die Leute heute anders mit diesem Zeichen um als früher?

Thomas Baumgärtel: Ja, die Anzeigen werden sehr selten - letztes Jahr war es nur noch eine. Ich habe aber einen ganzen Schrank voll mit Ordnern voller Anzeigen von früher. Heute bekomme ich eher böse Briefe von Galeristen, die keine Banane bekommen haben. Heute werde ich eher offiziell von Museen eingeladen. Wenn ich selbst - wie vergangenes Jahr - legal an der historischen Fassade des Oberlandesgericht Köln sprühen durfte, dann zeigt mir das, wie sich die Akzeptanz verändert hat. Die Bevölkerung hat allerdings heftig über die Aktino diskutiert. Aber auch früher gab es interessante Reaktionen: als ich 1995 oder 1996 ankündigte, den besten Galerien Moskaus eine Banane zu verleihen, sagten mir Leute im Vorfeld meiner Reise, dass dort viele Galeristen schon die Banane am Eingang ihrer Galerie hätten. Ich war sehr verwundert, da ich vorher noch nie in Russland war. Als ich dann ankam, musste ich wirklich feststellen, dass sich viele Galeristen die Banane selbst an die Fassade gemalt hatten und einige sogar richtig echt mit Schablone gesprüht hatten - nach dem Motto "an jeder guten westlichen Galerie ist eine Banane - dann bei uns auch!".

oben: "Wir lieben die Hohe Kirche", Aktion vor dem Hauptportal des Kölner Doms zum 750jährigen Jubiläum, 1998; unten: Thomas Baumgärtel: "Banane im Brandenburger Tor", Projekt für Berlin, maßstabsgetreues Modell

BYM.de: Sie sprühen die Banane ja nicht nur auf. 1998 haben Sie vor dem Kölner Dom eine überdimensionale Bananenskulptur errichtet. Haben Sie ein besonderes Wunschprojekt mit der Banane, das Sie noch nicht verwirklichen konnten?

Thomas Baumgärtel: Das Markieren der interessantesten Kunstorte weltweit ist nur ein Projekt von vielen. Für ein geplantes Projekt in Berlin "BANANE IM BRANDENBURGER TOR" arbeiten wir schon neun Jahre. Das Brandenburger Tor ist das Gebäude Deutschlands, das am markantesten die letzten 200 Jahre deutscher Geschichte widerspiegelt. In Berlin sollen die beiden Symbole, das Brandenburger Tor für die deutsche Geschichte und die Banane für die Freie Kunst, in einem Werk zusammengefügt werden. Eine aus fünfTeilen gefertigte Skulptur muss so in das Brandenburger Tor gelegt werden, dass der Eindruck entsteht, dass eine durchgehende, große Banane quer im Brandenburger Tor steckt. Je nach Länge der Auf- und Abbauzeit sollte die Aktion zwei bis drei Wochen dauern. Geplant ist die Aktion ab Sommer 2009.

Spraybanane und Paragraphenbananen am Oberlandesgericht Köln

BYM.de: Erzählen Sie uns doch bitte von Ihrem skurrilsten Erlebnis mit der Banane...

Thomas Baumgärtel: Skurril war ein Erlebnis vor Jahren zu einer Ausstellung "Tanz um die Banane" in einem Hamburger Museum, zu der ich auch eingeladen war und Arbeiten dazu gesteuert hatte. Am Tag der Vernissage ging ich damals nach den Eröffnungsreden zum Eingang raus und fing an, die Banane zu sprühen. Irgendein Besucher muss mich als heimlichen Sprayer verpfiffen haben, dennkurz darauf kam der wütende Museumsdirektor rausgestürmt, griff mich körperlich an, weil er dachte, er hätte einen Straftäter auf frischer Tat ertappt. Selbst als er bemerkte, was ich gesprüht hatte, war er noch nicht zu beruhigen. Erst später wurde ihm bewusst, dass ich ein Künstler seiner Ausstellung war, und wer ich war. Er hat sich dann bei mir entschuldigt.

BYM.de: Als Künstler haben Sie mit der Banane und der Auseinanderssetzung mit der Frucht Ihre Nische gefunden. Was würden Sie jungen Künstlern raten, die auf der Suche nach dem eigenen, unverwechselbaren Stil sind?

<antwort name = "Thomas Baumgärtel">Ich würde ihnen raten, nur auf sich selbst zu hören, sich treu zu bleiben und sich gar nicht davon beeinflussen zu lassen, was der Kunstmarkt gerade als Mode verlangt. Mit Geduld kommt es dann zu einer Zusammenarbeit mit großen Galerien und Museen. Lieber etwas länger warten, als sich auf schlechte Galeristen einzulassen! Ausdauer haben und den eigenen Wegv erfolgen - egal, ob das anderen gefällt oder nicht - das war für mich immer ein sicheres Vorankommen.

Weitere Infos

Weitere Infos über den Bananensprayer Thomas Baumgärtel findet ihr unter www.banenensprayer.de!
>> Alle Bilder vom Banensprayer im Großformat findet ihr auf den nächsten Seiten!

"Banane am Kreuz", Bananenschale/Holzkreuz. ca. 50 x 27 cm

Einige der rund 4000 Kunstorte weltweit, die von Baumgärtel ausgewählt wurden

Baumgärtel vor dem Puschkin-Museum in Moskau 1996

Markierung des Oberlandesgerichts Köln mit der Spraybanane am 12.5.06

"Wir lieben die Hohe Kirche", Aktion vor dem Hauptportal des Kölner Doms zum 750jährigen Jubiläum, 1998

Thomas Baumgärtel: "Banane im Brandenburger Tor", Projekt für Berlin, maßstabsgetreues Modell

Thomas Baumgärtel: "Banane im Brandenburger Tor", Projekt für Berlin, Collage

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Interview Franziska Neuner
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