Katja Eichinger: "Eine Ehe funktioniert dann, wenn sich Fetische und Neurosen überschneiden"

Eine intensive Liebe, die mit dem plötzlichen Tod des Filmproduzenten Bernd Eichinger endet. Seine Witwe Katja Eichinger über die spektakulären Jahre mit einem Mann, der maßlos lebte.

Katja Eichinger, geboren 1971 in Kassel. Nach dem Abitur ging sie nach London, studierte am British Film Institute und arbeitete als Filmjournalistin für "Variety" und die "Financial Times"

Das Haus, in dem Katja Eichinger in München-Schwabing lebt, ist über und über mit Efeu bewachsen. Hier hat Bernd Eichinger, der große deutsche Filmproduzent, bereits gewohnt, als er sie 2006 kennen lernte. Damals hieß sie noch Katja Hofmann, lebte als Filmjournalistin in London und hatte keinerlei Intentionen, nach Deutschland zurückzukehren. Dann wurde sie die erste Frau, mit der Eichinger, damals 57 Jahre, zusammenzog und die er, der Workaholic und ewige Junggeselle, heiratete.

Die Wohnung haben sie zusammen eingerichtet: marokkanische Sofas, eine auf die Wand gepinselte Opernkulisse, eine Kamin-Attrappe mit Sims, auf dem weiße Callas und viele Fotos drapiert sind. Im Regal über der Eingangstür stapeln sich die Drehbücher, und überall stehen oder liegen Andenken oder Souvenirs: eine japanische Glückskatze, die ihnen Doris Dörrie zur Hochzeit geschenkt hat, Streichhölzer aus Katjas Lieblingspub, ein Kartenspiel mit Hollywoodstars.

Katja Eichinger, 41, serviert schwarzen Tee und Schokolade. Versinkt, fragil, wie sie ist, in dem großen, weichen Sofa. Ihre wasserstoffblonden Haare fliegen ihr fluffig um den Kopf, sie ist nicht geschminkt. Trotz der Tragödie geht etwas Heiteres, Vergnügtes von ihr aus, sie erzählt plastisch und am liebsten mit Pointe.

Zwei Monate nach dem überraschenden Tod von Bernd Eichinger im Januar 2011 hat Katja Eichinger angefangen, das Leben ihres Mannes aufzuschreiben. Die Zeit im Internat, das Studium in München, Filmprojekte von "Christiane F. - Wir Kinder vom Bahnhof Zoo" über "Der Name der Rose", "Der Untergang" bis zu seinem letzten Projekt, dem Drehbuch zum Fall Natascha Kampusch. All die großen Erfolge, Millionendeals, aber auch die Flops, Versagensängste und Ex- Frauen. Seine Biografie heißt "BE" - seine Initialen, die ihr Eichinger beim ersten Date auch in Form von "Let it B.E." auf einen Zettel geschrieben hat.

Frei, aber fast immer zusammen: Geliebt hat Eichinger viele Frauen, geheiratet nur eine, keine Schauspielerin, sondern eine Journalistin

BRIGITTE: War es schmerzhaft, so schnell nach dem Tod Ihres Mannes seine Biografie zu schreiben?

Katja Eichinger: Er hat es mir aufgetragen, als er noch lebte. Vermutlich weil er all die Jahre die Geschichten anderer erzählt hatte, wollte er nun seine erzählen. Unsere Ehe war ein permanenter Dialog. Zwischendurch sagte er immer wieder mal: "Hör zu, merk dir das!" Das habe ich getan, nicht wissend, dass ich so schnell auf diese gedanklichen Notizen zurückgreifen muss. Mit seinem Tod hatte ich meinen Gesprächspartner verloren. Mit dem Aufschreiben des Buches konnte ich diesen Dialog zumindest gedanklich fortsetzen. In diesem Sinne war es eine weiche Landung für mich.

Sein Tod war das Gegenteil: Ihr Mann ist in Los Angeles während eines Essens mit Freunden im Restaurant "Cecconi's"

an einem Herzinfarkt gestorben. Ich stand unter Schock. Der Alltag holt einen schneller wieder ein, als man will. Wenn jemand stirbt, verändert sich kurz danach vieles so wahnsinnig schnell. Der Schreibtisch, die Ablage im Bad, die Klamotten neben dem Bett. Ich hatte furchtbare Angst vor Veränderung. Also habe ich alles fotografieren lassen, damit es festgehalten ist. Gleichzeitig wusste ich: Die Dinge nehmen jetzt ihren Lauf ohne Bernd, das muss ich akzeptieren.

BRIGITTE: Erzählen Sie doch bitte mal: Wie haben Sie sich kennen gelernt?

Katja Eichinger: Wir haben telefoniert. Damals habe ich als Journalistin für das Branchenblatt "Variety" in London gearbeitet. Nach dem Telefon-Interview bin ich in die Küche gelaufen, und mein Mitbewohner fragte ganz irritiert, was denn mit mir los sei.

BRIGITTE: Aha, warum das?

Katja Eichinger: Ich hatte wohl so ein Leuchten im Gesicht. Ich war angezündet von seiner Stimme. Noch dazu hatten wir eine aufregende Unterhaltung. Ein inhaltliches Gespräch, das Gegenteil von zynisch. Manche verlieben sich auf den ersten Blick. Ich habe mich in Bernd verliebt, als ich ihn zum ersten Mal sprechen hörte.

BRIGITTE: Beim Deutschen Filmpreis 2006 tauchten Sie in einem weißen Kleid als offizielle Begleitung von Bernd Eichinger wieder auf. Über Nacht wurden Sie quasi unzertrennlich, oder?

Katja Eichinger: Wir hatten beide keine Lust auf eine Fernbeziehung. Er hat alles auf eine Karte gesetzt, ich aber auch. In diesem Sinne waren wir uns sicher ähnlich: alles oder nichts.

BRIGITTE: Drei Monate später kam der Heiratsantrag, noch im selben Jahr wurde in Los Angeles geheiratet. Eichinger hatte immer tolle Frauen - Katja Flint, Hannelore Elsner - an seiner Seite. Sie waren die erste Frau, die er geheiratet hat.

Katja Eichinger: Nun ja, warum nicht? Er war auch der erste Mann, auf den ich mich so bedingungslos eingelassen habe. Eine Ehe funktioniert dann, wenn sich Fetische und Neurosen weitgehend überschneiden. Das war bei uns der Fall. Ich liebte die totale Absenz von Normalität. Es war ein großes Glück, dass ich eine Person gefunden hatte, die mich erträgt und umgekehrt. Vermutlich passiert einem so etwas nur ein Mal im Leben.

BRIGITTE: Am Filmset von "Das Parfüm" in Barcelona gab es danach das erste persönliche Treffen, richtig?

Katja Eichinger: Das war aber enttäuschend. Es gab ein Missverständnis, und ich dachte: "Was ist das für ein Blödmann?" Während der Berlinale habe ich ihn trotzdem noch mal angerufen, weil ich auf der Suche nach einer guten Story war. Wir haben es dann mit seinem Vorhaben, den " Baader Meinhof Komplex" zu verfilmen, auf die Titelseite von "Variety" geschafft. Ein Scoop - für beide Seiten. Am Abend haben wir uns dann zufällig auf einer Party gesehen. Bernd kam rein, gefolgt von einem Kamerateam. Nun ja, ich musste mir einen Ruck geben, aber wir hatten ja etwas Gemeinsames zu feiern...

BRIGITTE: Wann war klar, dass sich da was Besonderes anbahnt?

Katja Eichinger: Wir haben uns plötzlich ständig gesehen, und es war offensichtlich, dass wir die professionelle Ebene längst verlassen hatten und uns voneinander angezogen fühlten. Es ging inzwischen darum, den anderen als Menschen kennen zu lernen und ob wir uns gegenseitig das Wasser reichen können.

Ein Klassiker: Filmproduzent mit Blondinen, hier mit Tochter Nina und Frau Katja

BRIGITTE: Wie war das Zusammenleben mit Bernd Eichinger, der ja als Filmbesessener permanent gearbeitet hat?

Katja Eichinger: Es wurde viel in Boxershorts telefoniert. Nein, im Ernst: Arbeit war für ihn Selbstverwirklichung, aber auch Selbstfindung. Es ging jedes Mal ums Ganze. Und nichts durfte ihm dabei im Weg stehen. Man war auf seiner Mission entweder für ihn oder gegen ihn. Er war ein Berserker und gleichzeitig hypersensibel. Auf unseren Alltag hat mich vermutlich mein jahrelanges Kommunenleben perfekt vorbereitet. Man behandelt den anderen so, wie man gern behandelt werden möchte, und übt sich tagtäglich in Toleranz. Und man klopft an, bevor man das Zimmer des anderen betritt.

BRIGITTE: Warum haben Sie, eine unabhängige, emanzipierte Frau, nach der Heirat Ihren Job aufgegeben?

Katja Eichinger: Das Tempo des News-Reporting, dieser nie endende Strom von Informationen hat nicht mit dem Energielevel von Bernd, der streckenweise hochkonzentriert geschrieben hat, zusammengepasst. Journalismus ist für mich wie Heroin. Man will immer mehr, hängt an der Nadel der Anerkennung. Anfangs fiel mir die Abstinenz schwer, dann habe ich das längerfristige Arbeiten schätzen gelernt. Und während meiner Ehe einen Roman und ein Drehbuch geschrieben.

BRIGITTE: Haben Sie zwischendurch mal innegehalten und gedacht, ein Wahnsinn, was mir da gerade passiert?

Katja Eichinger: Wahnsinn war für mich kein fremdes Konzept. Ich hatte mich ja schon lange gegen ein bürgerliches Leben entschieden und nicht das Ziel, eine Familie zu gründen und einem geregelten Job nachzugehen. In London habe ich wie ein Teenager gelebt, ohne Verantwortung und ständig unterwegs. Meine Freunde waren anfangs besorgt, weil alles so schnell ging. Über die Hochzeit haben sie sich dann nur noch amüsiert. Dass nun ausgerechnet ich, die am wenigsten domestizierte Frau, zur Ehefrau wurde.

BRIGITTE: Bernd Eichinger war in Sachen Film ein Visionär, im Alltag allerdings sehr altmodisch. Er hatte kein Handy, keinen Laptop, konnte keinen Geldautomaten bedienen und ging nicht in den Supermarkt. War das nicht unglaublich mühsam?

Katja Eichinger: Mich hat das überhaupt nicht genervt. Das waren Vorteile, keine Nachteile. Die kleinste Fähigkeit, die ich hatte, zum Beispiel das Einschrauben einer Glühbirne, wurde bewundert. In unserem Haus in L. A. war ich immer besonders glücklich. Niemand kannte uns dort, das Telefon klingelte selten wegen der Zeitverschiebung, wir hatten den ganzen Tag für uns, haben tagsüber geschrieben, sind mit Bernds altem Mercedes herumgefahren und sind abends mit Freunden essen gegangen.

BRIGITTE: Wie geht man damit um, wenn der Partner ständig extremen Stress hat?

Katja Eichinger: Man sucht sich Rückzugsmöglichkeiten. Ich habe wieder angefangen, Altgriechisch zu übersetzen. Philosophische Texte, die mir geholfen haben, die Welt zu verstehen, aber auch um abzuschalten. Oder Klavier mit Kopfhörern gespielt, so dass jeder seine Ruhe hatte.

BRIGITTE: War Bernd Eichinger ein Macho?

Katja Eichinger: Komisch, dass er immer so gesehen wurde. Dabei liebte er doch die Frauen. Meine ganze Punk-Attitüde musste ich nicht verstecken, im Gegenteil, es hat ihm Spaß gemacht. Neben ihm konnte ich genauso sein, wie ich bin. Ich wollte nicht zur Yoko Ono der Filmbranche werden und mich produzieren. Deshalb habe ich mich nie allein fotografieren lassen. Eine Beziehung muss immer nach innen stimmen, nicht nach außen. Deswegen war mir tatsächlich egal, was die Leute geredet haben.

BRIGITTE: Sie schreiben ganz locker über Eichingers Liebe zum Rotlichtmilieu, die Nutten, die er mit ins "Chateau Marmont" nahm, und dass er, wenn er keine Partnerin hatte, sich Mätressen hielt.

Katja Eichinger: Ehrlich gesagt konnte ich nachvollziehen, dass er in den Puff gegangen ist. Warum auch nicht? Bei dem Stress und der wenigen Zeit, dann doch lieber klare Ansagen als falsche Versprechungen, oder? Wenn ich ein Mann wäre, würde ich es genauso machen.

BRIGITTE: Gleichzeitig war Eichinger auch bekannt dafür, dass er mit seinen Ex-Freundinnen nach der Trennung gut befreundet blieb. Waren Sie eifersüchtig?

Katja Eichinger: Nein, dafür fühlte ich mich zu sehr geliebt. Ich glaube auch, dass er zu jeder Zeit die richtige Frau in seinem Leben hatte. Jeder Mensch, der ihm nahe ist, hat ihn zu mir geführt. Dafür kann ich seinen Frauen nur dankbar sein.

BRIGITTE: Einer von ihnen haben Sie sogar Ihren neuen Nachnamen zu verdanken, oder?

Katja Eichinger: Ja, Barbara Rudnik. Wir haben uns kurz nach meiner Hochzeit zufällig am Flughafen getroffen und uns ein Taxi geteilt. Sie war vollkommen fassungslos, dass ich zögerte, Bernds Namen anzunehmen, und über einen Doppelnamen nachdachte. Sie hat mir gehörig den Kopf gewaschen, ein neuer Name sei doch ein Zeichen dafür, dass sich etwas in meiner Identität verändert hätte. Als ich aus dem Taxi ausstieg, hieß ich Katja Eichinger.

Eine echte Type: Modisch kompromissloss, radikal im Denken. Katja Eichinger hat sich schon früh gegen ein bürgerliches Leben entschieden

Während der fünfjährigen Ehe ist das Paar rund um die Uhr zusammen und gerade mal zehn Tage getrennt. Die beiden jetten um die Welt, besuchen Drehorte, Filmfestivals und leben häufig aus dem Koffer. Das wichtigste Projekt in dieser Zeit war "Der Baader Meinhof Komplex", das Drehbuch schrieb Eichinger in L.A., und Katja las jeden Abend Korrektur und schrieb parallel das Buch zum Film.

BRIGITTE: Eichinger hat zeit seines Lebens meist sehr intensiv gelebt. Seine Wodka-Exzesse sind legendär. Wenn er richtig gut drauf war, schmiss er Gläser, und dann war da noch das permanente Zittern einer Hand...

Katja Eichinger: Das hat mich nie gestört. Zumal ich kein Interesse daran habe, einen Mann umzuerziehen. Ich habe lediglich zu ihm gesagt: "Bernd, ein Mann in deinem Alter, der Zigarette raucht, der sieht nicht mehr cool aus, sondern nur noch verzweifelt." Wir haben dann gemeinsam mit dem Rauchen aufgehört. Der Pakt besteht für mich immer noch. Seit seinem Tod will ich eigentlich nur noch rauchen. Aber ich reiße mich zusammen. Ausgemacht ist schließlich ausgemacht.

BRIGITTE: Was war das Schwerste nach seinem Tod?

Katja Eichinger: Das Überleben.

BRIGITTE: Mehr nicht?


<antwort name = "Katja Eichinger">Das ist ganz schön viel, wenn man die Liebe seines Lebens verliert. Es ist wie ein Erdbeben. Alles fällt in sich zusammen, der ganze Schutt liegt auf dir drauf. Und du musst dich entscheiden, wieder aufzustehen. Alles nach Bernds Tod war eine Frage des Willens.

BRIGITTE: Hat Bernd tatsächlich die Party verlassen, als sie am besten war?

Katja Eichinger: Die Party war jedenfalls in full swing, wie die Engländer sagen. Eine Woche vor seinem Tod hat er noch gesagt: Ich habe alles, was ich begehre.

Die Biografie "BE" erzählt Eichingers Weg von München nach Hollywood (576 S., 24,99 Euro, Hoffmann und Campe)

BRIGITTE: Kurz nach seiner Beerdigung hat man Sie auf der Berlinale und an Eichingers Lieblingsorten wie dem Restaurant "Borchardt" oder im "Schumann's" gesehen. Sie saßen an "seinen" Plätzen - warum war das wichtig für Sie?

Katja Eichinger: Ich wollte nicht, dass diese Orte Macht über mich erlangen. Ich musste mich ihnen stellen, sie für mich zurückerobern. Ich wollte nicht zum Hamlet werden und fremdbestimmt durchs Leben gehen. Das ist ein Prozess, den jeder auf seine Weise für sich durchmacht.

BRIGITTE: Sie sind mit 39 Jahren Witwe geworden. Was hilft gegen den Schmerz?

Katja Eichinger: Der Gedanke an meine Großmutter. Die ist mit 23 Jahren verwitwet und mit zwei kleinen Kindern und einem verschuldeten Gutshof zurückgeblieben. Wenn sie das gepackt hat, packe ich es auch. Und der Gedanke: Viele Frauen machen das durch, was ich gerade durchmache.

Kurz vor unserem Interview war Katja Eichinger zum zweiten Mal nach Bernd Eichingers Tod in Los Angeles. Sie hat von ihrem Mann ein Filmprojekt geerbt, das sie dort vorantreiben will. Vielleicht wird sie den Film auch produzieren. Nichts muss, alles kann. Das ist genau die große Freiheit, die manchmal auch Angst machen kann. Vor der Reise war sie nervös, dann war der Besuch überraschend befreiend und heilsam. Sie ist bei "Cecconi's" vorbeigefahren und ist an ihrem ehemaligen Haus vorbeispaziert. Sie hat es angeschaut und gedacht: "Ja, das ist ein Haus, in dem ich mal gewohnt habe, aber jetzt lebe ich woanders." Eichingers uralten schwarzen Mercedes hat sie behalten.

Interview: Antje Wewer BRIGITTE 20/2012
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