Das Geheimnis der Charlize Theron

Ihr neuer Film "Auf brennender Erde" (Kinostart: 26. Mai) hat viel mit der wahren Lebensgeschichte von Schauspielerin Charlize Theron, 35, zu tun. Meike Dinklage traf sie kurz nach den Dreharbeiten in Los Angeles.

Erst kommt der Hund. Kurze Beine, zerzaust. Stoisch navigiert er über den Korridor des Four Season-Hotels in Beverly Hills. "Denver", ruft Charlize Theron hinter ihm her, aber Denver marschiert einfach weiter. Und während man denkt, wie rührend, ein Weltstar mit einem alten, tauben Hund, erscheint dahinter ein Paar Lack-Stiefeletten in knallblau. Und weit, weit darüber - Charlize Theron ist schon ohne diese Stilettos 1,80 Meter groß - blickt man in ein perfektes Gesicht, rosa gepuderte Wangen, platinblonde Locken, und in klare hellblaue Augen.

Sie ist hübsch, nicht schön, nicht in den ersten 30 Sekunden. Schön ist sie, wenn sie spielt, dann kriegt ihr Porzellan-Gesicht etwas Gelebtes, Nachdrückliches. Es gibt zwei Momente im folgenden Gespräch, in denen etwas Ähnliches passiert. Zwei Fragen, die sie bewegen. Aber erstmal sagt Charlize Theron: "Wo soll ich sitzen?" und rückt sich den Stuhl zurecht, auf den man deutet, als wäre sie der Gast in dieser Begegnung. Man denkt: Wahrscheinlich ist sie einfach nett. Denver schaut aus dem Fenster.

Die erste Frage, die sie sehr nachdrücklich beantwortet, betrifft den 21. Juni 1991, den Tag, an dem ihre Mutter ihren Vater in ihrer Heimat Johannesburg in Notwehr erschoss. Um ein ähnliches Familiendrama geht es auch in Charlize Therons neuem Film: In "Auf brennender Erde", dem Regie-Debut von "Babel"-Autor Guillermo Arriaga, bringt das Mädchen Sylvia ihre Mutter (Kim Basinger) um, als sie deren Affäre aufdeckt, und leidet viele Jahre unter dieser Schuld.

BRIGITTE: Haben Sie gezögert, die Rolle der schuldverstrickten Tochter anzunehmen, weil sie Fragen nach Ihrer eigenen Familientragödie mit sich bringt?

Charlize Theron: Nein, das Drehbuch hat mir einfach gefallen. Aber es stimmt schon: Ich rede nicht gern über die Geschichte von damals, sie geht niemanden was an. An dem Ganzen bin ja nicht nur ich beteiligt, sondern auch andere Leute, meine Familie. Die haben das Recht, nicht zu wollen, dass man über sie schreibt. Das muss man respektieren.

Charlize Theron selbst erklärte lange, der Vater sei bei einem Autounfall gestorben. 2004, wenige Wochen, nach dem sie für ihre Rolle als mordende Prostituierte in "Monster" den Oscar bekam, grub eine Zeitung den Bericht der südafrikansichen Polizei aus. Charlize Theron hatte keine Wahl, sie musste ihr Familiengeheimnis preisgeben.

BRIGITTE: Warum beantworten Sie überhaupt noch Fragen nach dem Tod Ihres Vaters?

Charlize Theron: Nur, um Missverständnissen vorzubeugen.

BRIGITTE: Welchen?

Charlize Theron: Dass ich ein Opfer bin. Das bin ich nicht. Was damals war, bestimmt nicht mein Leben. nicht meine Arbeit. Mein Leben ist viel komplizierter, als dass es nur aus einem Element bestehen würde.

BRIGITTE: Benutzen Sie die Gefühle von damals beim Spielen?

Charlize Theron: Ja, natürlich. Meine Arbeit ist natürlich meine Therapie und es gibt da draußen ganz sicher nicht einen einzigen Künstler, der nicht aus seinem realen Leben schöpft.

Charlize Theron verließ bald nach dem Tod des Vaters Südafrika, machte eine kurze, viel versprechende Karriere als Tänzerin, die endete, als sie sich das Knie verletzte. Sie modelte in Mailand und Paris, fand die Arbeit aber stupide und zog mit 19 nach Los Angeles, weil die Mutter sagte: Du musst etwas anderes als den Tanz finden - geh doch zum Film.

Charlize Theron mit ihrer Mutter

BRIGITTE: Klingt nach Klischee...

Charlize Theron: Ja, aber es war wirklich so: Ich hatte keine Ahnung, wie man Schauspielerin wird, aber ich mochte Filme, meine Mutter und ich waren jeden Freitag zusammen ins Kino gegangen. Sie sagte: Filme machen sie in Hollywood, warum gehst du nicht und versuchst es einfach?

BRIGITTE: Ihre Mutter ist Ihnen später nach Amerika gefolgt, sie lebt heute um die Ecke. Wie ist Ihre Beziehung?

Charlize Theron: Sehr ehrlich. Es gibt nichts, gar nichts, was ich ihr nicht erzählen würde. Auch Dinge, von denen ich weiß, sie findet sie nicht gut - ich könnte nichts vor ihr verbergen.

BRIGITTE: Es gab in Ihrer Jugend kein Aufbegehren, keine Abgrenzung?

Charlize Theron: Nein, ich hatte nie einen Konflikt mit ihr. Ich weiß, das ist seltsam. Ich werde auf die Nase fallen, wenn ich Töchter habe und dasselbe von ihnen erwarten würde. Aber ich habe nicht rebelliert, ich hatte viele Freiheiten.

BRIGITTE: Sie haben auch zusammen gewohnt.

Charlize Theron: Ja, ich bin mit 15 aus Südafrika fort, danach haben wir uns sechs Jahre kaum gesehen, nur telefoniert und wenig voneinander mitbekommen. Dann kam meine Mutter mich besuchen, erstmal für ein paar Monate, wir haben zusammen im Hotel gewohnt. Dann kaufte ich ein Haus und sie eines in der Nähe.

BRIGITTE: Und die Schüsse auf Ihren Vater spielten keine Rolle?

Charlize Theron: Anfangs war es schon komisch. Es gab einen Teil in meiner Mutter, der mich noch schützen wollte, und einen Teil in mir, der sie schützen wollte. Wir mussten uns ansehen und sagen: Wir sind jetzt unabhängige Frauen, erwachsen, so ist es nun, it's cool.

Charlize Theron in "Auf brennender Erde"

BRIGITTE: "Auf brennender Erde" ist ein verschlungener, bildgewaltiger Film. Sie spielen darin sehr reduziert und präzise. Würde Sie sagen, dss Sie heute anders spielen als vor zehn Jahren?

Charlize Theron: Natürlich. Das ist eine Altersfrage. Als junge Schauspielerin willst du eine Szene groß spielen, Gefühle, Schmerzen, alles ist da und soll raus. Jetzt, in meinem Alter, bin ich beim Wesentlichen, beim Kern.

BRIGITTE: Was ist Ihnen wichtiger: Das Drehbuch eines Films oder der Regisseur?

Charlize Theron: Es muss beides stimmen. Es ist unmöglich, ein Buch, nicht aber den Regisseur zu mögen. Ich jedenfalls könnte es nicht. Und anders herum: Wenn ich das Buch nicht zu 100 Prozent mag, kann ich mit dem Regisseur die Rolle nicht entwickeln. Ich mag an dem Buch dieses Rohe, Gespannte - das können nur wenige Autoren.

BRIGITTE: Wie spüren Sie, dass eine Rolle stimmt?

Charlize Theron: Vibration. Das ist der Moment, in dem mich die Rolle überrascht. Wenn man gleich am Anfang auf eine Geschichte reagiert, staunt, mehr wissen will, wenn man merkt, dass da größere Fragen angesprochen werden - dann ist die Rolle richtig.

BRIGITTE: Gibt es etwas, was Sie aus dieser Rolle mitnehmen?

(Charlize Theron dreht ihren rechten Unterarm nach oben, man sieht einen roten, eingebrannten Punkt)

Charlize Theron: Wenn ich etwas von diesem Film zurückbehalte, dann diese Narbe. Wir drehten eine Szene, in der Sylvia auf das Baby-Foto ihrer Tochter schaut. Sie nimmt eine Zigarette aus dem Aschenbecher und drückt sie auf dem Arm aus, um diesen intensiven Schmerz zu spüren. Ich hatte eine Schutzfolie auf meiner Haut, aber es brannte sich durch. Der Regisseur sagte hinterher zu mir: Du hast eventuell ein bisschen zu viel gefühlt an dieser Stelle.

Denver ist inzwischen eingeschlafen, "sieh dir diesen Engel an", sagt sie, "ich mag die totale Loyalität eines Hundes, ihre nachsichtige, versöhnliche Natur und ihre Liebe."

Aber die Natur des Hundes ist doch, vor allem an ihren Nutzen zu denken, und für uns sieht es dann aus wie Liebe?

"Niemals", sagt sie, das zweite Mal in diesem Gespräch wird sie sehr explizit. "Ich bin zu hundert Prozent sicher, dass sie Liebe empfinden können, darauf verwette ich mein Leben. Schau dir mal den Hund eines Obdachlosen an, welchen Nutzen hat er? Dieser Hund bleibt bei dem Menschen, weil der Mensch ihn liebt. Sie wissen genau, wer sie liebt und wer sie verletzt."

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