Das Glück im Alltäglichen

Alltag, dieses Wort verbinden viele mit Langeweile. Ohne Alltag kein Glück, entgegnet der Philosoph Wilhelm Schmid. Und sagt, warum wir auch Langeweile schätzen lernen sollten.

Brigitte.de: Herr Schmid, beim Wort Alltag denken viele Menschen zuerst an Langeweile. Warum hat der Alltag so einen schlechten Ruf?

Wilhelm Schmid: Der Alltag ist dominiert von Gewohnheiten. In unserer modernen Zeit muss immer alles neu sein. Gewohnheiten sind etwas Altes: immer dasselbe, immer wieder von vorn. Dabei sind Gewohnheiten doch etwas Positives!

Brigitte.de: Wie kommen Sie denn darauf?

Wilhelm Schmid: Stellen Sie sich mal vor, Sie müssten jeden Morgen von Neuem überlegen: Wie komme ich aus dem Bett? Gehe ich erst ins Bad oder erst frühstücken? Gehe ich überhaupt ins Bad? Was soll ich frühstücken? Da würde man ja gar nicht mehr fertig morgens!

Lebenskunst ist sein Fachgebiet: der Philosoph Wilhelm Schmid

Brigitte.de: Also eingespielte Routine statt ständigen Entscheidungsdrucks?

Wilhelm Schmid: Genau das gibt uns die Möglichkeit, Atem zu schöpfen. Es ist doch schön, dass nicht ständig alles unter Strom stehen muss, dass man mal nicht brillieren muss. Ich liebe den Alltag - aber ich gebe zu, auch ich habe das lernen müssen.

Brigitte.de: Wie kann man das lernen?

Wilhelm Schmid: Gestalten Sie den Alltag so, dass er Sie erfreut, richten Sie sich schöne Gewohnheiten ein. Ich habe immer davon geträumt, jeden Morgen eine oder zwei Stunden im Café zu sitzen. Das habe ich jetzt wahr gemacht. Und tatsächlich, wenn ich dort sitze, kommen mir viele neue Ideen in den Sinn.

Brigitte.de: Gilt das, was Sie sagen, auch für den Alltag zu zweit?

Wilhelm Schmid: Im Alltag scheitern fast alle Lieben: Wer räumt das weg, wer bügelt, wer bringt die Kinder ins Bett - tausend alltägliche Fragen, von denen nicht eine einzige eliminiert werden kann. Daher ist es sinnvoll, sich gemeinsame Gewohnheiten einzurichten. Aber um Gottes willen nicht alle! Es muss Raum bleiben für den Rückzug. Wenn ein Paar ständig aufeinander klebt, ist das erfahrungsgemäß kontraproduktiv.

Brigitte.de: Manchmal kann aber der Alltag trotz aller Bemühungen langweilig werden.

Wilhelm Schmid: Auch Langeweile schätze ich außerordentlich. Wenn mein elfjähriger Sohn zu mir kommt und sagt: "Papa, mir ist langweilig!", dann sage ich zu ihm: "Freu dich!" Er ist dann beleidigt - dabei meine ich das ernst.

Brigitte.de: Wieso sollte man sich über Langeweile freuen?

Wilhelm Schmid: Ich spreche gern vom Glück der Fülle: Zur Fülle gehören auch die unangenehmen Seiten. Wir brauchen die unangenehmen Seiten des Lebens, um die guten schätzen zu wissen. Wenn man unentwegt tolle, aufregende Dinge erlebt, nutzt sich auch das ab. Nach einem tollen Abend oder einer tollen Nacht braucht man erst mal eine Auszeit, um sich zu erholen.

Brigitte.de: Bei all ihrer Liebe zum Alltag: Von Zeit zu Zeit mal ausbrechen muss auch mal erlaubt sein, oder?

Wilhelm Schmid: Selbstverständlich. Als moderne Menschen brauchen wir einfach den Kick zwischendurch. Sorgen Sie regelmäßig für solche kleinen Fluchten. Wenn Sie es sonst nicht schaffen, tragen Sie sich notfalls einen Termin im Kalender ein.


Wilhelm Schmid lehrt Philosophie an der Universität Erfurt und Autor zahlreicher Bücher zum Thema Lebenskunst. Sein aktuelles Buch "Glück. Alles, was Sie darüber wissen müssen, und warum es nicht das Wichtigste im Leben ist" ist im Insel-Verlag erschienen und kostet 7 Euro.

Interview: Angelika Unger Foto: dreamstime.com

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