"Schoßgebete": Die neue Provokation der Charlotte Roche

Nach "Feuchtgebiete" jetzt "Schoßgebete": Der neue Roman von Charlotte Roche ist noch ehrlicher als sein Vorgänger. Offen und ehrlich hat auch die Autorin mit BRIGITTE gesprochen - über Sex, Tod und den tragischen Unfall ihrer Familie.

Charlotte Roches neues Buch "Schoßgebete" (Piper, 288 Seiten, 16,99 Euro) wird ab 10. August in einer Startauflage von 500.000 Exemplaren in den Buchhandlungen liegen. 2008 hatte Roche mit "Feuchtgebiete" einen Skandalroman geschrieben, der sich zwei Millionen mal verkaufte. In ihrem neuen Roman, der offen autobiographisch ist, erzählt sie von einer 30-jährigen Frau, die gerne eine tolle Mutter, Liebhaberin, Ehefrau und Umweltschützerin wäre und permanent gegen ihre Ängste, Depressionen und die Erinnerungen an den grausamen Unfalltod ihrer drei Brüder kämpft - mit Hilfe ihrer Therapeutin und vor allem mit Sex.

Vor dem Erscheinen von "Schoßgebete" gab Charlotte Roche nur zwei Interviews. Was sie BRIGITTE-Autorin Beatrix Gerstberger erzählte, können Sie hier in Auszügen lesen. Das komplette Porträt ist in BRIGITTE Heft 18 erschienen.

Charlotte Roche über Sex:

Sie ist stolz darauf, sagt sie, dass sie nicht mehr in allem, was Spaß macht und eine Ehe lebendig hält, eine feministische Sünde sieht. Sich endlich erlaubt, die Geilheit auf zwei Beinen zu sein.

Über ihre "Feuchtgebiete"-Erfahrungen mit den Medien:

Männliche Journalisten fragten sie nach Analverkehr und Selbstbefriedigung mit Duschkopf, und sie konnte ja schlecht sagen, das beantworte ich nicht, nachdem sie die Klappe im Buch so aufgerissen hatte. Und dann musste sie mit Menschen, die sie nicht mochte, über diese Dinge reden und ging nach Hause und dachte, puh, ich kotze gleich.

Über ihren Mann und ihr neues Buch:

Ihr Mann hatte ihr mal gesagt: "Charlotte, wenn du gerne über bestimmte Dinge schreiben möchtest, verbiete es dir nicht, weil du einen Mann hast." Aber als er das fertige Buch las, sagt sie, ist er erst einmal hinten rüber gefallen. Er brauchte tagelang um sich wieder einzukriegen, auch wegen der Vorstellung, was seine Familie über ihn, über die Frau, die er liebt, denken wird.

Über den Unfall ihrer drei Brüder, die 2001 auf dem Weg zu ihrer Hochzeit im Auto verbrannten, und über Sex als kurzfristige Erlösung:

"Wenn man so etwas erlebt hat, kann man vielleicht keinen ruhigen Landschaftsroman schreiben”, sagt Charlotte Roche. Den Unfall aufzuschreiben, sei das Einfachste im ganzen Buch gewesen. Er ist ja ohnehin immer da in ihrem Kopf. Jeden Tag. Immer gleich. (...) „Ich habe immer noch Probleme zu verstehen, dass dies alles wirklich passiert ist. Ich weine nie und warte auf die Trauer, die nicht kommt. Ich weigere mich loszulassen. Wenn ich anfange zu trauern hilft es mir vielleicht, aber ich verliere sie gleichzeitig endgültig, das macht mich wahnsinnig." (...) Manchmal tut es gut, nur aus seinem Körper zu bestehen und sich selbst zu vergessen. "Denn Sex", sagt Charlotte Roche, "das ist der kurze Moment von Frieden." Mit Sex sei sie selbstsicher und frei. Sex ist der Trick zu sagen, guck mal, ich lebe noch. Trotzdem.

Über ihre Süchte und Treue:

"Früher", sagt sie, "da jagte bei mir eine Sucht die nächste, eine Liebe die nächste." Jetzt will sie bleiben. Obwohl sie regelmäßig denkt, ich muss weg, meinen Mann verlassen, ich muss umziehen.

Über den Tod:

Sie will auf keinen Fall jemand sein, der stirbt und Leid verursacht. Sie fährt langsam Auto, macht jede Vorsorgeuntersuchung. Brustkrebs, Darmkrebs, Hautkrebs. Sie steht nachts auf und schaut, ob der Herd aus ist. Und wenn sie dann doch sterben sollte, dann will sie nicht beerdigt werden. Sie will kein Grab, an dem die Leute stehen und ihr Scheiße erzählen. Sie hat das so in ihrem Testament verfügt. Sie will, dass ihr Mann ihre Asche in die schwarze Hausmülltonne wirft.

Fotos: Cinetext, Imago
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