Til Schweiger: Porträt eines Polarisierers

Einfach mal die Klappe halten - das ist nichts für Til Schweiger. Und genau deswegen hasst oder liebt man ihn. Porträt eines extrem erfolgreichen Mannes, der jetzt auch den "Tatort" erobern will.

Selbst auf einem Filmset sind manchmal die Dinge interessanter, die man nicht sieht. Zum Beispiel während der Mittagspause am Set von "Kokowääh 2". Da sieht man Kreuzberg in der prallen Sommersonne, den backsteinigen Industriecharme des Umspannwerkes am Landwehrkanal, ein kleines Dorf aus Wohnwagen und Techniklastern. Man sieht die Food-Stylistin, die liebevoll die Cocktailtomaten betrachtet, die sie für die nächste Szene geschnitzt hat, und man sieht Beleuchter, die träge ihr Mittagshühnchen kauen. Man sieht nicht: Til Schweiger. "Der Til schneidet eben noch was zu Ende", sagt sein Assistent und deutet auf den letzten Anhänger in der Wagenreihe. Da drin sitzt der Chef im Dunkeln vor seinem mobilen Schnittplatz und montiert schon an Drehtag vier, was er an Drehtag eins bis drei gefilmt hat. Für Schweiger ist die Mittagspause vor allem eins: geschenkte Zeit, in der er noch ein bisschen was wegarbeiten kann. Denn Schweiger ist ein Besessener.

Tilman Valentin Schweiger, 48, ist ja überhaupt so einiges: Sexsymbol, Hassobjekt, Zuschauermagnet, öffentliches Eigentum. Es ist schwer, ihm zu entgehen, mindestens zweimal im Jahr ist er in einem Kinofilm zu sehen, dazwischen ist er ein beliebter Gast in den Boulevardmedien, weil er seine Weltsicht schön ungefiltert herausposaunt. Bald wird der Mann noch "Tatort" Kommissar in Hamburg, auch nicht gerade der heimlichste Job im deutschen Fernsehen. Es wird heftig spekuliert, ob das eigentlich sein muss, und vor allem: wie lange er es wohl sein wird. Ulrike Folkerts prophezeite ihm jüngst Mega-Einschaltquoten, nur kein Durchhaltevermögen. Aber kann einer so weit kommen wie Schweiger, wenn er was auf die Meinung anderer Leute geben würde? Eben. Nach dem Abi (Note 1,7) hat er zwei Semester Medizin studiert, bis eine Freundin die Idee mit der Schauspielschule aufbrachte - dabei war er im Gymnasium nicht mal in der Theater-AG gewesen. Aber Schweiger war schon immer eine Rampensau. Einer, der Lust hat, als Macher und Entscheider in der ersten Reihe zu stehen und seine sehr klaren Vorstellungen umzusetzen.

Til Schweiger in Männer-Mode

Wenn man verstehen will, wie Schweiger tickt, muss man ihm einfach bei dem zuschauen, was er neben seinen vier Kindern am allerliebsten hat: das Filmemachen. Gerade wurde die erste Szene nach der Mittagspause abgedreht, ein schneller Schlagabtausch in einem Restaurant. Schweiger hat das Dialoggewitter, in dem siebenmal das Wort "Scheiße" vorkommt, in einem Rutsch durchkurbeln lassen. Jetzt hockt er angespannt vor dem Kontrollmonitor, auf dem er sich das Gedrehte noch mal vorspielen lässt. Weil sogar Schweigers Körpersprache direkt zum Punkt kommt, merkt man schon, dass er unzufrieden ist, bevor er den Mund aufgemacht hat. Dann wird er noch zappeliger als sonst und vergisst sogar, an seiner Zigarette zu ziehen. Stattdessen dient ihm die Fluppe als Zeigewerkzeug, mit dem er den Kameraleuten den Anlass für seinen Unmut vorführt: "Wisst ihr, ich soll spielen und gleichzeitig sagen, die sollen sich hier nicht so rüberlehnen!" Der Ausbruch ist nicht wirklich unfreundlich, eher geradeheraus, wie Schweiger selbst auch. In dem Moment, in dem er das Gefühl hat, verstanden worden zu sein, ist das Thema für ihn auch schon wieder abgehakt. Schließlich versucht er, "der Papa am Set zu sein und ein Umfeld aus Vertrauen, Geborgenheit und Liebe zu schaffen", sagt er später im Interview.

Til Schweiger in "Schutzengel" mit Katharina Schuch

Man ahnt aber: Wer seinem Tempo auf Dauer nicht standhält, wird aussortiert - auch nicht unfreundlich, aber bestimmt. Bei seinen eigenen Filmen ist Schweiger mittlerweile Regisseur, Hauptdarsteller, Produzent und Drehbuchautor in einem. Er hat ein großes Programm in und vor sich, das lässt sich nur bewältigen, wenn er Menschen um sich herum hat, die wissen, was sie tun. Und die vor allem wissen, was er will. Er kann es sich leisten, von allen das Beste zu verlangen. Denn das, was Til Schweiger will, ist am Ende immer extrem erfolgreich. Er hat in all den Jahren unbeirrt an sich und seiner Umgebung gearbeitet und ist heute einer der erfolgreichsten Regisseure Deutschlands. Das mag bei Kulturpessimisten Schreikrämpfe hervorrufen, zumal außer ihm nur zwei andere so viele Zuschauer ins Kino ziehen: Otto Waalkes und Michael Bully Herbig. Ist aber eine Tatsache. Die meisten deutschen Filme sind von vornherein als Verlustgeschäft kalkuliert. Ein deutscher Film, der seine Herstellungskosten einspielt, ist eine Überraschung. Ein deutscher Film, der Gewinn macht, ist ein Wunder.

Schweigers großer Hang zum Happy End ruft im Feuilleton allerdings jedes Mal verlässlich Hohn und Hass hervor. Gerade in seinen Komödien sieht Deutschland aus wie in einer französischen Käsewerbung. Was sicher auch daran liegt, dass immer mindestens eins seiner vier wohlgeratenen Kinder aus der Ehe mit Ex Frau Dana mitspielt. hen. Selbst "Schutzengel", ein knallharter Actionfilm über einen AfghanistanKriegsheimkehrer, der ein Mädchen vor einem Mordtrupp beschützen muss, schafft es zwischen Kugelhagel und Leichen irgendwie, etwas Positives auszustrahlen und am Ende einen ganzen Hoffnungsscheinwerfer anzumachen. "Es ist natürlich auch Geschmackssache", sagt Schweiger. "Doof finde ich nur, dass amerikanisches Popcorn-Kino eine viel höhere Anerkennung kriegt, als wenn ein Deutscher das macht. Eigentlich müssten doch alle sagen: Geil, dass wir das hier auch haben!" Das wurmt ihn. Als sein Film "Keinohrhasen" trotz Riesenerfolgs beim Publikum nicht für den Deutschen Filmpreis berücksichtigt wurde, trat er kurzerhand aus der Deutschen Filmakademie aus.

Kann man ihm vorwerfen, dass seine Storys oft schlicht gestrickt sind? Könnte man, aber nur, wenn dahinter die Absicht spürbar wäre, das Publikum bewusst zu manipulieren, um den Gewinn zu steigern. Til Schweiger aber, das glaubt man sofort, ist solches Kalkül völlig fremd. Dafür wirkt sein ganzes schnoddriges Auftreten zu authentisch. Auch die Begeisterung, mit der er über seine Filme spricht, zeigt: Der Mann hat noch nie die Notwendigkeit gesehen, sich zu verstellen. Wenn er zum Beispiel davon erzählt, wie ihm beim "Kokowääh"-Drehbuch nach einer Schreibblockade eines Nachts der Durchbruch gelang, wird seine Stimme ganz weich. Gleich darauf erzählt er, dass sein erster von ihm selbst geschriebener Film "Knocking on Heaven's Door" das deutsche Kino in den 90ern quasi im Alleingang gerettet hat.

Familienmensch Schweiger, umgeben von seinen Lieben auf dem roten Teppich: Ex-Frau Dana (2. von links), die vier Kinder und seine aktuelle Freundin Svenja Holtmann (rechts)

Natürlich trägt dieser Mann ein enormes Ego mit sich herum, das ihn schnell arrogant und überheblich wirken lässt, natürlich ist Bescheidenheit nicht seine Stärke. Vielleicht ist das sein bester Trick: Weil er selbst nie einen Zweifel daran lässt, die hellste Supernova am deutschen Unterhaltungshimmel zu sein, ist er schon mal nicht drauf angewiesen zu bangen, ob andere es auch bemerken. Er hat aus seinen Erfahrungen auch andere Konsequenzen gezogen, hat beispielsweise aufgehört, seine Filme in regulären Vorführungen der Presse zu zeigen. Die PR-Maschinerie um Schweiger rückversichert sich mehrfach auch eher deutlich als subtil, dass man wirklich nichts Böses schreiben will. Über seine aktuelle Freundin Svenja Holtmann, 29, weiß man, dass es ihm ernst ist mit ihr und die beiden schon nach Hamburg gezogen sind, um näher bei seinen Kindern zu sein. Und dass sich alle gut verstehen.

Aber Schweiger freut sich über jeden, der nicht mehr Details wissen will. Gleichzeitig weiß er natürlich auch, dass die Abhängigkeit gegenseitig ist. Wahrscheinlich gab er deswegen auch sein erstes Trennungsinterview mit Dana ausgerechnet in der Jubiläums-"Bild", die gratis in 41 Millionen deutschen Haushalten verteilt wurde. Um der Öffentlichkeit gegenüber jetzt ganz die Klappe zu halten, dafür ist es sowieso zu spät: "Das würde nur dazu führen, dass alle sagen: Jetzt dreht er völlig durch und ist superarrogant." Weil er aber so hart dafür gearbeitet hat, die weitgehende Kontrolle über sein Schaffen zu haben, ist er nun wenigstens in der Position, nur die Sachen zu machen, auf die er Bock hat: einen Actionfilm zu drehen, auch wenn's für den in Deutschland keinen richtigen Markt gibt. Oder eben "Tatort"-Kommissar zu werden, "auch wenn es in meinem Umfeld Leute gibt, die das für einen Rückschritt halten".

Diesen Monat wird in Hamburg gedreht. Wird ihm das nicht zu viel, nach zwei Kinofilmen in einem Jahr? "Der 'Tatort' ist für mich wie Urlaub, da muss ich doch nur hingehen und spielen. Ich freu mich sehr drauf." Als seine Eltern, beide Lehrer, am Anfang seiner Karriere besorgt waren, dass er irgendwann nicht mehr genug Jobs haben könnte, hat er gesagt: "Wenn mich im Kino keiner mehr sehen will, kann ich immer noch ins Fernsehen gehen. Und wenn mich da keiner mehr sehen will, bespiele ich alle Boulevardbühnen Deutschlands." Er grinst sein Schweiger-Grinsen, das schiefe, das er aufsetzt, wenn er richtig Spaß hat. Seine geilste Rolle ist eben immer noch: er selbst. Und es sieht nicht so aus, als habe er vor, das Stück demnächst abzusetzen.

Über Til Schweiger

1990 hatte Schweiger sein erstes Engagement bei der "Lindenstraße" (Jo Zenker). 1991 kam sein Durchbruch mit "Manta, Manta". Seitdem hat er in 54 Filmen gespielt und neun selbst gedreht. Sein Actionfilm "Schutzengel" läuft seit dem 27. September im Kino. Als "Tatort"-Kommissar ist er Anfang 2013 zu sehen.

Text: Andrea Benda
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