Devid Striesow, der Ruhelose

Es gibt kaum einen deutschen Filmpreis, den er noch nicht hat. Und was macht Devid Striesow abends nach Drehschluss? Noch einen Film. Wer nicht weiß, was für ein Glück das für uns Zuschauer ist, kann es hier nachlesen.

Es gibt Menschen, über die sind sich alle anderen Menschen so einig, dass es zum Widerspruch reizt. Wenn allerdings einer erwähnt, er habe einen Film mit Devid Striesow gesehen, und alle anderen murmeln: "Ja, der ist super!" (und nichts anderes werden sie murmeln), dann kann man allerhöchstens stumm bleiben, denn zu widersprechen gibt es da nichts. Devid Striesow? Ja, der ist super.

Man kann, wenn einem die große Einigkeit allzu sehr zuwider ist, auch noch behaupten, den kenne man gar nicht. Wenn man in den letzten Jahren keinen einzigen deutschen Kinofilm und keine Folge von "Bella Block" - deren Assistenten er spielt - gesehen hat, dann kann es schon sein, dass man ihn nicht kennt. Man muss dann aber eisern bei seiner Behauptung bleiben, und das ist gar nicht so einfach, denn in den beiden vergangenen Jahren war er in jeweils elf Kino- und Fernsehfilmen zu sehen, in diesem Jahr bisher in sieben. Theater spielt er außerdem, unter anderem in Hamburg und Düsseldorf.

So einig sich alle sind, die ihn kennen, dass Devid Striesow ein wirklich sehr guter Schauspieler ist: Eigentlich muss man ihn außerhalb seiner Filme, weit weg von der Bühne, erlebt haben, um zu begreifen, wie gut er wirklich ist. Denn nur dann erlebt man einen etwas zappeligen, ein wenig hektischen, sehr offenen großen Jungen und macht sich staunend klar, dass dieser große Junge den Zaubertrick beherrscht, vollkommen zu verschwinden. Unsichtbar zu werden, einem anderen Platz zu machen. Einem Mann, der mit verbissenem Optimismus Matratzen in Frankfurt an der Oder verkaufen will zum Beispiel, einem gespenstisch jovialen SS-Mann oder einem aalglatten Banker. Es ist nicht mal so, dass Striesow den Figuren, die er spielt, seinen Körper leihen würde, denn auch sein Körper verändert sich vor der Kamera. Abakadabra, Simsalabim.

Nehmen wir mal den Banker, denn der ist jetzt als Nächstes im Kino zu sehen, in "Yella", dem wunderbar klugen neuen Film von Christian Petzold (ab 13. September). Philipp heißt der Banker, die Yella wird gespielt von Nina Hoss. Diese Yella verlässt ihre Heimatstadt Wittenberge, um im Westen eine Arbeit anzunehmen. Die Arbeit gibt es dann aber gar nicht, dafür lernt sie Philipp kennen, der Firmen Kredite gegen Beteiligung gewährt und dabei in die eigene Tasche wirtschaftet. Philipp macht Yella zu seiner Assistentin, seiner Mitwisserin, seiner Vertrauten und schließlich zu seiner Geliebten.

Devid Striesow in "Yella"

Dieser Mann, der quer durch Deutschland von Deal zu Deal reist, hat die Selbstsicherheit von einem, der am längeren Hebel sitzt. Und die drückt sich auch in seiner Haltung aus. Groß und breitschultrig ist er, schlank, aber trotzdem ein bisschen bullig. Er steht aufrecht, spricht laut und deutlich mit tiefer Stimme, nur einmal regt er sich auf. Und wird, wie schon erwähnt, gespielt von Devid Striesow.

Demselben Devid Striesow, der jetzt hier in einem Café im Berliner Prenzlauer Berg wortreich einen Cappuccino mit extra Milch bestellt, seine Englische Bulldogge Buddy unterm Tisch Platz machen lässt und über die Hitze schimpft. Der Ruhelosigkeit verbreitet, erst gestern Nacht ist er vom Campen mit seinem Bruder zurückgekommen, noch total müde, morgen geht es wieder los mit Drehen, eine Serie fürs ZDF. Und wenn wir hier fertig sind, muss er "ganz schnell" zum Zionskirchplatz "flitzen", das Drehbuch zum neuen Film von Sebastian Schipper abholen, dessen "Absolute Giganten" hat er geliebt, "Ein Freund von mir" hat er noch nicht gesehen, steht jetzt aber ganz oben auf der Liste. Uff. Zigarette.

Dieser Devid Striesow wirkt irgendwie kleiner und viel jünger als der Mann in "Yella" (34 ist er), auch dünner, und er hat nichts von dieser unglaublichen körperlichen Präsenz, die man vorher im Film gespürt hat. Sogar seine Stimme klingt weniger tief. Da versteht man, dass dieser völlig unprätentiöse Typ, der hier rumhibbelt, dem Gegenüber seine Zigaretten anbietet, mit dem Café-Betreiber scherzt und früher mal mit einem in der WG gewohnt haben könnte, viel mehr macht, als einfach nur Rollen zu spielen.

"Spielen ist eine Sache des Denkens", sagt er, der Satz klingt ein bisschen groß. Dann erklärt er ihn: "Wenn du in dem Moment, in dem du spielst, anders denkst, dann passiert eine körperliche Veränderung. Dein Körper macht das dann von allein."

Auch Regisseur Christian Petzold sagt von seinem Darsteller, er habe "eine ungeheure Körperlichkeit": "Es gibt Schauspieler wie Devid, bei denen man merkt, dass da eine Körperpanzerungsarbeit stattfindet und dass die im Begriff ist, jeden Moment auseinanderzufallen. Das ist die Qualität, die ihn ausmacht."

Herr Striesow möchte gar nicht so gründelnd von seiner Arbeit sprechen. Lieber sagt er: "Das ist doch nur Spaß! Und wenn du schwierige Szenen hast, dann macht das erst recht Spaß, und dafür kriegt man noch ganz viel Geld!" Und wenn man ihn fragt, wie das ist, wenn man noch niemals eine schlechte Kritik bekommen, in beiden deutschen Wettbewerbsfilmen bei der Berlinale im Februar große Rollen gespielt und außerdem dieses Jahr gerade den Deutschen Filmpreis, die "Lola", eingeheimst hat, dann grinst er bloß: "Da scheine ich nicht ganz falsch zu liegen. Ich hätte da erst mal nichts dran zu ändern an der Strategie." Er sagt auch lieber "geil" als "großartig" oder "Mit der Nina, das fetzt!" statt "Mit Nina Hoss zu spielen ist eine Offenbarung". Oder so ähnlich.

Natürlich fliegt ihm das alles nicht nur so zu, der Mann hat eine anständige Ausbildung gemacht an der Berliner Ernst-Busch- Schule, übrigens im selben Jahrgang wie Nina Hoss. Hätte es nie eine Wende gegeben, wäre er in Rostock Goldschmied geworden, die Lehrstelle hatte er. "Ich sehe mich noch manchmal mit dieser Lupe im Auge vor einer Kette sitzen und denke: Was für ein Glück, dass das nicht stattgefunden hat!"

Nicht, weil er sich zu Höherem berufen gefühlt hätte, überhaupt nicht, da ist er ganz bodenständig, sein Vater ist Elektriker, seine Mutter Kinderkrankenschwester, und sein acht Jahre älterer Bruder Sven, mit dem er jetzt in Berlin zusammenwohnt, "kommt vom Bau". Sondern weil Devid Striesow heute weiß, dass er das nicht gepackt hätte, sich auf solche Feinarbeit einzulassen.

Er hat ADS, eine Aufmerksamkeitsdefizit-Störung, die erst im Laufe der Jahre diagnostiziert worden ist. ADSler können sich schlecht konzentrieren, zugleich wird ihnen eine höhere Kreativität nachgesagt, es heißt, sie seien sehr aufnahmefähig für kleine Details am Rande. Darum ist er so ein Zappelphilipp, der sich erst in seine Rollen reinalbern muss. "Während der Proben zu 'Yella' war es wahnsinnig, in zwei Stunden haben Devid und Nina Komödien aufgeführt wie Doris Day und Rock Hudson", stöhnte Christian Petzold in einem Interview mit der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung". "War aber toll, sie sind dann immer zum Kern gekommen."

Devid Striesow und Hannelore Hoger in "Bella Block"

"Wenn ich mir zu viel vornehme, werde ich am Set wahnsinnig kasperig, um alles wieder aufzubrechen", sagt Striesow im selben Interview. Und Stefan Ruzowitzky, Regisseur von "Die Fälscher", in dem Striesow einen SS-Mann spielt, wie man noch nie einen im Film gesehen hat, launig, schulterklopfend und opportunistisch, nennt ihn "ein hyperaktives Kind".

"Über ADS kann ich Vorträge halten", sagt Striesow. "Leute wie ich, die sind früher beim Mammut-Jagen immer vorn gerannt und haben gesagt, wo die anderen hinmüssen." Das Gefühl, den anderen ein bisschen voraus zu sein, hat er eigentlich immer. "Ich bin im Gespräch immer schon einen Meter weiter, ich weiß, was der andere gleich sagen wird, und der meckert dann: Lass mich ausreden."

Klar, dass sich so jemand schnell langweilt. Und wenn sich jemand langweilt, dreht er vielleicht elf Filme in einem Jahr, auch mal zwei gleichzeitig, tagsüber "Die Fälscher" in Potsdam, nachts "Das Herz ist ein dunkler Wald" in Hamburg. Und steht zwischendurch noch beim Berliner Theatertreffen auf der Bühne. So wie im letzten Jahr. Danach hatte Striesow einen körperlichen Zusammenbruch und schwor sich, es künftig langsamer angehen zu lassen, "obwohl, wenn sich zwei Sachen ein paar Tage überlappen, das geht".

Und wenn einer sich langweilt, dann hat er vielleicht auch eine Beziehung nach der anderen und möchte sich nicht gern festlegen, und vielleicht zieht er auch häufig von einem Ort zum nächsten.

Devids großer Bruder Sven hat die gleiche ADS-Diagnose bekommen, wenn auch über eine andere Form. Den Sven, seinen Mitbewohner und Kumpel, nennt Devid "einen unerschütterlichen Halt". Sven hat auch eine Englische Bulldogge, und wenn die Brüder mit ihrem Campingbus unterwegs sind, pennen beide Hunde bei ihren Herrchen im Bett, gern mal mit der Schnauze in deren Gesicht. Und wenn Sven morgens aufwacht, redet er oft genau an dem Punkt weiter, wo die beiden am Vorabend zu quatschen aufgehört haben. Ob er denn generell ein Familienmensch sei? Da kann Striesow nur lachen: "Familie? Das hat sich doch heute ein bisschen verschoben, was Familie ist, oder? Also, das, was mein Bruder und ich da gerade machen, das ist eine ganz gute Familie, finde ich."

Sonst ist seine Familie vor allem sein Sohn Ludwig, neun Jahre alt, den er zusammen mit der Schauspielerin Maria Simon hat. Vor einem halben Jahr ist Striesow aus dem Prenzlauer Berg nach Pankow gezogen, wo Maria und Ludwig wohnen, "jetzt guck ich von meiner Terrasse auf deren Gehöft". Vorher hat er in Hamburg gelebt, wo er gerade mit Anneke Kim Sarnau, ebenfalls Schauspielerin, zusammenziehen wollte, als die sich in Hinnerk Schönemann verliebte (mit dem Striesow jetzt gemeinsam in "Yella" spielt). Und schon wieder ist er auf dem Sprung: Mit Sven will er ein Bauernhaus im Berliner Umland kaufen, dann geht es weg aus Pankow. Frauen, das sagt Herr Striesow ganz klar, dürfen da nicht einziehen. Nach dem, was er etwas angestrengt eine "Partnerschaft" nennt, steht ihm im Moment nicht der Sinn, wenn er auch glücklich liiert ist. Und wenn er auch zu all seinen Ex-Lieben ein gutes Verhältnis habe, zur Maria ebenso ("zumindest jetzt wieder") wie zur Anneke wie auch zu Katharina Wackernagel, die er bei den Dreharbeiten zu ihrem gemeinsamen Film "Die Boxerin" kennen gelernt hatte. Seine neue Liebe, das ist das Einzige, was er dazu sagen will, ist keine Schauspielerin.

Auch wenn er schon wieder hundert Projekte weiter ist, freut sich Striesow darauf, "Yella" ins Kino kommen zu sehen. "Das ist der schönste Film, den ich gemacht habe", sagt er mit fast feierlichem Ernst. Für "Yella" gibt er Interviews, was er nicht gern tut, "für ,Yella' würd ich in der Unterhose vorn aufn ,Playboy' draufgehen!" So weit zum feierlichen Ernst. Danach wird er am 27. Oktober im ZDF in dem neuen "Bella Block"-Film "Weiße Nächte" über illegale Adoptionen zu sehen sein, wie immer als Bellas Assistent Jan Martensen. Und wie immer als der ruhende Pol an ihrer Seite. So weit zum Thema Verwandlungskunst.

BRIGITTE Heft: 20/07 Text: Stefanie Hentschel Fotos: Piffl (2), ZDF
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