Dido: "Langweilig? Das Image ist mir recht"

Endlich lässt die Meisterin stiller, einfühlsamer Songs wieder von sich hören: Im BRIGITTE-Interview spricht Dido über ihr Braves-Mädchen-Image, ihr neues Album und ihre Zeit in Los Angeles - und hält Fragen nach ihrem Privatleben hartnäckig stand.

Dido Armstrong sitzt in einem eigens für die Pressearbeit angemieteten Haus am Mulholland Drive in Hollywood und knabbert Möhrchensalat. Sie ist allerbester Dinge, denn das Werk ist endlich vollendet. Fünf Jahre hat die 36-jährige Britin gemeinsam mit dem berühmten Produzenten Jon Brion sowie ihrem Bruder Rollo, dem Erfinder der Gruppe Faithless, an ihrem dritten Album "Safe Trip Home" gewerkelt und nebenbei noch das Schlagzeugspielen gelernt. Die Erwartungen an die Platte sind gigantisch, denn mit den stillen, einfühlsamen Bisherwerken "No Angel" (1999) und "Life for Rent" (2003) hat Dido weltweit die Charts angeführt, Lieder wie "White Flag" oder "Thank you" laufen noch heute immerzu im Radio. Doch die neue Platte überzeugt. So erzählt sie auf "Safe Trip Home" in ihrer unverkennbaren, unaufgeregt-melancholischen Art und mit großer musikalischer Finesse Geschichten über das Suchen ("It comes and it goes"), Finden ("Look no further") und Verlieren ("Don't believe in Love") der Liebe. Eindringlichster Song aber ist das tieftraurige "Grafton Street", ihre innige Abschiedsode an den vor zwei Jahren verstorbenen Vater.

BRIGITTE: Dido, Ihr Album startet im Stück "Don't believe in Love" mit der Zeile "I want to go to Bed with Arms around me/But wake up on my own".

Dido: (lacht) Yeah. War das schon die Frage?

BRIGITTE: Die Frage ist: Wie viel männerverschlingendes Wesen verbirgt sich in der als brav geltenden Dido Armstrong?

Dido: Ach du lieber Gott (lacht). Was soll ich dazu sagen? Im Prinzip ist es ja so: Ich drücke mich in meinen Liedern durchaus deutlich aus, meistens jedenfalls. Und es bringt nun niemandem etwas, wenn ich diese Songs auch noch erläutere und zum Beispiel sage "Oh ja, ich liebe One-Night-Stands". Oder "Ich träume zwar von schnellen Bettgeschichten, aber in Wirklichkeit würde ich so etwas nie tun."

BRIGITTE: Warum sollte das nichts bringen? Mich würde das interessieren.

Dido: (lacht noch immer) Das glaube ich gern. Aber erstens würde mir das die Freude nehmen, die darin besteht, dass die Hörer meine Lieder anders interpretieren, als das von mir beabsichtigt war. Ich liebe es, die Vorstellungskraft der Leute zu kitzeln.

BRIGITTE: Und zweitens?

Dido: Brauche ich die Freiheit, alles in einem Song zu verarbeiten, was mir in den Sinn kommt. Ohne ein schlechtes Gewissen dabei haben zu müssen. Ohne mich nachher für irgendetwas rechtfertigen zu müssen. In der Kunst ist alles erlaubt. In meinen Songs folge ich nur dem Instinkt, sonst nichts und niemandem. Manchmal reichen mir für eine Textidee zehn intensive Sekunden. Manchmal beschäftigt mich das Thema schon seit Jahren. Was ich damit sagen will: Ich werde dir "Don't believe in Love" nicht erklären, tut mir leid (lacht).

BRIGITTE: Auch gut. Dann werde ich tun, was Sie sagen, und meine Fantasie bemühen.

Dido: Bitte gern. Grundsätzlich gilt: Vieles auf diesem Album ist sehr, sehr persönlich. Vieles aber auch nicht. Ich merke an unserem Gespräch, dass ich alles richtig gemacht habe.

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BRIGITTE: Wieso?

Dido: Weil Sie diese Songs, in die ich mein komplettes Herz hineingeschüttet habe, offensichtlich beschäftigen. Sie machen Sie neugierig. Und das finde ich super.

BRIGITTE: In "It comes and it goes" singst du "Some Days I want love, some Days I don't". Später, in "Never want to say ist's Love" heißt es, "I am settled now. I made it through the restless Phase".

Dido: Ich weiß ja nicht, wie Ihr Leben aussieht. Aber meines ist voll, nicht zuletzt voll von Widersprüchen. Es geht rauf, es geht runter, man verliebt sich, man trennt sich. Das Leben besteht aus Allem. Ich kann mich an keinen Song von mir erinnern, der keinerlei Widersprüchlichkeit beinhaltet. Denn so sehe ich die Welt. Sie ist nicht simpel. Aus vielen schlechten Dingen entstehen gute und umgekehrt.

BRIGITTE: Was war denn Ihre "ruhelose Phase"? Und warum ist sie nun zu Ende?

Dido: Er gibt nicht auf (lacht). Ich präsentiere nicht so sehr mich selbst und mein Leben in diesen Songs. Ich habe nicht den Wunsch, mich in diesen Liedern der Welt zu erklären. Im Gegenteil.

BRIGITTE: Sie sind extrem erfolgreich, doch die Welt weiß wirklich wenig von Ihnen. Es gibt beispielsweise keine Fotos von Dido Armstrong mit Liebhabern in den einschlägigen Magazinen.

Dido: Die gibt es nicht. Und darüber bin ich sehr, sehr froh.

BRIGITTE: Ist es schwierig, Ihr Privatleben vor den Blicken von Außen zu schützen?

Dido: Das ist keine übermäßige Anstrengung. Ich habe ein Leben, das ich liebe, und von dem ich nie das Bedürfnis hatte, es mit der breiten Öffentlichkeit zu teilen. Ich gelte als langweilig, und das ist mir sehr recht. Ich werde wirklich in Ruhe gelassen, und ich hoffe, dass das so bleibt. Ich kann mir gar nicht vorstellen, wie es wäre, jede Woche im "People"-Magazin aufzutauchen. Bäh.

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BRIGITTE: Warum "bäh"?

Dido: Ich sehe doch, wie die Medien mit manchen Menschen umgehen. Ich habe kaum Freunde, die in der Öffentlichkeit stehen, von daher fehlt mir da der Austausch. Aber manche Menschen lieben das eben und andere wollen es nicht. Ich gehöre zur letzteren Kategorie.

BRIGITTE: Sie haben Ihr Album mit dem Produzenten Jon Brion sowie Ihrem Bruder Rollo überwiegend in Los Angeles aufgenommen. In der Zeit besaßen Sie auch ein Haus in LA, das Sie aber wieder verkauft haben. Fühlten Sie sich wohl im oberflächlichen Kalifornien?

Dido: Komplett nach LA zu ziehen, war nie eine Option für mich. Dafür liebe ich London und England einfach zu sehr. In dem Haus hatte ich nur Klavier, Schlagzeug und Bett. Als ich zuerst nach LA kam, war ich wirklich nicht sicher, was ich von dem Ort halten sollte. Aber wenn du ein bisschen Zeit hier verbringst, dann beginnt dich die Stadt zu faszinieren, speziell bei meiner Tätigkeit. Die gesamte Stadt fußt ja praktisch auf Vorstellungskraft und auf dem Erzählen von Geschichten. Auf der Fantasie der Menschen. Auf Ideen, auch verrückten Ideen. Ich mag das gern.

BRIGITTE: Sieht Ihr Leben in London anders aus als das in LA?

Dido: Sehr. In London lebe ich eindeutig geselliger. Da geht man nach der Arbeit in die Kneipe. Hier geht man nach der Arbeit zum Yoga oder ins Bett. Und fast alle meine Freunde leben in London, die will ich auf Dauer einfach nicht missen. In Los Angeles war ich sehr viel allein.

BRIGITTE: Sind Sie beim Songschreiben gerne für sich?

Dido: Ich bin gerne allein, ich bin aber auch gerne unter Menschen. Ich bin keine Eremitin. Und für mich ist es sicher vorteilhaft, wenn ich mich nicht zu sehr aufs Alleinsein konzentriere.

BRIGITTE: Was haben Sie anders gemacht als bei Ihren ersten beiden Platten?

Dido: Ich habe mich ganz reinverbissen in diesen Entstehungsprozess der Lieder. Ich habe zum Beispiel auch Schlagzeug spielen gelernt, weil ich Lust dazu hatte und fand, das passt gut zu den neuen Songs. Dieses ganze Musikmachen ist für mich eine riesige, nie endende Forschungsreise. Ich bin der totale Nerd. Ich schreibe und spiele und spiele und schreibe und langsam wird ein ganzes Album daraus. Diesmal habe ich es aber wirklich übertrieben. Ich könnte jetzt gleich noch eine Platte machen. Ich könnte nicht komponieren und Ideen ausarbeiten, wenn ich mich dabei wie auf dem Laufband fühlen würde. Mit zeitlichem Druck oder überhaupt Druck von außen kann ich nicht gut umgehen.

Auf der nächsten Seite: Dido über den Tod ihres Vaters

BRIGITTE: Wie ironisch ist es, dass Sie mit Ihrer nicht auf Kommerz getrimmten Musik so überaus erfolgreich sind?

Dido: Ich habe den Erfolg nicht geplant. Und ich hätte ihn gewiss nicht zum Glücklichsein gebraucht. Aber jetzt ist es eben so. Ich mag es schon gern, wenn die Leute auf der ganzen Welt meine Lieder hören, das ist eine schöne Gewissheit, nicht allein zu sein.

BRIGITTE: Verraten Sie mir, wovon das Lied "Grafton Street" handelt?

Dido: Ich glaube, das wissen Sie bereits.

BRIGITTE: Ich habe eine Ahnung.

Dido: Wenn Sie mir Ihre Ahnung nennen, sage ich Ihnen, ob sie stimmt.

BRIGITTE: "Grafton Street" beschäftigt sich mit dem Tod Ihres Vaters, der vor knapp zwei Jahren starb.

Dido: Ja. Sie haben recht. Es fiel mir nicht leicht, dieses Stück zu schreiben, und ich konnte es auch nicht gleich. Wenn die Emotionen noch zu frisch und zu präsent sind, ist es nicht gut, sie in einem Song zu verarbeiten. Aber schließlich war ich doch froh, dass ich diese Ausdrucksmöglichkeit hatte, dass ich das Lied schreiben konnte. Mein Dad war ein unglaublich großer und wichtiger Teil meines Lebens. Es stand außer jeder Frage, dass sein Tod, der das einschneidendste Ereignis meines Lebens war, in meine Musik einfließen würde.

BRIGITTE: Sie denken aber nicht, dass "Safe Trip Home" zu melancholisch ist?

Dido: Nein, darauf habe ich nicht geachtet. Auf jeden Fall war es nicht meine Absicht, eine komplett traurige Platte zu machen.

BRIGITTE: Dido kann also auch Spaß haben?

Dido: Ach, klar. Ich gehe weg, tanze, betrinke mich und flippe total aus zu Diana Ross oder zu "Slave to the Rhythm" von Grace Jones.

BRIGITTE: Ihr Bruder Rollo ist verheiratet und hat zwei Kinder. Wie sieht es bei Ihnen aus?

Dido: Ich bin nicht verheiratet und habe keine Kinder (lacht).

BRIGITTE: Pläne?

Dido: Ich bin sehr glücklich.

BRIGITTE: Glücklich mit oder ohne Partner?

Dido: Einfach glücklich. Mensch, glücklich halt.

BRIGITTE: Keine Chance, Ihnen in punkto Beziehung was zu entlocken.

Dido: Keine Chance, vergessen Sie's (lacht).

Interview: Steffen Rüth Fotos: SonyBMG
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