Die Leiden des jungen D.

Im März tourt Damien Rice durch Deutschland. Das ist gut, denn der Ire macht die schönste traurige Musik der Welt. Wer ist der Mann, der den ultimativen Soundtrack für Liebeskummer im Gepäck hat? BRIGITTE-Autor Stephan Bartels versucht eine Annäherung

Doch, wirklich, ich habe noch einmal genau nachgeschaut. Da steht nichts von Risiken und Nebenwirkungen auf den CD-Hüllen, in denen die beiden Alben von Damien Rice stecken. Nichts von potenzieller Suchtgefahr, nichts davon, dass sich Songs darauf befinden, die sich ihren Weg direkt ins Herz und in die Nervenbahnen suchen, dort kleine Anker auswerfen und sich festhaken, für eine ziemlich lange Weile. Damien Rice, 33 Jahre alt, geboren in Dublin, wohnhaft ein paar Kilometer westlich in Celbridge, singt mit bemerkenswert klarer Stimme gar nicht mal sonderlich komplizierte Lieder, denen auf seltsame Weise eine schmerzhafte Tiefe innewohnt. Sie wirken dort, wo herkömmliche Songwriter einfach nicht hinkommen.

Besonders in Zeiten des Liebeskummers. Eine Freundin, frisch getrennt, berichtete davon, wie sie sich an einem Frühlingstag mit Regen auf der Fensterbank eingerichtet hatte, Tee im Becher, Weltschmerz im Herzen, Damien Rice auf den Ohren. Unendlich traurig sei sie mit der Musik gewesen, aber auch total eingehüllt davon, wie in eine warme, kuschelige Decke. Schön sei es gewesen, tröstlich irgendwie - Damien Rice nivellierte mit seinen Liedern ihr mieses Gefühl, allein und verlassen zu sein. Ein Gefühl, das er selber gut kennt. "Wenn ich jemals glücklich bin", hat er einmal gesagt, "höre ich wahrscheinlich auf mit dem Singen."

Wer hat bloß sein Herz gebrochen? Ich hätte ihn gern gefragt. Als es im vergangenen Herbst hieß, Damien Rice würde eine neue CD herausbringen, habe ich mich hartnäckig um ein Interview bemüht. Ich fragte bei der Plattenfirma an. Und bekam die Auskunft: Damien Rice gibt keine Interviews. "Ihr meint: Er gibt mir kein Interview?", hakte ich nach. "Nein", sagte die Frau vom Label bedauernd, "niemandem. Keinem Journalisten auf der ganzen weiten Welt."

Das verstößt gegen sämtliche Regeln des Popgeschäfts. Schwierig sei er, heißt es in Journalistenkreisen und bei seiner deutschen Plattenfirma. Nein. Damien Rice ist lediglich konsequent. Er braucht bedingungslose Freiheit. Schon damals, 1999: Da spielte er in der Band Juniper, zusammen mit vier Schulfreunden, sie hatten mit "Weatherman" einen kleinen Hit und kurz darauf den Vertrag mit einer großen Plattenfirma auf dem Tisch liegen. Rice ließ ihn unangetastet, weil er sich von niemandem reinreden lassen wollte in seine Musik, in seine künstlerische Freiheit, weil er nicht in die Verlegenheit kommen wollte, auf Teufel komm raus Hits produzieren zu müssen. Mehr noch: Er verließ die Band. Verließ Irland. Ging auf seine erste große Europatour, tingelte durch Fußgängerzonen, pilgerte durch Spanien, arbeitete auf einem Bauernhof in der Toskana.

Zwei Jahre ging das so. Dann kehrte Damien Rice zurück. Im Haus seiner Eltern richtete er sich ein kleines Studio ein und nahm "O" auf, zusammen mit ein paar Musikerfreunden. Und Lisa Hannigan, einer erstaunlich ätherischen Sängerin, mit der er auch mal liiert war. Die fünf schufen eine Jahrhundertplatte, ein Album von derart berückender Schönheit und Melancholie, dass es einem die Sprache verschlägt.

Das ging mir jedenfalls so. Und Nic Harcourt auch. Der Amerikaner ist der "wichtigste Radio-DJ Amerikas und ein wahrhaftiger Leithammel", so das "New York Times Magazine". Wer bei dem 49-Jährigen Eindruck macht, kann sich auf eine große Karriere in Amerika einrichten. Harcourt ist gerade auf Sendung, als ich anrufe, um mir von ihm etwas über Rice erzählen zu lassen. Er moderiert von Santa Monica aus seine US-weit geschätzte Kultsendung "Morning Becomes Eclectic". Aber während der Lieder kann er sprechen. Darüber, wie er den Iren entdeckt hat. Hunderte von neuen CDs bekommt er Monat für Monat zugeschickt. "Die höre ich immer sonntags, wenn ich Hausarbeit mache", sagt Harcourt. Ein, zwei Stücke von jeder CD, dann kommt die nächste in den Spieler. "Aber einmal fiel mir plötzlich auf, dass ich 20 Minuten lang nicht die CD gewechselt habe", sagt er. "Da war mir klar: Hier ist was Besonderes."

Das war Damien Rice, im Herbst 2002. Harcourt muss, "moment, please", kurz die nächsten Songs ansagen ("You're listening to KCRW on 89.9 ..."), dann erzählt er davon, wie er Rice einlud, auf einer Musikmesse in New York aufzutreten. Wie der auf der Bühne stand, knapp über 1,70 und schmal, die Gitarre wirkte riesig an ihm. Dazu die netten Grübchen, für die er nicht mal lächeln muss. Danach war Amerika verrückt nach dem zarten Mann mit der tief in der Seele eingebrannten Schwermut. "Wir sind ziemlich gute Bekannte geworden", sagt Harcourt. Und zum Star hat er ihn außerdem gemacht.

Ach was: zum Superstar. In Deutschland ist er noch ein Geheimtipp, aber in den USA, in England, in Australien ist er ganz groß. Und in seiner Heimat sowieso. Über drei Millionen Platten hat der Ire inzwischen verkauft, die meisten von "O". Dreimal schon war er für den renommierten Brit-Award nominiert, den vielleicht wichtigsten Musikpreis nach dem Grammy. In Irland steht er zusammen mit U2-Sänger Bono seit Jahren bei den einschlägigen Wahlen an der Spitze der Kategorie "bester Sänger" - mal hinter, mal vor der lebenden Rocklegende.

Seine ersten weltweiten Schlagzeilen hatte Rice aber eher aus Versehen, als Colin Farrell und Britney Spears auf einem seiner Konzerte in Los Angeles wild knutschten und das Ereignis in den Klatschspalten entsprechend gewürdigt wurde. Überhaupt entwickelte er sich zum Promi-Liebling: Ob Julia Roberts oder Jude Law - vor ungefähr zweieinhalb Jahren, als ein paar Songs seiner Platte "O" im Soundtrack des Beziehungsdramas "Hautnah" auftauchten, wurde es in Hollywood schick, Damien als Lieblingssänger zu nennen. Endgültig unfreiwillig (und vor allem: unwillig) im Rampenlicht stand er dann, als Renée Zellweger für Damien kurzfristig ihren Freund verließ, den White- Stripes-Sänger Jack White. "Nur Freunde", war die offizielle Auskunft. "Was würdet ihr denn wohl an meiner Stelle sagen?", fragte er die Meute von Journalisten unwirsch, die an der Haustür klingelte, als er mit Zellweger im Haus seiner Eltern logierte.

Es war nicht von Dauer. Das ist die Tragik des Damien Rice: Nichts ist von Dauer bei ihm, nicht in der Liebe. Seine Songs sind Damien-Rice- Geschichten: die von "The Blower's Daughter", der Tochter seines Klarinettenlehrers, in die er hoffnungslos verliebt war - und die er erst loslassen konnte, als er ihr das Lied einmal vorspielte. Oder "Accidental Babies", eine Dreiecksgeschichte mit, natürlich, unglücklichem Ausgang. Der Grundpfeiler der Karriere des Damien Rice ist eben die unerwiderte Liebe. Wie bei den Minnesängern und den Dichtern der Romantik. Die Leiden des jungen D., schön für die Kunst, traurig für den Künstler: "Ich habe die Gefühle satt, über die ich immer singe", hat er gesagt.

Es heißt, seine Kindheit sei glücklich gewesen in Celbridge, einem Nest mit etwa 20 000 Einwohnern. Kompliziert wurde sein Leben erst, als er begriff, was Mädchen in der verwirrten Seele eines Jungen anrichten können. Er hat in seiner Musik ein Ventil für diesen Kummer gefunden. Und schafft es, seine Gefühle ohne jeden Reibungsverlust weiterzugeben an jene, die ihm zuhören. Er signalisiert mit jeder Strophe, jedem Refrain, dass er es ernst meint mit dem, was er singt.

Was er damit auslöst, kann man im Internet nachlesen. "Er ist ein Poet, der besonderste Sänger, den ich je gehört habe", schreibt eine Sissy aus Italien; ein User aus Chicago war auf einem Konzert, das ihn "total umgehauen hat". Steht alles im Forum von www.eskimofriends.com, der führenden Damien-Rice-Fanpage. Emmett Murphy aus Cork hat sie ins Netz gestellt, weil es ihm vor fast sechs Jahren ähnlich ging wie dem Herrn aus Chicago. Über 50 000 Klicks verzeichnet der 27-Jährige Tag für Tag, aus aller Welt - viele in den USA, nur zwei Prozent in Deutschland. Vieles vom Inhalt der Seite basiert auf Insider-Wissen: Damien versorgt ihn mit Informationen,"er ist wahn- sinnig freundlich und hilfsbereit", sagt Murphy. Nicht schwierig. Nicht verstockt. Richtige Fans sind eben wichtiger als die Presse.

Wahrscheinlich sogar wichtiger als das Publikum, vor dem Rice im Dezember 2005 sang. In Oslo wurde der Friedensnobelpreis verliehen. Salma Hayek, ebenso bekennender Rice-Fan wie der Preisträger Mohamed El Baradei, moderierte den Abend in einem atemberaubenden Kleid und sagte Damien Rice an. Der saß am Klavier, zerzaust, in einem Hippie-Flickenhemd, das schon in den 70ern out war. Aber er sang, zusammen mit dieser elfengleichen, durchscheinenden Lisa Hannigan, und als beim elegischen "Cold Water" die Geigen des Nobelpreis- Orchesters einsetzten, bekamen die Menschen in ihren Smokings und Abendroben eine Gänsehaut. Das ist seine Magie.

"Den Ruhm", sagt Nic Harcourt, verabscheut er. Er findet alles lästig, was vom Wesentlichen ablenkt - von seiner Musik. Deshalb tourt er viel, im März auch bei uns. Seine Konzerte haben mit klassischen Rock- Events wenig zu tun. Es sind Andachten, kleine Meisterwerke der Stille. Ich habe ihn Ende November in Hilversum gesehen, in der Nähe von Amsterdam, im Konzertsaal eines großen Plattenstudios. Es brennen zwei Dutzend Kerzen auf der Bühne, Damien Rice spielt acht Songs, eineinhalb Meter von mir entfernt, näher bin ich ihm auf der Suche nach seinem Geheimnis nie gekommen. Er trägt eine viel zu lange Cordhose, mit einer Kordel gehalten, dazu ein braunes Jackett. Es ist an der rechten Tasche eingerissen, da, wo der Gitarrengurt am Textil entlangschrammt. Sein Outfit ist ihm egal. Er ist nett zu den 150 Leuten im Publikum, ungekünstelt, seine Ansagen sind lakonisch. "Ich kann mich nicht entscheiden, ob ich jetzt traurig oder glücklich bin", sagt er nach einem Song. Er schließt kurz die Augen. "Traurig", sagt er schließlich. Und lächelt. Aber nur ein kleines bisschen.

Damien Rice auf Tour

11. März: Köln, Palladium 12. März: Hamburg, Markthalle 15. März: Berlin, Columbiahalle 16. März: München, Herkulessaal

Text: Stephan Bartels Fotos: Robbie Frey BRIGITTE Heft 06/ 2007
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