Die Monstermacherin

Conny Fauser lässt Bilder lügen. Die 40-jährige Pfarrerstochter aus Schwaben ist in Hollywood die angesagteste Fachfrau für digitale Effekte: Gerade hat sie eine Flotte Piratenschiffe für "Fluch der Karibik 3" im Meer versenkt.

Conny Fauser

Conny Fausers erster Abend in Los Angeles: Sie liegt auf dem Fußboden ihrer neuen, leeren Wohnung, starrt zur Decke und überlegt, ob sie womöglich verrückt geworden sei: nach Hollywood zu kommen, um bei einer Mega- Produktion wie Roland Emmerichs "Independence Day" mitzuarbeiten. Eben hat sie noch in Stuttgart studiert. Ihr Englisch ist mittelmäßig. Und die amerikanische Computer- Software hat sie auch nicht drauf. Zwölf Jahre später in einem Büro bei Industrial Light & Magic (ILM), dem wichtigsten US-Unternehmen für Computereffekte: Conny Fauser, 40, tippt ein paar Befehle in ihren Computer, und plötzlich füllt eine Seeräuberkogge aus "Fluch der Karibik" den Bildschirm. An Deck öffnet Davy Jones, der Pirat mit dem Tintenfischkopf, eine Schatztruhe und spuckt erbittert aus, als er merkt, dass sie leer ist. Conny hält die Szene an, zeigt auf die Tintenfischarme und sagt zufrieden: "Das ist richtig gut geworden, schön nass und glibbrig!"

Für "Fluch der Karibik 2" hat ihr Team gerade erst den Oscar für die visuellen Effekte bekommen, jetzt bastelt Conny am dritten Teil der Piraten-Saga: Auch acht Wochen vor dem Kinostart (24. Mai) sind noch nicht alle Einstellungen perfekt. Eine ihrer größten Herausforderungen ist eine Sequenz, in der ein Sturm die Schiffe in einem riesigen Strudel in die Tiefe zieht.

Conny Fauser, Pfarrerstochter aus der schwäbischen Provinz, zählt in ihrer Branche zur Weltelite. Bei ihrem letzten Klassentreffen in Reutlingen wurde sie als "die Conny aus Hollywood" vorgestellt, "und plötzlich interessierten sich Leute für mich, die früher nie etwas von mir wissen wollten", sagt sie. Jahrelang hat sie 18-Stunden- Schichten vorm Computer abgerissen, ging nur zum Schlafen nach Hause, weil, wie sie sagt, "ich richtig zubeiße, wenn ich mal irgendwo hineinbeiße". Ihr Feld ist das "digital compositing". Ein deutsches Wort gibt es dafür nicht, weil die Sparte der Spezialeffekte ohnehin komplett von Amerika dominiert wird. Conny kombiniert am Computer echte Darsteller, Requisiten und Umgebungen mit digitalen Elementen und Effekten. Wenn, wie in "Fluch der Karibik 3", ein echter Pirat bei einem digitalen Wirbelsturm über Bord geht und gleichzeitig das computergenerierte Schiff im Wasser versinkt, dann muss Conny die Elemente so zusammenbauen, dass Licht und Schatten, Spiegelungen, Größen- und Schwerkraftverhältnisse, Bewegungsabläufe, Farben und Tiefenschärfe natürlich aussehen.

Ein Elefant mit Menschenarmen, von Conny Fauser entworfen

Pro Film bearbeitet sie rund 25 Einstellungen, jede ist auf der Leinwand vier bis zehn Sekunden lang zu sehen. Am Ende ist sie für höchstens vier Minuten eines Films verantwortlich. Aber weil sie an einer einzigen Einstellung manchmal wochenlang herumknobelt, geht dafür ein halbes Jahr oder mehr drauf. Sie liebt diese Puzzle-Arbeit, sie findet sie schöpferisch. Man müsse "obsessiv-zwanghaft veranlagt sein", um ihren Job zu machen, sagt sie und meint das nur halb im Spaß. Manchmal verschwimmen bei ihr die Grenzen zwischen Virtualität und Wirklichkeit. Sie hat schon Wolken am Himmel angeschaut und gedacht, dass sie an den Rändern noch etwas digitale Nachbesserung vertragen könnten. Am 11. September 2001, beim Einsturz der Türme des World Trade Center, schoss ihr durch den Kopf: "Das sieht ja wirklich aus wie in unseren Modellen" - sie hatte immer gedacht, dass sie am Computer zu viel Rauch und Schutt benutzen. Sie hat sich danach schuldig dafür gefühlt, an diesem Tag so etwas zu denken. Ihren Kollegen war es nicht anders gegangen. "Es ist der Beruf", sagt sie. "Ich lasse halt fast täglich Gebäude in die Luft gehen."

Conny Fauser hat am vierten Teil von "Harry Potter" mitgearbeitet, an "Krieg der Welten" und der letzten "Star Wars"-Folge. Für diese Reihe hatte der Regisseur George Lucas ILM einst in San Francisco gegründet. Es gibt elektronische Kontrollbarrieren an allen Eingängen, eine Chipkarte für Aufzüge und Durchgangstüren. Jeder Besucher muss unterschreiben, keine Betriebsgeheimnisse zu verraten, der Bereich Filmtechnik ist hochsensibel. Während der Arbeit an "Star Wars" warteten draußen die Fans in ihren Verkleidungen. Andere versuchten, sich in die Computersysteme zu hacken.

Conny hat viel gemalt, schon als Kind. Sie wollte Gemälderestauratorin werden, vertrug aber die Chemikalien nicht, wechselte zum Grafikdesign und ging nach dem Grundstudium in Stuttgart an die neu gegründete Filmakademie Baden-Württemberg, wo sie digitale Bildgestaltung studierte. Nach dem Examen und gerade im ersten Job erfuhr sie, dass ein früherer Mitstudent mit einigen anderen nach Los Angeles gehen wollte, um an den Spezialeffekten von Roland Emmerichs "Independence Day" mitzuarbeiten. Conny flehte ihn an, sie mitzunehmen. "Ich war nicht unbedingt erpicht, nach Amerika zu gehen", sagt sie, "aber die Chance, an einem großen Film mitzuarbeiten, wollte ich mir nicht entgehen lassen."

Wie bewegt sich der "Scorpion King" aus "Mummy 2"? Conny Fauser tüftelt es aus.

Die amerikanischen Kollegen betrachten sie anfangs als aufgezwungenen Neuzugang. Conny versucht, sich mit Charme durchzuschlagen. Aber ihr Englisch ist lückenhaft, und statt charmant wirkt sie manchmal eher grob, weil ihr die Umgangsfloskeln in der fremden Sprache nicht geläufig sind. Ihr Fachwissen aus Deutschland hilft ihr nicht weiter, weil in den USA eine andere Software benutzt wird. Die muss sie sich per Handbuch in wenigen Wochen beibringen und damit auch gleich ihre erste Arbeitsprobe abliefern. "Da hat man schon Augenblicke, in denen man denkt: Morgen fliege ich nach Hause, das schaffe ich nicht." Aber sie hält durch. Sie paukt die Software, übt ihr Englisch. Nach ungefähr einem Jahr sagt ein Vorgesetzter staunend: "Hey, Leute, Conny hat einen Witz gemacht."

Conny Fauser mit Sohn Max

"Independence Day" gewinnt den Oscar für die besten visuellen Effekte. Und als Roland Emmerich 1996 sein eigenes Computereffekte-Unternehmen aufzieht, ist Conny seine erste Angestellte.

Sie hat in Amerika inzwischen den Ruf, auch bei komplizierten Einstellungen perfekt zu sein. Und statt, wie geplant, nach Deutschland zurückzukehren, bleibt sie. "Die Arbeit hat mir Spaß gemacht, aber auch das Leben in den USA, weil niemand einen kennt und man sich neu erfinden kann." Vorher fand sie sich schüchtern, nun entwirft sie "eine neue Person. Ich bin jetzt freier, selbstsicherer, weniger ängstlich. Das hat mir sehr gut getan".

Trotzdem ist ihr Leben in Amerika nicht auf Dauer angelegt. Sie bleibt von Film zu Film, macht kaum größere Anschaffungen. Sie arbeitet, arbeitet, arbeitet, geht am Wochenende mal tanzen und arbeitet dann wieder. Für die Komödie "(T)raumschiff Surprise - Periode 1" geht sie für drei Monate zurück nach Deutschland, weil dabei ein spezieller Job zu vergeben ist, der sie reizt: "Der der Koloristin, die bestimmt am Computer die Farbgebung des ganzen Films." Danach fängt sie bei ILM an, wo auch ihr Lebensgefährte Nelson Sepulveda, 40, arbeitet.

Sie kennt Nelson seit ihrer Zeit bei Roland Emmerich, anfangs hielt sie ihn für einen großen, dunklen, argentinischstämmigen Schnösel. Nach einiger Zeit ertappte sie sich dabei, dass sie häufiger als notwendig an ihn dachte. Vor knapp zwei Jahren kam ihr Sohn Max zur Welt. Inzwischen leben sie in einem großen gelben Haus im Norden von San Francisco, es liegt abgelegen an einem steilen, wild bewachsenen Hang. Conny glaubt fest daran, dass es "unter dem Schutz guter Geister" steht.

"Eines Tages", sagt sie, "habe ich mir überlegt: Woran erinnere ich mich im Leben? An jeden Tag, an dem ich 18 Stunden lang an einer Einstellung gesessen habe? Die Antwort war Nein."

Dann wendet sie sich wieder ihrem Bildschirm zu, der Kogge und den Piraten. Noch stimmen ein paar Schatten nicht. Vielleicht wird es wieder ein Tag mit 18 Stunden Arbeit, einer, an den sie sich nicht ewig erinnern wird. Aber zufrieden wird er sie machen. Und ganz sicher Spaß.

Text: Susanne Weingarten Fotos: So-Min Kang BRIGITTE Heft 12/2007

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