Elif Shafak: Die Türkei-Kritikerin verstummt

Sie ist die wichtigste Schriftstellerin der Türkei, der Star der diesjährigen Frankfurter Buchmesse. Wegen eines kritischen Buches stand Elif Shafak in ihrer Heimat vor Gericht, sie fühlte sich bedroht. Jetzt erscheint ihr neuer Roman. BRIGITTE-Autorin Christiane von Korff traf in Istanbul eine Frau, die nie mehr über Politik reden will.

Das Wasser glitzert indigoblau im Sonnenlicht. Motorboote kreuzen, Fähren tuckern über den Bosporus hinüber nach Üsküdar auf die asiatische Seite von Istanbul. Wir sind in Bebek, auf der europäischen Seite. Hier wohnt die türkische Bourgeoisie. Frauen im Businesskostüm, mit Prada-Brillen, Laptop und Handy auf dem Tisch, sitzen auf der Terrasse des eleganten Hotel "Bebek". Wir sind mit Elif Shafak verabredet. Sie ist eine der bekanntesten Autorinnen in der Türkei, ihre neun Romane sind Bestseller und viele mit Preisen dekoriert.

Dies könnte das Porträt einer klugen Politologin werden, <die über "männliche Geschlechterrollen im islamistischen-säkularistischen Machtgefüge" promoviert und an amerikanischen Universitäten gelehrt hat. Eine Kosmopolitin, die als Tochter einer alleinerziehenden Diplomatin in Ankara, Madrid und Amman aufgewachsen ist und jetzt mit ihrem Mann und ihrer knapp zweijährigen Tochter in Istanbul lebt. Doch unsere Geschichte wird ein beunruhigendes Ende nehmen.

Allerdings sagt schon ihr Anfang einiges darüber aus, welch große Sorge die Autorin zu beherrschen scheint. Shafak ist zur Frankfurter Buchmesse im Oktober eingeladen, das diesjährige Gastland ist die Türkei. Shafaks deutscher Verlag Eichborn hat viele Anfragen von deutschen Medien. Die Autorin reagiert weder auf E-Mails noch auf Anrufe. Nach wochenlangem Schweigen lehnt sie alle Interview-Anfragen ab. Bis auf eine Reportage für BRIGITTE, wie sie mir in einer E-Mail mitteilt. Ein paar Tage später erhalte ich einen Anruf. Elif Shafak hat eine sympathische Stimme. Sie freue sich auf mein Kommen, ich könne sie einen Tag begleiten. Doch ich müsse versprechen, dass ich im Interview keinen "Schwerpunkt auf Politik" lege.

In meinem Anschreiben hatte ich schon vorab einige Themen angeschnitten: ihren Roman "Der Bastard von Istanbul" und die Anklage gegen sie wegen "Beleidigung des Türkentums". Dazu muss man wissen, dass Shafak vor zwei Jahren mit ihrem Bestseller ein politisches Tabu gebrochen und internationales Aufsehen erregt hat. Der Roman handelt vom türkischen Völkermord an den Armeniern. Die Türkei erkennt die Vertreibung und Auslöschung der Armenier 1915/1916 bis heute nicht an.

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Schriftsteller und Publizisten werden vor den Kadi gebracht, wenn sie es wagen, davon zu sprechen. Wegen "Beleidigung und Verunglimpfung des Türkentums" (Paragraf 301 des türkischen Strafgesetzbuches) wurden rund 60 Intellektuelle angeklagt, der berühmteste Fall war Nobelpreisträger Orhan Pamuk. Internationale Autoren (darunter Günter Grass) und die EU-Kommission setzten sich für ihn ein. Die Anklage wurde fallen gelassen.

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Eine türkische Weltbürgerin. Elif Shafak wurde 1971 als Tochter türkischer Diplomaten in Straßburg geboren, sie lebte in Spanien, Jordanien, Deutschland und den USA. Sie ist verheiratet mit Eyüp Can, Chefredakteur einer Wirtschaftszeitung, und lebt mit ihrer Familie in Istanbul.

Auch Elif Shafak wurde im September 2006 angeklagt. Zum Glück wurde sie nicht verurteilt und entging einer möglichen Haftstrafe von sechs Monaten. Neu an ihrem Fall war, dass sich die Anklage nicht auf Äußerungen der Autorin, sondern auf die ihrer Romanfiguren berief. Die armenisch-amerikanische Hauptfigur outet sich als "Enkelin von GenozidÜberlebenden" und spricht von "türkischen Schlächtern". Doch Elif Shafak erzählt in ihrem Roman klug und differenziert mit vielen verschiedenen, vornehmlich weiblichen Stimmen, aus türkischer und armenischer Perspektive.

Nun bittet sie am Telefon, Politik nicht in den Mittelpunkt stellen. Aber gehört zu einem Porträt der Schriftstellerin Shafak nicht auch "Der Bastard von Istanbul" sowie das Gerichtsverfahren? "Okay", sagt sie schließlich, die Politik solle nur nicht "überproportional aufgebläht" werden.

Kurz vor dem Termin erhalte ich im Hotel, dem vereinbarten Treffpunkt, eine SMS: Shafak. Sie sitze im "Gloria Jeans Café", gleich um die Ecke. Vielleicht teilt sie uns den Ort erst jetzt mit, um sicherzugehen, dass außer uns niemand anderes davon erfährt. Seitdem der armenisch-türkische Journalist Hrant Dink im Januar 2007 ermordet wurde, geht Angst um bei vielen Intellektuellen in Istanbul. Dink war ein Freund von Elif Shafak, ich hatte ihren entsetzten Nachruf auf ihn gelesen. Jahrelang war der Chefredakteur der armenischen Wochenzeitung "Agos" angeklagt worden, zuletzt verurteilten ihn die Richter wegen eines Artikels zu sechs Monaten Haft auf Bewährung.

Im Januar 2007 wurde er auf offener Straße erschossen, von hinten. Der Täter war ein 17-jähriger Türke, ein Junge, angestiftet von nationalistischen Armenierhassern. "Kritische Schriftsteller müssen in der Türkei sogar um ihr Leben fürchten", schrieb der "Spiegel" nach dem Attentat. Nobelpreisträger Orhan Pamuk engagierte auf Empfehlung von Freunden und der Regierung einen Leibwächter.

Elif Shafak hat keine Leibwächter. Sie erwartet uns im ersten Stock des Cafés. Sie ist eine schöne Frau: große Augen, ein sinnlicher Mund, exotischer Schmuck, eine Halskette mit einem türkisfarbenen Amulett, auf dem das Siegel eines Sultans aus ottomanischer Zeit eingraviert ist. Sie ist zierlich und schmal, ein kleiner Bauch wölbt sich unter ihrer Bluse. Sie erwartet im August ihr zweites Kind. Ihre Stimme ist sanft. Sie lässt sich für BRIGITTE fotografieren, aber nur Innenaufnahmen, das Café möchte sie nicht verlassen.

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Hat sie Angst davor, auf der Straße fotografiert zu werden? Elif Shafak schaut mich an. Ihr Ton ist scharf: "Wie kommen Sie denn darauf? Ich liebe diese Stadt. Ich bin glücklich hier. Ich hatte nie Probleme hier. Das sind die westlichen Medien, die solche Geschichten schreiben, die nichts mit meiner Realität zu tun haben." Ich erinnere sie jetzt nicht daran, dass ihre Wahrnehmung vor 20 Monaten noch ganz anders war. Vor ihrem Prozess hatten Nationalisten eine Hetzkampagne gestartet.

Im Internet wurde die Autorin als "Marionette des Westens"beschimpft, alle "türkischen Patrioten" wurden aufgefordert, vor dem Gericht gegen sie zu protestieren. Auf offener Straße verbrannten nationalistische Demonstranten ihr Foto. Shafak sagte damals: "Die Attacken machen mir Angst." Seit ihrem Prozess beantwortet sie politische Fragen ausweichend oder nichtssagend. Ich entschuldige mich für das "Missverständnis".

Elif Shafak, 37, ist eine gebildete, eloquente und emanzipierte Frau, ihr Mann lasse ihr "großen Raum". Sie spricht fließend Englisch und Spanisch, als Tochter einer alleinerziehenden Diplomatin besuchte sie die britische Schule in Madrid. Ihre Mutter war 21, als sie sich nach der Geburt ihrer Tochter von ihrem Mann trennte. Über die Abwesenheit ihres Vaters sagt Shafak: "Ich lernte zu schätzen, keinen Baba zu haben, der mich kontrollierte. Meine Mutter hat mich von Kind an als Individuum behandelt. Sie war keine typische Mutter, sie konnte noch nicht einmal kochen." Mit 18 legte Elif ihren väterlichen Nachnamen ab und wählte Shafak, den Vornamen ihrer Mutter, "Morgenröte". Ihr Vorname Elif ist der erste Buchstabe im arabischen Alphabet und bedeutet für Sufi, die islamischen Mystiker, "das Tor zum Universum".

Shafak bezeichnet sich als spirituell. In ihrem Debütroman "Pinhan" (bisher nicht auf Deutsch) ist ein Hermaphrodit und Sufi-Derwisch die Hauptfigur. Für das Buch erhielt sie 1998 den "Rumi", einen türkischen Preis für transzendentale Literatur. Mit ihrer Sprache allerdings löste Shafak eine Kontroverse aus. Denn sie greift ganz bewusst auf osmanische Traditionen zurück und benutzt "alte" Wörter aus persischen und arabischen Quellen.

1923, als Kemal Atatürk die türkische Republik gründete und dabei die verschiedenen Ethnien und Kulturen im zerfallenen osmanische Reich vereinigte, wurden diese Wörter aus dem Lexikon getilgt. National gesinnten Modernisten ist Shafaks Wortschatz deshalb suspekt. "Der moderne türkische Staat", hält Shafak dagegen, "entstand aus einem multi-ethnischen, multi-lingualen, multireligiösen Reich, das mehr als 600 Jahre dauerte. Als Schriftstellerin möchte ich, dass Worte von einer Insel zur anderen fließen, von der alten Zeit in die neue, so dass es eine Kontinuität gibt. Dies halte ich für wichtig für eine Nation."

Sie erzählt in ihrem neuen Roman "Der Bonbonpalast" (Übersetzung: Eric Czotscher, 472 Seiten, 24,95 Euro, Eichborn Verlag) die Geschichte eines Istanbuler Hauses und seiner Bewohner, verbindet Geschichten aus der Vergangenheit mit heutigem Alltagsleben. Der Schauplatz ist das jetzige Intellektuellenviertel Cihangir, in dem die Autorin selbst gewohnt hat. "Dieser Teil der Stadt", sagt Shafak, "fühlt sich an wie ein Boot, auf dem alle zwanzig Jahre die Passagiere wechseln.

Wenn man nur die Geschichte einer einzigen Straße betrachtet, erfährt man Erstaunliches: Wie die Scheiben einer Torte liegt eine Schicht über der anderen. Ganz unten befinden sich Friedhöfe - muslimische und christliche. Und darunter byzantinische." Ihre Augen leuchten, wenn sie von Istanbul spricht, die Stadt habe für sie einen "weiblichen Charakter", der sich ständig erneuere und neu erfinde. Faszinierend seien die verschiedenen Kulturen, die nicht aufeinanderprallten, sondern wie verschiedene Ströme in ein Meer flössen.

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Auf Deutsch sind nebem ihrem wichtigsten Roman "Der Bastard von Istanbul" erschienen: "Die Stimmen der Stadt", ein Roman über das Nebeneinander von Judentum, Islam und Christentum, sowie "Die Heilige des nahenden Irrsinns" über einen türkischen Emigranten in den USA.

Elif Shafaks multikultureller Traum wird in ihrem umstrittenen Roman "Der Bastard von Istanbul" sogar in einer einzigen türkisch-muslimischen Familie gelebt. Frauen vierer Generationen leben gemeinsam unter einem Dach und sind dabei so unterschiedlich wie das Straßenbild Istanbuls. Die Hauptfigur trägt superkurze Miniröcke, hat einen Tattoo-Salon im Prostituiertenviertel, eine Schwester ist gläubige Muslimin mit Kopftuch, die andere ein feministischer Blaustrumpf, die abergläubische Großmutter schützt sich mit Fetischen gegen den bösen Blick.

Unterschiede, Gegensätze unter einem Dach: Die Türkei, davon ist Elif Shafak überzeugt, wäre eine Bereicherung für die Europäische Union. "Die Polarisierung zwischen östlichem Islam und westlichem Kapitalismus tut niemandem gut. Wir müssen diese Abgrenzungen aufheben für die europäische Gemeinschaft. Europa braucht ein islamisches Land, um die Welt besser zu verstehen und in ihr existieren zu können. Wir müssen verstehen, dass der Islam und die westliche Demokratie koexistieren und Seite an Seite leben können." Besser als sie hätte es auch ein türkischer Diplomat nicht ausdrücken können.

Doch für den EU-Beitritt ist die volle Meinungsfreiheit in der Türkei eine wichtige Voraussetzung. Ende April diesen Jahres stimmte das türkische Parlament einer Neufassung des Strafrechtsparagrafen zu: Jetzt wird nicht mehr die "Beleidigung des Türkentums", sondern nur noch die der "türkischen Nation" geahndet. "Natürlich", sagt Shafak, "ist dies eine Verbesserung." Kritiker fordern die völlige Streichung des Paragrafen.

Die Istanbuler Menschenrechtsanwältin Eren Keskin bezeichnete in Interviews die Änderung als "Schminke", die lediglich zum Ziel habe, der EU zu gefallen. Sie kenne Eren Keskin nicht, sagt Elif Shafak. Es ist schwer, das zu glauben, denn die streitbare Eren Keskin ist in Istanbul so bekannt wie die Blaue Moschee. Gegen sie liefen insgesamt über hundert Verfahren. Im März wurde sie zu sechs Monaten Haft verurteilt, wegen ihrer Kritik an der türkischen Armee. Elif Shafak blickt auf die Uhr: "Die Zeit ist abgelaufen, ich muss jetzt zu einem Arzttermin."

Schade, denn wir hatten doch eigentlich verabredet, dass sie mir heute Nachmittag Schauplätze ihrer Romane zeigt... Wieder ein Blick auf die Uhr: "Der Fahrer meines Mannes wartet schon auf mich." Schön, schlage ich vor, ich begleite sie, um im Wagen das abgebrochene Gespräch fortzusetzen. Sie wehrt zuerst ab: Auf der asiatischen Seite, wo sie wohne, würde ich kein Taxi finden.

Schließlich fahre ich mit durch die schmalen, steilen Straßen von Bebek. Wir überqueren den Bosporus und fahren auf die Autobahn. Shafak weicht allen weiteren "politischen" Fragen aus. "Der Bastard von Istanbul" ist für sie heute "kein politisches Buch". Sondern eine Geschichte über armenische und türkische Frauen, über ihre Kultur, ihre Erinnerungen, über das Kochen, über Volkssagen".

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Früher hat sie sich anders geäußert. Daher komme ich doch noch einmal auf das heikle Armenien-Thema. Warum verleugnet die Türkei ihre Geschichte und bedroht andere Länder mit diplomatischen Sanktionen, wenn sie den Völkermord ansprechen? Shafak selbst ist doch zu dem Schluss gekommen, dass es einen Weg von der Verleugnung zur Anerkennung geben könne. Hat sie das nicht 2005 in der "Washington Post" geschrieben? Shafak verweist auf unser "Abkommen" - keine politischen Fragen.

Der Wagen hält. Wir stehen vor einem blaugelben Gebäude. Ikea! Während ich mich frage, ob die Autorin vielleicht ein Möbel abholen will, erklärt sie mir: "Hier finden wir ganz leicht ein Taxi, das Sie zurück auf die europäische Seite bringen wird." Vielleicht sind ihr meine Fragen so unbequem, dass sie mich hier absetzt.

Später ruft sie mich an. Sie entschuldigt sich, dass ich ein Taxi hätte nehmen müssen. Und sie bittet mich, ihr Schweigen zu verstehen, auch, wo es Artikel betrifft, die sie selbst geschrieben hat; bereits veröffentlichte Artikel, die in Archiven mit wenig Mühe zu finden sind. Aber die türkische Presse, sagt sie, beobachte die deutschen Medien und werde ihre Statements von damals wieder aufgreifen. "Ich bin durch die Hölle gegangen", sagt sie, auf die Anklage und die Kampagne gegen sie anspielend. "Ich möchte das nicht noch einmal erleben." Sie werde bald Mutter und wolle ihr Kind in Frieden bekommen. Diese talentierte Schriftstellerin hat in unserem Interview von Istanbul, der türkischen Kultur und Geschichte geschwärmt. Sie hat früher kritische politische Kolumnen in internationalen Blättern geschrieben. Heute schweigt Elif Shafak.

Je länger ich über ihre persönliche Entscheidung nachdenke, umso mehr drängt sich mir die Frage auf: Haben es nationalistische Extremisten geschafft, diese wunderbare Autorin, Star der diesjährigen Buchmesse, mundtot zu machen?

BRIGITTE 18/08 Fotos: Agata Maria Skowronek
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