Emma Thompson: Höhenangst

In ihrem neuen Film denkt die britische Schauspielerin und Drehbuchautorin Emma Thompson, 47, über diverse Todesarten nach - und betritt seither keinen Balkon mehr.

Emma Thompson in "Schräger als Fiktion"

Sie ist die bisher einzige Oscar-Gewinnerin, die die Trophäe sowohl für ein Drehbuch als auch für eine Rolle bekam: 1992 für ihre Darstellung in "Wiedersehen in Howard's End", 1995 für das Drehbuch zu Ang Lees "Sinn und Sinnlichkeit". Beide Talente vereinte Emma Thompson 2005 in der Komödie "Eine zauberhafte Nanny", in der sie die renitente Kinderschar eines Witwers zur Räson bringt. Jetzt spielt sie in "Schräger als Fiktion" (ab 8. Februar im Kino) eine depressive Schriftstellerin mit Schreibblockade, die auf der Suche nach einer passenden Todesart für den Protagonisten ihres neuen Romans damit konfrontiert wird, dass ihr eigentlich fiktiver Held tatsächlich lebt - und so ganz und gar nicht sterben möchte.

BRIGITTE: In Ihrem neuen Film rauchen Sie Kette - fiel es Ihnen schwer, wieder zur Zigarette zu greifen?

Emma Thompson: Ich habe mich während der dreiwöchigen Dreharbeiten förmlich ins Delirium geraucht, denn wir mussten echte Zigaretten benutzen. Aber um nicht wieder abhängig zu werden, habe ich sofort nach dem Dreh damit aufgehört.

BRIGITTE: Stört es Sie, dass Sie in "Schräger als Fiktion" ziemlich fertig aussehen?

Thompson: Nein, gar nicht. Ich finde es wirklich lästig, immer gut aussehen zu müssen. Wenn ich schlecht geschlafen habe, kann mich auch die beste Maskenbildnerin nur mühsam herausputzen. In Frankreich dürfen Frauen altern, ohne ihre Weiblichkeit, ihren Sex- Appeal, ihre Ausstrahlung zu verlieren. Für Amerika ist das undenkbar. Da müssen alle Frauen aussehen, als wären sie zwölf Jahre alt. Das ist widerlich.

BRIGITTE: Ihr Filmcharakter leidet unter einer Schreibblockade. Kennen Sie das auch aus Ihrer Arbeit?

Thompson: Lassen Sie sich das von jemandem sagen, der noch mit Füller und Tinte schreibt: Es ist ein schreckliches Gefühl, nichts aufs Papier bringen zu können. Eine richtige Schreibblockade hat mit Depressionen zu tun, mit einer tiefen Verzweiflung.

BRIGITTE: Wie kommen Sie da wieder raus?

Thompson: Abgesehen von der Einnahme verschreibungspflichtiger Medikamente jogge ich oder gehe spazieren, koche ein aufwändiges Essen oder verreise.

BRIGITTE: Wie nah geht es einem als Schauspielerin, wenn man eine Seelenlage spielen muss, die man selbst gut kennt?

Thompson: Das kann ich schon auseinander halten. Diese Frau hat starke Selbstmordgedanken und umschreibt das damit, dass sie fürs Ableben ihres Helden professionelle Recherchen über verschiedene Todesarten anstellt. So musste ich auf ein Hochhaus klettern und an der Dachkante stehen. Obwohl ich mit einem Gurt gesichert war, reagierte mein Körper automatisch auf die Situation mit Höhenangst. Man wird wie von einer unsichtbaren Kraft nach unten gezogen.

Emma Thompson mit Queen Latifah in "Schräger als Fiktion"

BRIGITTE: Haben Sie sich vorgestellt, wie es wäre, wirklich zu springen?

Thompson: Dieser Gedanke beschäftigt mich seitdem ständig. Mein Zimmer hier im Hotel hat zum Beispiel einen Balkon mit einer erschreckend niedrigen Balustrade. Dahinter ist nichts außer Luft und der Straße tief unten. Ich gehe nicht auf diesen Balkon, weil ich Angst davor habe, dass ich springen könnte. Ich traue mir selbst nicht. Das hat nichts mit Selbstmordgedanken zu tun. Es ist eher die Neugier, was geschieht, wenn...

BRIGITTE: Sie hatten, seit Ihre Tochter auf der Welt ist, nur wenige Rollen angenommen.

Thompson: Die Geburt meiner Tochter Gaia vor acht Jahren war das Beste, was mir je in meinem Leben passiert ist. Ich war jahrelang unglücklich, weil ich keine Kinder bekommen konnte. Meine Eizellen erreichten die Gebärmutter nicht. Die In-vitro-Fertilisation wurde quasi für mich erfunden! Natürlich musste ich nach der Geburt vieles aufgeben. Aber eines ist auch sicher: Ich werde nicht auf meinem Sterbebett liegen und mir wünschen, ich hätte mehr Filme gedreht.

BRIGITTE: Wie wichtig ist Ihnen dennoch die berufliche Anerkennung?

Thompson: Der Erfolg hat mir nicht viel gebracht, erst recht keine Sicherheit. Lernen kann man nur durch Misserfolge. Mein Vorteil ist, dass ich in zwei Berufswelten zu Hause bin: als Autorin und als Schauspielerin. Wenn's in der einen Sparte mal nicht so läuft, dann eben in der anderen.

BRIGITTE: Wie heißt Ihr nächstes Projekt?

Thompson: Meine Tochter. Zur Zeit mache ich alles, um für sie da sein zu können. Sie ist mit ihren acht Jahren eine verdammt gute Lügnerin und eine Diebin obendrein (lacht). Mein Mann und ich müssen die Keksdosen und Lolli-Gläser immer sofort wegschließen, sonst holt sie sich, was sie will. Mein persönlicher Süßigkeitentopf steht deshalb auch auf dem obersten Regal in der Küche direkt neben den Pfannen - dann höre ich es wenigstens klappern, wenn sie wieder mal versucht, welche zu stibitzen.

BRIGITTE: Fehlt Ihnen die künstlerische Arbeit denn gar nicht?

Thompson: Doch, den Lieblingsjob nicht ausüben zu können, weil man ein Kind aufzuziehen hat, kann manchmal sehr schmerzvoll sein. Ich würde zum Beispiel liebend gern einmal Regie führen, doch dann müsste ich meiner Tochter für mindestens ein Jahr Lebewohl sagen. Und dazu kann ich mich nun wirklich nicht durchringen. Ich vermisse sie ja schon nach wenigen Sekunden, wenn ich von ihr getrennt bin.

BRIGITTE: Also fühlen Sie sich ein bisschen wie eine "Desperate Housewife"?

Thompson: Nein. Verzweifelt bin ich auf keinen Fall. Wenn man das Zwiebelschneiden als kreative Herausforderung annimmt, hat man viel Spaß dabei ... Ich schreibe am frühen Morgen und kann den Rest des Tages Vollzeitmutter für meine Tochter sein. Meine schauspielerischen Fähigkeiten verliere ich dadurch noch lange nicht.

BRIGITTE: Was planen Sie für die Zukunft?

Thompson: Ich möchte eine Film-Trilogie aus der "Zauberhaften Nanny" machen, in der die Nanny am Ende so zauberhaft verschwindet, wie sie im ersten Teil aufgetaucht ist.

BRIGITTE: Was fasziniert Sie so sehr an der Nanny- Figur, dass Sie weitermachen wollen?

Thompson: Unsere gesamte Kultur befindet sich derzeit im Nanny-Wahn. Die Menschen sind verwirrt, was Kindererziehung angeht. Ich selbst habe zwar keine TV-Shows gesehen, aber alle möglichen Erziehungsratgeber gelesen, weil ich genauso ahnungslos war, was auf mich als Mutter zukommt. Doch wir laufen Gefahr, die Probleme unserer Kinder von anderen lösen lassen zu wollen, anstatt mit den Kindern selbst Lösungen zu finden.

BRIGITTE: Und verhelfen den TV-Nannys damit zu enormen Einschaltquoten.

Thompson: Ja, das Fernsehen ist heutzutage einfach unerträglich. In diesen Nanny-Shows werden die Intimitäten ganz normaler Menschen ausgeschlachtet, um zu unterhalten. Geholfen wird dadurch niemandem. Meine Eltern waren generell sehr entspannt, doch sie konnten auch sehr strikt sein, wenn es um Benimmregeln ging. Es sind genau diese scheinbar unwichtigen Verhaltensweisen, die ein Kind prägen und darüber entscheiden, wie wir später Fremden begegnen oder Beziehungen knüpfen. Meine beste Freundin arbeitet als Kinderpsychologin. Sie sagt: Hinter jedem schwierigen Kind steckt ein schwieriger Erwachsener.

BRIGITTE: Was sollte Ihrer Meinung nach jedes Kind mit auf den Weg bekommen?

Thompson: Dass wir nicht aufhören dürfen, miteinander zu reden. Wenn Menschen nicht mehr kommunizieren, den Fremden nicht mehr akzeptieren, dann werden wir direkt in die Hölle fahren.

Zur Person

Emma Thompson (geboren 1959 in London) kommt aus einer Theaterfamilie. Vater, Mutter, Schwester - alle Schauspieler. Sie studierte englische Literatur in Cambridge und stand dort schon mit den heute ebenfalls berühmten Kollegen Stephen Fry und Hugh Laurie als "Footlights Group" auf der Bühne. 1989 heiratete sie den irischen Schauspieler und Regisseur Kenneth Branagh, mit dem sie u. a. "Henry V." und "Viel Lärm um Nichts" drehte. Die Ehe hielt bis 1994. Bei den Dreharbeiten zu "Sinn und Sinnlichkeit" verliebte sie sich in den Schauspieler Greg Wise, den sie 2003 heiratete. Das Paar hat eine Tochter. Zwei Oscars, zwei Golden Globes und zwei Britische Filmpreise stehen bereits in ihrem Badezimmer. Die Rolle der Professorin Sybil Trelawney in den "Harry Potter"-Filmen hat sie ihrer Tochter zuliebe angenommen.

Interview: Leif Kramp Fotos: Sony Pictures BRIGITTE Heft 4/2007
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