Niall Leonard: Mister Shades of Grey

Niall Leonard ist seit 25 Jahren verheiratet. Und plötzlich entfesselt seine Gattin die erotischen Fantasien von Millionen Frauen. Wie lebt es sich im Schatten von E. L. James?

Irgendwann im Jahr 2009 begann die heute 49-jährige Erika Leonard, Niall Leonards langjährige Ehefrau und Mutter seiner beiden Teenagersöhne, nur noch vor ihrem Computer zu sitzen und zu schreiben. Was zunächst als Hobby begann, wurde zu einem bisher nie dagewesenen Softporno-Erfolg am Büchermarkt: die Erotik-Trilogie "Shades of Grey", veröffentlicht unter dem Pseudonym E. L. James. Demnächst soll die Serie verfilmt werden und ist auch in Form von Merchandising-Artikeln ein höchst profitables Millionen-Geschäft für seine Autorin: US-Zeitungen sprechen von diesem Phänomen inzwischen als "Shades-Economy". Wie ist es, mit der Königin des so genannten "Mommy-Pornos" verheiratet zu sein? Die Auswirkungen auf das Leben des 53-jährigen Drehbuchautors Niall Leonard I müssen von geradezu surrealem Ausmaß gewesen sein. Viele Männer würden einen so radikalen Wandel bestimmt hassen.

Leonard hingegen berichtet fröhlich, dass unzählige Ehemänner sich vor Dank überschlagen hätten, weil seine Frau Erika ihr Sexleben revolutioniert habe: "Kaum haben deren Ehefrauen das Buch fertig gelesen, fallen sie über ihre Männer her." Mit etwas weniger Begeisterung erzählt er von einem unvorteilhaften Foto von sich, das eine Boulevardzeitung vor ein paar Monaten bei Facebook geklaut und veröffentlicht hatte. Das Foto zeigt ihn, wie er hinter einem fast leeren Bierglas hervorgrinst. Genervt hat ihn auch ein Vorfall mit zwei angeblichen Spendensammlern, die an seiner Wohnungstür in West London geklingelt hätten und zehn Minuten später wieder zurückgekehrt seien, weil sie noch ein Autogramm haben wollten. Leonard vermutet, dass ein verräterischer Nachbar sie auf Erika und ihn gehetzt habe. Aber zurück zum Thema Geld: Was machen Leonard und seine Frau eigentlich mit dem ganzen Geld? "Erika hat sich ein neues Auto gekauft", berichtet er wortkarg. Niall Leonard, der sich bereit erklärt hat, mit grauer Krawatte und gleichfarbigem Anzug zum Fotoshooting zu kommen, hat offenbar wenig Lust, über seine Ehe zu sprechen.

Wie Fans der "Shades of Grey"-Trilogie wissen, ist der graue Schlips eine Anspielung auf Christian Grey, der in den drei Büchern ständig einen grauen Schlips trägt, außer wenn er damit beschäftigt ist, die 22-jährige Journalistin Anastasia Steele zu fesseln oder zu verfolgen. Niall Leonard spielt perfekt die Rolle des an der Seite seiner Frau stehenden Ehemannes, eines sehr diskreten. Seine kleinen Grübchen verschwinden schlagartig, als ich frage, ob ihr Haus in West London ein Verließ besitzt. "Wie bitte?", erwidert er trotzig, als hätte er keine Ahnung, wovon ich rede. Anders gefragt: Ist der "Rote Raum des Schmerzes", in dem Christian und die prüde Anastasia den Großteil ihrer Zeit damit verbringen, sich auszupeitschen, rein fiktiv?

Leonard macht ein gelangweiltes Gesicht. "Der Raum, in dem wir die Bügelwäsche erledigen, hat eine rote Wand. Erika und ich hassen nichts mehr als Bügeln. Ich schätze, man könnte sagen, dass Bügeln für uns eine Art Folter ist. Aber das hat nichts mit dem Buch zu tun." Stört es ihn, dass seine Frau sich die letzten zwei Jahre gedanklich einem fiktiven 28-jährigen humorlosen amerikanischen Unternehmer hingegeben hat? "Wir haben doch alle irgendwelche Fantasien und Träume", sagt Leonard. "Jeder hat das. Und wer keine Fantasien oder geheimen Wünsche hat, der tut mir leid. Wirklich. Wenn die Leute so blöd sind, Fantasie und Realität zu verwechseln. Christian Grey! Ich bin verdammt froh, dass ich nicht dieser Typ bin. Der ist nämlich total gestört. Ich möchte nicht erlebt haben, was der erlebt hat." Haben er und Christian Grey Gemeinsamkeiten? "Na ja, wir sind beide Männer", sagt er. "Mehr nicht. Fragen Sie jemanden anderes, vielleicht meine Frau."

Queen of "Mommy Porn" E. L. James, im wahren Leben Erika Leonard. Der dritte "Shades of Grey"-Teil mit dem Untertitel "Befreite Lust" ist am 24.10. erschienen

Der Schreibvirus erwischte seine Erika eines Abends, als sie ohne ihren Mann im Kino war. Zu diesem Zeitpunkt in ihrer Karriere hatte sie sich bereits einen soliden Ruf als Fernsehproduzentin aufgebaut. Aber was ihr wirklich Spaß machte, war, sich auf ihrem Arbeitsweg in der U-Bahn in Groschenromane zu vertiefen. Erste Verhaltensänderungen machten sich bei Erika dann im Jahre 2009 bemerkbar. Sie fing plötzlich an, im Morgengrauen aufzustehen, um "FanFiction" zu schreiben: von den "Twilight"Büchern und -Filmen inspirierte Texte, aber mit "sexy Anteilen". Kurze Zeit später verbrachte sie auch ihre Abende damit, wenn sie von der Arbeit zurück war. Und es dauerte nicht lange, bis sie eine eigene Fan-Gemeinde hatte. Bald war sie Tag und Nacht am Schreiben - in der Gartenhütte, die ihr Mann für sich als Büro gebaut hatte. Die Verkaufszahlen sind phänomenal. Der Roman ist der Verkaufsschlager auf dem internationalen Büchermarkt. Von der Trilogie sind allein in den USA mehr als 15 Millionen und in England mehr als 12 Millionen Ausgaben verkauft worden. In Deutschland verkaufte sich der erste Band 1,2 Millionen Mal. Außerdem sind die Verkaufszahlen für Sexspielzeuge, insbesondere die im ersten Buch erwähnten "Ben Wa Orgasmuskugeln", in astronomische Höhen geschnellt. Offen gesagt ist es unmöglich, sich mit Leonard oder Erika zu treffen, ohne sich vorzustellen, dass bei ihnen zu Hause überall Sexspielzeug, SM-Verträge und -Kostüme herumliegen.

Leonard gibt zu, dass seine Söhne das Buch nicht lesen wollen. "Es ist ein bisschen, als würde man die eigenen Eltern beim Sex erwischen." Es muss schon seltsam sein, wenn die ganze Welt über dein Sexleben nachdenkt, sage ich. "Natürlich denken die Leute darüber nach", sagt Leonard. "Wenn sie sich darüber Gedanken machen wollen, dann tun sie es auch. Ich kann sie nicht daran hindern." Erika und Niall Leonard begegneten sich das erste Mal an der Filmhochschule. Leonard war Ende zwanzig und transportierte gerade eine armlose Schaufensterpuppe für eine Filmproduktion. "Es war eine nackte Schaufensterpuppe ohne Arme, und Erika streckte ihren Kopf aus einem Fenster und rief: ,Sie sieht so armlos aus.' Mir fiel keine geistreiche Antwort ein, und so lud ich sie stattdessen zu einem Date ein." Nun wird es aber höchste Zeit, findet er, über sein eigenes Buch zu sprechen. Es trägt den Titel "Crusher". Seine Hauptperson heißt Finn, ein gewiefter 17-Jähriger, der in die Gangsterwelt hineingezogen wird, nachdem er als Hauptverdächtiger des Mordes an seinem Stiefvater bezichtigt wird.

Es ist ein witziger Roman, und Leonard hofft, dass er damit die Computerabhängigen Jugendlichen von ihren X-Boxen wegholen kann. Interessanterweise war Erika, von der man nicht vermuten würde, dass sie zartbesaitet ist, der Ansicht, dass das Buch zu drastisch sei. Sie empfahl ihrem Mann, einige der blutrünstigeren Szenen, die gar nicht so blutrünstig sind, zu streichen - "Erika fand das Buch zu brutal". Leonard ignorierte ihre Vorschläge. Letztendlich jedoch war sie es, die ihn ermutigte, sich hinzusetzen und "Crusher" fertig zu schreiben. "Ein anderer Mann würde sich vielleicht von dem plötzlichen literarischen Erfolg seiner Frau entmutigt oder erdrückt fühlen, aber ich war kein bisschen neidisch. Ich habe sie einfach wirklich für ihre Arbeitsmoral bewundert, und sie hat mich damit inspiriert." Was er vom Thema ihrer Trilogie gehalten hat, beantwortet er nicht. Aber die Tatsache, dass seine Frau ihm ihr erstes Buch gewidmet hat - "Für Niall, den Herrn und Meister meines Universums" - deutet für viele darauf hin, dass es keine reinen Sexfantasien waren, die hier publik gemacht worden sind.

Es ist aber so oder so unwahrscheinlich, dass ein talentierter, erfolgreicher, intelligenter und feinsinniger Mann wie Niall Leonard vor Freude Luftsprünge vollführt hat, als er Silvester 2011 erfuhr, dass bald das ganze Land über die bisher privaten Fantasien seiner Frau bezüglich Pferdepeitschen und verbundener Augen Bescheid weiß. An diesem Tag nämlich erhielt sie die Mail, dass ihr Buch im britischen Markt eingeschlagen hatte und die Filmrechte kurz vor dem Verkauf standen. Dennoch besteht er auf seiner Bewunderung für Erika. "Ihr machte das Schreiben Spaß. Leute wie ich sitzen nur rum und jammern darüber, wie schrecklich unsere Arbeit ist, obwohl wir sie in Wirklichkeit lieben. Sie hingegen hat nie so getan, als würde sie das Schreiben hassen. Ich beneide sie um diese Abwesenheit von Zynismus." Nein, sagt er, keiner in seiner erweiterten Familie habe jemals das geringste Problem mit "Shades of Grey" gehabt. Selbst sein Vater, ein Katholik und ehemaliger Paartherapeut, liebe das Buch.

Text: Stefanie Marsh BRIGITTE 23/2012
Themen in diesem Artikel

Unsere Empfehlungen

Brigitte-Newsletter

Lieblingsartikel direkt in dein Postfach

Melde dich jetzt kostenlos an!